Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Hans-Joachim Sander, Salzburg


Weil er eine große Sache ist.
Wenn Juden und Jüdinnen mit Christen und Christinnen theologisch reden, dann geht es um eine große Sache. Sie ist so groß, dass sie beide Seiten relativiert, also in ihren religiösen Ansprüchen, gläubigen Identitäten und spirituellen Vorentscheidungen verkleinert. Aber die Sache tut das in einem ganz unterschiedlichen Sinn für die jeweilige Seite. Es geht natürlich um die Gottes-Sache, also ob sich von Gott überhaupt sprechen lässt, und wenn ja, wie das in differenten Glaubensmodi gelingen soll, die mindestens vom gleichen, wenn nicht sogar vom selben Gott sprechen. Die Relativierung durch die Sache des Dialogs lässt sich entsprechend nicht in gleicher Weise von Christen und Juden sagen, weil sie einander nun einmal ungleich sind.
Es geht dabei auch nicht bloß um ein Verhältnis innerhalb einer religiösen Familienähnlichkeit, also von Mutter- zu Tochterreligion oder zwischen ungleichen Zwillingen oder Stiefgeschwistern, oder welche familiäre Variante sonst noch denkbar wäre. In einem Dialog über Gott taugen Familienmetaphern nun einmal nicht, weil Dialoge zwischen Leuten geführt werden, die einander nicht ausweichen und doch einander manches schuldig bleiben können. Es werden dabei mit den Stärken der einen unweigerlich die Schwächen der anderen freigelegt. Der Relativierung ist bei keinem ernsthaften Dialog auszuweichen, während man sich in Familien in einem solchen Fall aus dem Weg gehen oder darauf setzen kann, dass es irgendwann dann umgekehrt zugeht, man also endlich in den Schwächen der vorher stärkeren Seite herumbohren kann. Bei dem Gottesthema zwischen Juden und Christen geht gleich beides gar nicht, obwohl beides über Jahrhunderte intensiv versucht worden ist und insbesondere die zweite Alternative von der christlichen Seite in den Antijudaismus gegossen wurde. Das ist gescheitert mit den bekannten fürchterlichen Folgen im 20. Jahrhundert. Darum ist der Streit um Gott in diesem Dialog auch eine andere Sache geworden, nämlich die Sache der jeweils anderen. Der Streit lässt sich um Gottes Willen für die Christen nicht mehr gegen die anderen verwenden, wohl aber gegen die eigenen Ansprüche richten. Und für die Juden lässt Gott sich nicht reservieren, ohne hinter die Bedeutung des Streites um den Willen Gottes zurückzubleiben.

Gott ist in diesem Dialog nun einmal weder die Stärke der einen noch die Schwäche der anderen. Er mutet beiden vielmehr zu, in dieser Sachlage eine Wechselwirkung zu finden, die mit den Stärken der einen die Schwächen der anderen und umgekehrt angeht. Darum taugen die Familienmetaphern in diesem Dialog ja auch nicht; er ist weder ein Vater nur der einen noch ein Sohn bloß für die anderen.
Aus den fürchterlichen Resultaten früherer Zeiten hat man in diesem Dialog gelernt, dass man einander nichts schuldig bleiben darf, obwohl man es sehr leicht kann, und deshalb einander nicht ausweichen sollte, obwohl man es vielleicht lieber täte.
Bei diesem Lernschritt ist aber – und hier wird der Unterschied in der großen Sache Gott dann prekär – die christliche Partie die lernende Seite, die jüdische dagegen die lehrende. Beide werden dabei und davon relativiert. Die Christen müssen sich von den Juden sagen lassen, was sich nun wirklich verbietet, wenn man den Juden Jesus mit seinem jüdischen Glauben ins Zentrum der eigenen Botschaft stellt. Und die Juden müssen sich bitten lassen, über sich hinaus Farbe zu bekennen, was denn ihr Gott tatsächlich bedeutet, wenn ihn andere auf so dezidierte Weise verwenden können, wie es die Christen tun.
Ein Anfang eines Anfangs in dieser Relativierung ist gemacht und er erweist sich als geglückt. Ob die Relativierung wechselseitig glückt, muss sich noch in weiteren Anfängen zeigen, und natürlich noch viel mehr, wie beglückend sie sich denn am Ende erweist.

 

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