Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Heinz-Günther Schöttler


`Das Judentum` habe ich in meinem Theologiestudium kennengelernt, meinte ich wenigsten damals im Herbst 1970, als ich in Trier das Studium begann. In der entsprechenden Vorlesung lernten wir mit Martin Noths bekanntem und weit verbreiteten Lehrbuch, dass die Geschichte Israels mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70n.d.Z. zu Ende gegangen sei und der Bar-Kochba-Aufstand und seine Niederschlagung durch die Römer (132135) nur noch ein "schauerliches Nachspiel der Geschichte Israels". Es bestehe kaum eine Kontinuität zwischen dem Israel des Alten Testaments und dem Judentum heute, dem Noth zudem den Würdenamen "Israel" abspricht. Mit diesem problematischen Vor-‘Wissen’ hörten wir wenige Semester später in den Vorlesungen über das Neue Testament von Talmud und Midrasch, vermittelt durch Paul Billerbecks umfangreiches und hermeneutisch nicht unproblematisches Kompendium. In dieser Sicht war Jesus immer besser; z.B. sprach man von der ‘besseren Gerechtigkeit", wofür man sich irrigerweise meinte auf Matthäus 5,20 berufen zu können. Und im Zweifelsfall war Jesus ganz anders als ‘das Judentum’ seiner Zeit. Zweierlei hatte ich also in meinem Theologiestudium gelernt: ‘Das Judentum’ ist eine geschichtliche vergangene Größe und Jesus ist immer größer.

Als ich dann 1980 ein Promotionsstudium im Fach Altes Testament begann, blieb ‘das Judentum’ immer noch eine vergangene Größe. Juden persönlich kannte ich nicht. Durch die Promotion aber wuchs das Interesse, besonders an dem Thema, für das sich Christen, wenn sie an ‘das Judentum’ denken, aus eigennützigem Interesse immer besonders interessieren: die Messiasfrage. Der jüdische Messias, so dachte ich mit vielen anderen damals, müsste doch letztendlich der christliche Christus sein, und so dichteten wir, wie es üblich war und immer noch ist, dem Judentum eine Messias-Vorstellung an, die aus Versatzstücken der Christologie der frühen Konzilien gebastelt war, so dass Jesus von Nazareth zum ‘besten’, zum ‘eigentlichen’ Juden wurde, zum Gründer der christlichen Religion eben, die so eigentlich aus dem Judentum des Alten Testaments nicht ableitbar sei, zumal nicht aus dem Judentum der Zeit Jesu, insofern Jesus ja Tora und Propheten überbiete. Das anstudierte Vorurteil verfestigte sich und ‘das Judentum’ diente als Negativfolie, um christliche Denkfiguren umso heller behaupten zu können!

In der Zwischenzeit war ich Pfarrer geworden, lehrte am Priesterseminar in Trier und der dortigen Theologischen Fakultät das Fach Homiletik. Das studierte Theologiegebäude wurde mir immer fraglicher, und ich fing an, intensiv jüdische Literatur zu lesen, besonders jüdische Bibelkommentare. Ich versuchte, Mischna, Talmudim und Midraschim als mir fremde Literaturformen besser zu verstehen, und las Bücher, die in jüdische Theologie einführten. Juden kannte ich aber persönlich immer noch nicht! Dass das nicht so weitergehen konnte, spürte ich immer stärker. Gleichzeitig arbeitete ich an einer Habilitationsschrift, in die ich meine bisherige theologische Biographie einbringen wollte: Ich frug danach, wie die als Altes Testament rezipierte Bibel Israels so in christlicher Predigt vorkommen könne, dass sie als Glaubensurkunde des Volkes Israels in christlicher Predigt nicht verkommt. Denn in der durchschnittlichen Sonntagspredigt wird die Christozentrik häufig leider selbstredend als Überbietung des Judentums entworfen.

