Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Erwin Dirscherl, Regensburg


Über den lebendigen Dialog, mit und zwischen Menschen jüdischen und christlichen Glaubens, bin ich in diesen Dialog hineingekommen und er ist mir wichtig, weil mir diese Menschen und ihr Glaube wichtig sind. Im Glauben ist Gott für uns alle bedeutsam und darüber sprechen wir und darum ringen wir gemeinsam in der Unterschiedenheit unseres Glaubens.

Durch meine akademischen Lehrer Wilhelm Breuning und Josef Wohlmuth wurde ich mit dem jüdisch-christlichen Dialog vertraut gemacht. Wilhelm Breuning hat nach einer nicht antijüdischen Christologie gesucht und Josef Wohlmuth hat seine Theologie aus dem Dialog mit jüdischem Denken entfaltet. Durch ihn habe ich die Philosophie von Emmanuel Levinas entdeckt und war so verrückt, auf eigene Faust nach Paris zu fahren und Levinas zu besuchen. Diese Begegnung mit ihm hat mich nachhaltig geprägt. Zum einen half er mir, sein komplexes Denken besser zu verstehen, zum anderen beeindruckte mich seine herzliche unkomplizierte Gastfreundschaft, die er mir entgegenbrachte. Wir sprachen zu Beginn über Heidegger, dann über die Weise, wie Levinas dessen Denken kritisch rezipierte; dann eröffnete er mir einen Zugang zu seinem eigenen Denken, nicht ohne mich immer zuvor zu fragen, wie ich ihn oder Heidegger verstanden habe. Am Ende sprachen  wir über das christlich-jüdische Verhältnis. Nach dieser Begegnung wollte ich unbedingt den Versuch unternehmen, ihm und seiner Philosophie gerecht zu werden und mich mit dem jüdisch-christlichen Dialog verstärkt zu befassen. Der Grund für die Wichtigkeit dieser Themen liegt in dieser beeindruckenden Begegnung. Durch meine Habilitation zum Thema: Die Bedeutung der Nähe Gottes – Ein Dialog zwischen E. Le

vinas und K. Rahner1, die zugleich Theologie und Philosophie sowie christliches und jüdisches Denken in den Blick nahm, wurde mir mehr und mehr bewusst, wie groß die Nähe zwischen Juden und Christen ist.

Unvergessen ist mir auch eine Tagung des Gesprächskreises "Juden und Christen" zur Gottesfrage in Berlin, deren Diskussionsbeiträge ich mit Werner Trutwin zusammen herausgab.2 Das war ebenfalls gelebter Dialog, spannende Debatten, das Spüren der Präsenz Gottes zwischen uns, jenes Gottes, der uns in seiner Unbegreiflichkeit immer wieder zu denken gibt, der uns dazu herausfordert, wie Levinas sagt, mehr zu denken, als wir denken können. Dieses "mehr" deutet auf das Leben in der Nähe Gottes. Bevor wir darüber nachdenken, leben wir diese Beziehung zu Gott bereits, sie ist uns vorgegeben. Auch die Tagung des Gesprächskreises mit Michael Signer zur Christologie an der Katholischen Akademie in München im Jahr 2004 ist für mich eine Wegmarke von besonderer Bedeutung.

Die Frage nach dem Verhältnis von Juden und Christen gehört zur Identität des christlichen Glaubens und ist keine vorübergehende Modeerscheinung, die eine bestimmte Zeit prägen und dann wieder hinter anderen Themen zurücktreten könnte. Es gibt eine bleibende Bindung, die sich im Judesein Jesu ebenso zeigt wie im Ursprung der Kirche und den Schriften der Bibel. Die Verantwortung der Christen angesichts der Shoa bedeutet eine Verpflichtung zum Dialog, die unsere Anthropologie und Gottrede nicht unberührt lassen kann, weil das, was in der Zeit passiert, Gott und die Menschen unmittelbar betrifft. Wie bringen wir Unsagbares zur Sprache, wie reden wir, ohne andere zu verletzen, wie gehen wir mit Schuld und Versöhnung verantwortungsvoll um, wie reden wir von Wahrheit? Diese Fragen sind wichtig für uns und für alle.


 

1    Erwin Dirscherl: Die Bedeutung der Nähe Gottes - Ein Gespräch mit Karl Rahner und Emmanuel Levinas, Würzburg 1996 (= BDS 22).

2    E. Dirscherl/W. Trutwin, Diskussionsberichte. In: Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Hg., Die Gottrede von Juden und Christen unter den Herausforderungen der säkularen Welt. Symposion des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der dt. Katholiken am 22./23.11.1995 in der Kath. Akademie Berlin. Bonn 1996, 7-9; 32-38; 64-86.
E. Dirscherl/W. Trutwin, Bericht über die Plenumsdiskussion. In: D. Henrich/J.B. Metz u.a., Die Gottrede von Juden und Christen unter den Herausforderungen der säkularen Welt. Symposion des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der dt. Katholiken am 22./23.11.1995 in der Kath. Akademie Berlin. Münster 1997 (= Religion - Geschichte - Gesellschaft 8), 5-7; 35-42; 73- 98.

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