Salzkörner

Donnerstag, 31. August 2017

Pflegearbeit gerecht organisieren!

Ein ZdK-Impuls zielt auf eine breite gesellschaftliche Debatte zur Zukunft der Pflege

Nach der Reform ist vor der Reform. Der Bundestag hat im Dezember 2016 das dritte Pflegestärkungsgesetz beschlossen. Gut sechs Monate später veröffentlicht das ZdK den pflegepolitischen Diskussionsimpuls "Gerechte Pflege in einer sorgenden Gesellschaft"[1]. Der Impuls ist kein Beispiel dafür, dass die Kirche häufig zu spät kommt und aktuelle Diskussionen verpasst. Vielmehr diagnostiziert das ZdK einen pflegepolitischen Reformbedarf, der weit über die beschlossenen Maßnahmen hinausgeht: Personalmangel und Qualitätsdefizite in der Pflege, Überlastung der Pflegenden, demographisch bedingte Zunahme des Pflegebedarfs und geringe Anerkennung der Sorgearbeit in einer auf Erwerbsarbeit und industrielle Produktion fokussierten Gesellschaft. Dieser Reformbedarf erfordert eine breite zivilgesellschaftliche Debatte darüber, wie wir uns in Zukunft Pflege vorstellen und welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft haben soll. Auf dieser Grundlage können dann politisch die Weichen für eine gute Weiterentwicklung des deutschen Pflegesystems gestellt werden.

Um eine solche Debatte geht es dem ZdK mit dem Diskussionsimpuls, dessen sechs zentrale Botschaften hier kurz vorgestellt werden:

1.   Der Vorrang der häuslichen Pflege stößt immer deutlicher an Grenzen. Die weit verbreitete Angehörigenpflege ist einerseits ein eindrückliches Zeichen dafür, wie lebendig die Sorgebereitschaft und die familiäre Solidarität in der Gesellschaft sind. Andererseits führt Angehörigenpflege häufig zu einer völligen Überforderung der Angehörigen – oder auch der Mittel- und Osteuropäerinnen in der sog. 24-Stunden-Pflege. In diesen hohen Belastungen kommt zum Ausdruck, dass in Deutschland die Angehörigen einen Großteil der Lasten, die mit Pflege verbunden sind, selbst schultern müssen.Diese Grundstruktur des deutschen Pflegesystems, der Vorrang der häuslichen vor der stationären Pflege, stößt immer deutlicher an Grenzen. Schließlich steht dem wachsenden Bedarf an Pflege eine sinkende Fähigkeit der Familien gegenüber, die notwendige Pflegearbeit zu leisten. Letzteres geht neben zunehmender räumlicher Mobilität vor allem auf die wachsende Erwerbspartizipation von Frauen und die nur geringfügig gestiegene Sorgebeteiligung der Männer zurück.

2.   Pflegende Angehörige müssen durch Netzwerke der professionellen Unterstützung und durch verlässliche Alternativen zur häuslichen Pflege entlastet werden. Pflege ist – wie es bereits im Pflegegesetz von 1995 heißt – eine "gesamtgesellschaftliche Aufgabe". Das bedeutet, dass sich die Gesellschaft bzw. die Politik in dieser Hinsicht nicht mehr einfach darauf verlassen darf, dass die Familien die Lasten der Pflege schon irgendwie schultern werden. Vielmehr müssen erstens für die pflegenden Angehörigen Netzwerke der professionellen Unterstützung geknüpft und verstärkt werden. Dazu sind die z. T. bereits vorhandenen Angebote der Entlastung, wie z. B. Tages- oder Kurzzeitpflege, und die Beratung stärker bekannt zu machen und auszubauen. Vor allem aber müssen die in Deutschland noch völlig unterentwickelten haushaltsnahen Dienstleistungen wie Menüdienste, Wohnungsreinigung etc. gefördert werden, so dass sie verlässliche Angebote darstellen und den Dienstleistern faire Arbeitsbedingungen bieten. Zweitens bedarf es einer Verbesserung der professionellen Pflege in stationären Einrichtungen. Die Pflege in Pflegeheimen muss verlässlich organisiert und menschlich überzeugend sein, damit sie als ein attraktives Alternativangebot zur häuslichen Pflege wahrgenommen wird. Drittens erscheint es vielversprechend, die Erprobung und die Verbreitung neuer Mischformen zwischen professioneller und Angehörigenpflege, z. B. in Pflege-Wohngruppen, zu fördern.

