Salzkörner

Freitag, 10. September 2010

Ökumenischer Tag der Schöpfung

Gebet, Zeugnis und gemeinsames Handeln
In diesem Jahr feiern die christlichen Kirchen in Deutschland zum ersten Mal gemeinsam einen Tag der Schöpfung. Sie wollen dies künftig in jedem Jahr tun.

Die Bilder von der zentralen ökumenischen Feier zu Christi Himmelfahrt auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag im Mai dieses Jahres in München sind vielen wahrscheinlich noch gut in Erinnerung. Am Schluss der Feier übergab eine Gruppe von Jugendlichen den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern der Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) ein Apfelbäumchen – ein einfaches und doch eindrucksvolles Zeichen und zugleich eine Mahnung, mit den Lebensgrundlagen, die die Erde bietet, so umzugehen, dass auch die nachfolgenden Generationen noch auf ihr leben können. Zuvor hatte der Vorsitzende der ACK, Landesbischof Friedrich Weber (Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Braunschweig), den von der ACK beschlossenen "ökumenischen Tag der Schöpfung" ausgerufen.

Vorgeschichte

Der ökumenische Tag der Schöpfung hat eine Vorgeschichte. Im Jahr 1989 schlug der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel Dimitrios I. vor, einmal im Jahr gemeinsam "zum Schöpfer der Welt zu beten: mit Dankgebeten für die große Gabe der geschaffenen Welt und mit Bittgebeten für ihren Schutz und für ihre Erlösung". Er war mit diesem Anliegen nicht allein. Viele Christinnen und Christen engagierten sich bereits für den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

Frucht und Stationen dieses Prozesses waren die europäischen ökumenischen Versammlungen in Basel (1989), Graz (1997) und Sibiu (2007). In Graz und Sibiu griff man den Vorschlag des Ökumenischen Patriarchen auf und plädierte nachdrücklich dafür, ihn gemeinsam umzusetzen. In der Botschaft der Versammlung in Sibiu heißt es: "Wir empfehlen, dass der Zeitraum zwischen dem 1. September und 4. Oktober dem Gebet für den Schutz der Schöpfung und der Förderung eines nachhaltigen Lebensstils gewidmet wird, um den Klimawandel aufzuhalten." Auch die von den Kirchen Europas 2001 verabschiedete Charta Oecumenica empfiehlt, "einen ökumenischen Tag des Gebetes für die Bewahrung der Schöpfung in den europäischen Kirchen einzuführen".

Die Mitgliedskirchen der ACK haben die Charta Oecumenica auf dem 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes für Deutschland angenommen. So ist es nur folgerichtig, dass die ACK auch die Empfehlung der Charta, einen ökumenischen Schöpfungstag einzuführen, aufgriff. Es wurde ein Beratungsprozess in Gang gesetzt, bei dem es sowohl um die inhaltliche Zielsetzung als auch um die praktische Verwirklichung eines ökumenischen Schöpfungstags ging. Eine Fachtagung in Brühl 2008 schloss mit einem Appell, diesen Tag in Deutschland einzuführen. Drei Aspekte sollten dabei im Mittelpunkt stehen: "die Umkehr wegen des menschlichen Vergehens an der Schöpfung, der Lobpreis des Schöpfers und das Einüben konkreter Schritte ('Schule des Mit-Leidens')". In der Folgezeit wurden die Leitungen der Mitgliedskirchen der ACK um ihr Votum zu diesem Vorhaben gebeten. Die Antworten fielen positiv aus, so dass auf einer weiteren Tagung (2009 in Mainz) die Umsetzung des Schöpfungstags in Liturgie und kirchlicher Praxis beraten werden konnte.

Termin

Als Termin für die bundesweite Feier dieses Tages setzte die Mitgliederversammlung der ACK im März 2010 den ersten Freitag im September fest. Dieser Termin fällt in den von der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Sibiu genannten Zeitraum. Er wurde in Anlehnung an den Weltgebetstag der Frauen gewählt, der am ersten Freitag im März begangen wird.

Anliegen

Für die ACK verbinden sich mit dem ökumenischen Schöpfungstag mehrere Anliegen: das gemeinsame Gebet zu Gott, dem Schöpfer, und das öffentliche gemeinsame Bekenntnis zu ihm sowie das gemeinsame Engagement für die Bewahrung der Schöpfung. Der Tag der Schöpfung ist somit von den grundlegenden Dimensionen der Ökumene geprägt, denen sich die ACK verpflichtet weiß: Gebet, Zeugnis und gemeinsames Handeln.