Mir wurde immer deutlicher, dass diese Hermeneutik der christlichen Theologie dem jüdischen Glauben deshalb nicht gerecht werden kann, weil sie ihn von einem konstruierten Außen her betrachtet, eben von einem christlichen Standpunkt aus, der das Judentum ständig überbieten zu müssen meint. Lässt sich aber christliche Theologie betreiben, ohne authentische Stimmen zu Wort kommen zu lassen, wenn es um den jüdischen Glauben und seine Praxis geht, auf die ein Christ immer stößt, wenn er Theologie treibt? Denn "Jesus war Jude und ist es immer geblieben" (Johannes Paul II.). Es herrscht ein großes hermeneutisches Missverständnis, das Zwi Werblowsky aus jüdischer Sicht so formuliert: "Was den Juden das Gespräch mit den Christen verbaut hat, war nicht nur die unglückselige Historie des christlichen Antisemitismus, sondern auch die Tatsache, dass der Jude, wenn er den Christen verstehen wollte, auf einen Christen stieß, dessen christliches Selbstverständnis immer schon a priori ein Missverständnis der jüdischen Position enthielt."

So habe ich endlich den Dialog mit Jüdinnen und Juden von mir aus gesucht. Hanspeter Heinz, der zu dieser Zeit bereits jahrzehntelang intensiv in diesem Dialog stand, hat mich dabei unterstützt, wofür ich ihm an dieser Stelle ganz herzlich Dank sage! Eine homiletische Lehrtätigkeit am Abraham Geiger Kolleg in Berlin kam dazu, und ich machte eine überraschende Entdeckung: Meine christliche Theologie und ihre hermeneutischen Voraussetzungen veränderten sich im Dialog mit Jüdinnen und Juden. Meine Theologie verlor dem jüdischen Glauben gegenüber jede ‘besserwisserische’ Attitüde, die für christliche Theologie leider immer noch kennzeichnend ist, wenn es etwa um Fragen der Soteriologie oder Eschatologie geht. Mehr noch: Ich lernte den jüdischen Glauben als Bereicherung für meinen christlichen Glauben kennen: Begegnung auf Augenhöhe. So brauche ich Jesus Christus nicht mehr als ‘Erlöser auch der Juden’ zu glauben und meine, dass der Jude Paulus auch so zu verstehen ist (vgl. Römerbrief 11,25ff). Und noch etwas habe ich gelernt, dass es ‘das Judentum’ nicht gibt; mit Walter Homolka formuliert: "Das Judentum hat viele Gesichter."

Christlich-jüdischer Dialog ist nicht harmlos; er verändert und hinterlässt Spuren – bis hinein in die Theologie. Alles andere wäre unverbindliches Gespräch. Weil er mich so unendlich bereichert, ist mir der christlich-jüdische Dialog so wichtig, mehr noch: notwendig geworden! So habe ich allen Grund, Dank zu sagen, an erster Stelle den jüdischen Freundinnen und Freunden, die sich auf den Dialog einlassen, was nicht selbstverständlich ist...

Und worin besteht die ‘Bereicherung’ der Begegnung und des Dialogs mit jüdischen Menschen? Besonders darin, dass ich als Christ nicht glauben muss, dass die Geschichte Gottes mit den Menschen ‘so richtig erst’ mit Christi Geburt begonnen habe. Ich kann ganz gelassen glauben, dass diese Geschichte schon viel ‘früher’ beginnt, nämlich "im Anfang" (vgl. Gen 1,1: bereschit / ’en archē / in principio), und das ist kein Anfang, der zurückgelassen wurde (initium), sondern ein Anfang, der nicht aufgehört hat anzufangen (principium). Wenn das Wort gilt, dass Jesus Jude geblieben ist, dann wächst für mich als Christ die communio im Glauben im Sinne der paulinischen participatio (vgl. Röm 11,17). Wir werden also stärker, nicht schwächer!

 

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