3.   Für die Verbesserung und Weiterentwicklung der professionellen Pflege ist es entscheidend, durch eine bessere Personalausstattung den Zeitdruck in der Pflege zu reduzieren. Im Bereich der professionellen Pflege sind zwei Herausforderungen besonders dringlich. Zum einen muss das schlechte Image der Pflegeheime überwunden werden, das auch ein wichtiger Faktor für die weite Verbreitung häuslicher Pflege ist. Zum anderen muss der Personal- und Fachkräftemangel reduziert werden, der bereits heute massiv ist und – ohne geeignete Gegenmaßnahmen – aufgrund des demografischen Wandels noch weiter wachsen wird. Für beide Herausforderungen ist es von zentraler Bedeutung, die Minutenpflege, also den massiven Zeitdruck in der Pflege, zu überwinden. Durch eine wesentlich bessere Personalausstattung würden nämlich nicht nur die Pflegeheime attraktiver, sondern auch die Pflegeberufe.

4.   Bei der sog. 24-Stunden-Pflege besteht die entscheidende ethische Herausforderung in der Begrenzung der Arbeitszeit auf ein menschenwürdiges Maß.In vielen deutschen Haushalten sind es Erwerbstätige aus Mittel- oder Osteuropa, die überwiegend oder auch zur Gänze die Pflegeverantwortung tragen. Häufig wird ihre Arbeit in die Nähe der Angehörigenpflege gerückt. Es handelt sich aber um Erwerbsarbeit, die ethisch nur vertretbar ist, wenn die Erwerbstätigen regelmäßig Zeiten haben, in denen sie von allen Verpflichtungen gegenüber dem Arbeit- oder Auftraggeber befreit sind. Dazu bedarf es in Deutschland dringend einer geeigneten Regulierung und deren Durchsetzung. So lange es diese nicht gibt, sind vor allem die Angehörigen der Pflegebedürftigen in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Pflegekräfte aus Mittel- und Osteuropa ausreichend Freizeit haben. Gemäß einem international anerkannten Mindeststandard müssen auch Erwerbstätige in Haushalten wenigstens einmal pro Woche 24 Stunden am Stück frei haben.

5.   Bei familiären Entscheidungen über verschiedene Pflegeformen sind nüchtern deren jeweilige Auswirkungen auf alle Beteiligten zu erwägen. Stationäre Pflege kann eine gute Lösung sein. Nicht selten ist sie für alle Beteiligten die beste Lösung, gerade bei sehr hohem Pflegebedarf. Bei häufigen Besuchen können Angehörige engen Kontakt halten und auf die Qualität der Pflege achten. Diese wichtigen Aspekte der Entscheidung zwischen häuslicher und stationärer Pflege – und den neuen Pflegemischformen – drohen häufig aus dem Blick zu geraten, wenn sozialer Druck und moralische Selbstüberforderung mit im Spiel sind. Das ist gerade in kirchlichen Kreisen häufig der Fall.

6.   Eine gerechte Organisation der Pflegearbeit wird letztlich nur möglich sein, wenn die Gesellschaft zur sorgenden Gesellschaft wird.       Die Perspektiven für die Zukunft der Pflege bündelt der Diskussionsimpuls im Leitbild einer sorgenden Gesellschaft. Das ist eine Gesellschaft, in der die Fixierung auf Erwerbsarbeit und beruflichen Erfolg überwunden wurde, in der Männer und Frauen Zeit haben, Pflege- und andere Sorgearbeit zu übernehmen. In einer sorgenden Gesellschaft ist Angehörigenpflege gut sozial abgesichert und mit Erwerbsarbeit kombinierbar; zugleich haben alle Zugang zu qualitativ hochwertigen Pflegeheimen und Pflege-Wohngruppen. Eine sorgende Gesellschaft schätzt personenbezogene Dienstleistungen nicht weniger wert als Arbeit in der Industrie. Auch durch faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen sind Pflegeberufe attraktiv.

Mit diesen Denkanstößen zielt der ZdK-Text auf eine öffentliche Debatte darüber, wie wir in Zukunft die gesellschaftlich notwendige Pflegearbeit organisieren wollen. Kirchliche Positionen für diese Debatte sollen in einer ersten innerkirchlichen Diskussionsphase vorbereitet werden, die im Januar 2018 mit einem Verbände-Hearing beginnen wird.

Den ZdK-Diskussionsimpuls "Gerechte Pflege in einer sorgenden Gesellschaft" finden Sie unter http://www.zdk.de/veroeffentlichungen/erklaerungen/detail/Gerechte-Pflege-in-einer-sorgenden-Gesellschaft-241x/

 



[1]       Der Impuls wurde am 23. Juni 2017 vom Hauptausschuss des ZdK verabschiedet. Er entstand in einer Arbeitsgruppe des Sachbereichs Wirtschaft und Soziales, der neben dem Autor dieses Beitrags folgende Personen angehörten: Dr. Monika Stolz, Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins, Stefan Becker, Dr. Heide Mertens und Dr. Gloria Behrens. Die kompetente und engagierte Begleitung durch Julia Seeberg sicherte die Arbeitsfähigkeit dieser Gruppe.

 

 

Autor: Prof. Dr. Bernhard Emunds Leiter des Nell-Breuning-Instituts der Hochschule Sankt Georgen Mitglied des ZdK

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