Die Feier des Schöpfungstags wird mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet. In ihm haben Lob und Dank an Gott, den Schöpfer, einen besonderen Platz. Der Schöpfungstag hebt damit ausdrücklich ins Bewusstsein, dass das Bekenntnis "ich glaube an Gott, den Schöpfer" alle Christen verbindet. Er thematisiert dies öffentlich und bringt den christlichen Schöpfungsglauben und seine Implikationen für das Verhältnis des Menschen zur Welt in die gesellschaftliche Diskussion ein.

Gesellschaftliche Dimension

Dies ist besonders wichtig in unserer Gesellschaft, in der der Glaube an Gott nicht selbstverständlich ist und in der atheistische Gruppen den Glauben an Gott, insbesondere den christlichen Glauben, offensiv und öffentlichkeitswirksam bestreiten. Dieser Herausforderung dürfen die Kirchen nicht ausweichen; die Einführung des ökumenischen Schöpfungstags ist ein Zeichen dafür, dass sie sich ihr gemeinsam stellen wollen.

Die Welt als Schöpfung Gottes zu bekennen, hat Folgen für den Umgang mit ihr. "Herrschaft" über die Schöpfung im Sinne rücksichtsloser Ausbeutung ist dann keine Option. Es hat auch Folgen für neue Fragen, die sich mit dem technischen Fortschritt auf vielen Gebieten stellen. Zu denken ist hier beispielsweise an den Streit um die Patentierung von Pflanzen und Tieren und an ethische Fragestellungen, die der medizinische Fortschritt besonders am Beginn und am Ende des menschlichen Lebens aufwirft.

Der ökumenische Schöpfungstag ist Anlass, darüber nachzudenken, wo Christinnen und Christen selbst zur Zerstörung der Schöpfung beitragen, und zur Umkehr zu ermutigen. Es gibt viele konkrete Schritte zur Bewahrung der Schöpfung, die alle in ihrem eigenen Alltag gehen können (vgl. z. B. das Heft des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising "Anders besser leben"). Der ökumenische Tag der Schöpfung bietet eine Gelegenheit, dies neu ins Bewusstsein zu rufen, bisher geleistetes Engagement sichtbar zu machen und zu verstärken.

Beteiligung

Alle Gemeinden sind eingeladen, sich – möglichst in ökumenischer Gemeinschaft – an dieser Initiative zu beteiligen. Wenn lokale und regionale Gegebenheiten es erfordern, können sie einen eigenen Termin innerhalb des Zeitraums zwischen dem 1. September und dem 4. Oktober für die Feier des Schöpfungstags festlegen. Wie für die Ökumene sonst, so gilt auch hier: Ohne das Engagement in den Gemeinden kann der Schöpfungstag nicht mit Leben gefüllt werden. Basisgruppen, Umweltbeauftragte in den Kirchengemeinden, Sachausschüsse Ökologie der Diözesanräte haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Bewahrung der Schöpfung Thema für die Kirche wurde und dass praktische Maßnahmen ergriffen wurden. Sie haben auch dazu beigetragen, dass dieses Anliegen auf der Tagesordnung der europäischen ökumenischen Versammlungen blieb. Die Einführung des ökumenischen Tags der Schöpfung bestätigt sie in diesem Engagement und will sie zugleich dazu anspornen, in ihren Bemühungen in Gebet, Glaubenszeugnis und Praxis nicht nachzulassen.

Wenngleich der ökumenische Tag der Schöpfung einen bestimmten Aspekt hervorhebt, so gilt doch, dass die Themen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung unlöslich zusammenhängen. Wer sich z. B. für den Kauf von Kaffee aus ökologischem Anbau einsetzt, der setzt sich damit gleichzeitig für bessere Bedingungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Kaffeeplantagen ein, denn sie werden keinen giftigen Pflanzenschutzmitteln ausgesetzt. Wer sich um die Reduktion von Abgasen bemüht, fördert zugleich den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen in den Ländern des Südens, denn die Armen in diesen Ländern leiden besonders unter den Folgen des Klimawandels (dies war zum Beispiel Thema der MISEREOR-Fastenaktion 2010). Insofern ist der ökumenische Tag der Schöpfung ein wichtiger Baustein im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.


Autor: Dr. Elisabeth Dieckmann, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK)

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