Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Hanna Liss, Heidelberg


Mir ist der jüdisch-christliche Dialog vor allem aus der akademischen Perspektive wichtig: Mein Fach an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, das sich mit den Text- und Auslegungstraditionen der Hebräischen Bibel einschließlich der Targumim beschäftigt und sich gemeinsam mit der Hebräischen Sprachwissenschaft auf die Erforschung des Hebräischen und Aramäischen konzentriert, hatte weder vor 1933 noch nach 1945 einen gesicherten akademischen Rahmen an der Universität, und entsprechend wurden auch die Forschungen vieler Vertreter der Wissenschaft des Judentums auf diesem Gebiet von der universitären Wissenschaft, d.h. vor allem: von den christlichen Wissenschaftlern kaum je zur Kenntnis genommen. Auch heute noch sind die Forschungen an der Hebräischen Bibel, den Targumim und der Masora im universitären Raum in Deutschland nahezu ausschließlich an christlichen-theologischen Standorten beheimatet, was damit nicht nur die akademische Arbeit jüdischer Wissenschaftler in ihrem eigenen Forschungsfeld bis heute immer wieder verhindert, sondern vor allem dazu führt, dass der Prozess des Nachdenkens über die Hebräische Bibel nur exklusiv intern und nicht inter-religiös stattfindet.
Für mich in meinen persönlichen und beruflichen Zusammenhängen bedeutet der jüdisch- christliche Dialog daher vor allem, dass man einander auf der Gelehrten-Ebene zur Kenntnis nimmt. Der Gesprächskreis ist ein sehr gutes Forum, um Gemeinsamkeiten, aber vor allem: Differenzen zuzulassen, auszutauschen, aber auch auszuhalten, weil wir alle in diesem Kreis gewohnt sind, auch einmal einen Schritt zurückzutreten, um eine Sache mit ein wenig Abstand zu betrachten. Derartige Diskurse ermöglichen wiederum eine neue Qualität für den je eigenen theologischen Binnendiskurs, weil nunmehr Strategien der Überzeugung und Argumentationen entwickelt werden müssen, die nicht nur nach innen, sondern auch nach außen sprachfähig sein müssen.
Wie schon in Antike und Mittelalter sollte deshalb auch heute der Dialog zwischen den religiösen und intellektuellen Eliten beginnen, die dann in einem zweiten Schritt diesen Dialog je eigens akzentuiert in ihre eigene peer group tragen. Der jüdisch-christliche Dialog wird damit immer und auf allen Seiten auch die Bereitschaft zur Selbstdistanzierung von liebgewordenen Überzeugungen und die Auslotung neuer Interpretationsspielräume auf der Basis auch der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse mit sich bringen, weil die Selbstverständigung und Selbstvergewisserung neue Argumentations-Strategien erfordert. So verstanden ist der jüdisch-christliche Dialog als Alteritätsdiskurs die notwendige Voraussetzung für die Entwicklung des Eigenen: eigentlich eine Binsenweisheit, aber in jedem Fall eine bleibende Herausforderung.

 

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