Salzkörner

Montag, 20. Dezember 2010

Nicht im Aktivismus verlieren

Das lesenswerte Interviewbuch mit Papst Benedikt XVI. enthält viele starke Passagen. Viele Antworten überraschen, manche Gedanken wirken länger nach.

So auch eine Passage, in der es um die Arbeitsbelastung des Papstes geht. Benedikt zitiert Bernhard von Clairveaux: "Erinnere dich daran, dass du nicht der Nachfolger von Kaiser Konstantin, sondern der Nachfolger eines Fischers bist." Und er warnt sich und uns: "Nicht im Aktivismus aufgehen! Es gäbe so viel zu tun, dass man ununterbrochen werkeln könnte. Und das genau ist falsch." Nicht im Aktivismus aufzugehen bedeute, sich eine Zeit des inneren Abwägens, des Sehens und Umgehens mit den Dingen, letztlich eine Zeit mit Gott zu behalten. "Dass man nicht meint, man müsse ununterbrochen arbeiten, ist an sich für jedermann wichtig, etwa auch für jeden Manager, und umso mehr für einen Papst."

Ist das nicht auch eine tief gehende Mahnung für unsere Gesellschaft? Wer Zug fährt, weiß, dass er ein Großraumbüro betritt, in dem telefonisch Verhandlungen geführt, Termine verschoben, Konkurrenten unter Druck gesetzt werden. In der politischen Debatte wird mit Regelmäßigkeit der Sonntag zur Disposition gestellt. Von Angestellten wird permanente Erreichbarkeit verlangt, bis spät in den Abend und natürlich auch am Wochenende. Die Telekom wirbt mit einem Spot, in dem Chef und Angestellter telefonieren und eine Datei austauschen. Beide versichern, sie seien noch im Büro, bis sie sich, mit dem Handy in der Hand, in den Blick geraten: beim Bötchenfahren der eine, im Ufercafé der andere. Verständnisvoll und dankbar für die Leistungen der Telekom lächeln sie sich an. Soweit der Spot. Die eigentliche Botschaft aber heißt: Auch beim Bötchenfahren wird gearbeitet.

"Nicht im Aktivismus verlieren …" Das ist keine Kritik am unverzichtbaren Engagement. Aber so, wie im Advent der Einkaufsstress besonders groß ist, wollen das ganze Jahr über Arbeit, Zwänge, Erwartungen, Ansprüche den ganzen Menschen für sich, und immer mehr rund um die Uhr. Darum ist es unverzichtbar, Nein zu sagen und sich zu begrenzen, um, wie Benedikt sagt, "den inneren Überblick, die innere Sammlung zu behalten, aus der dann die Sicht auf das Wesentliche kommt."

Autor: Stefan Vesper

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