Salzkörner

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Pflegezeit

Editorial

Weit stärker als Fakten prägen die Bilder in unserem Kopf, die "Images", unser Handeln und Planen. Unser "Image" von Familie ist meist fest verbunden mit Kindern, Erziehung und Bildung. Das ist auch gut so – aber nur ein Teil unserer Realität. Familie ist auch Alter, Betreuung, Pflege – und das in rasant steigendem Maße. In zehn Jahren wird die Zahl der pflegebedürftigen Familienangehörigen um 20 % gestiegen sein, weitere zehn Jahre später um 60 %.

Was diese Fakten für das Zukunftsthema Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeuten, wird derzeit noch dramatisch unterschätzt, wie von der "berufundfamilie gGmbh" beauftragte Studien belegen. Das zeigt auch eine aktuelle repräsentative Umfrage bei Arbeitgebern, die die Tragweite der Entwicklung auch für ihre Wettbewerbsfähigkeit mehrheitlich noch nicht erkannt haben.

Es ist in den letzten Jahren gelungen, ein hohes gesellschaftliches Bewusstsein für die Bedeutung der Vereinbarkeit von Kindererziehung und Berufstätigkeit auszuprägen. Das Bewusstsein für die Vereinbarkeit von Pflege- und Berufstätigkeit ist demgegenüber noch unterentwickelt, obwohl die demografische Entwicklung genau gegenläufig ist: Im Jahr 2030 wird es annähernd so viele pflegebedürftige Menschen wie Kinder unter 6 Jahren geben. Schon heute übersteigt die Zahl der Pflegebedürftigen deutlich die Zahl der Kinder unter 3 Jahren.

In Zukunft wird es darauf ankommen, dass Familien zeitliche Spielräume gewinnen, um – auch über die eigentliche Pflegetätigkeit hinaus – für ihre älteren Angehörigen da zu sein. Es wird Zeit, dass wir unser "Familienimage" der Realität anpassen, um die richtigen gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen zu ziehen.

 

 

Autor: Dr. Stefan Vesper

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