Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Hubert Frankemölle, Paderborn


Bibelwissenschaftler führen seit jeher ein Gespräch mit den Thesen anderer. So auch ich als katholischer Neutestamentler seit über 40 Jahren mit evangelischen, katholischen, jüdischen und anderen Autoren. Dass sich bei mir aus dem religionswissenschaftlichen Diskurs mit den Texten der jüdischen Bibel und mit jüdischer Literatur ein Gespräch Face-To-Face auf Augenhöhe entwickelte, dem ich mich verpflichtet weiß, verdankt sich verschiedenen Faktoren:

  • Der Erkenntnis der Vielfalt an Glaubensüberzeugungen im AT und NT und dem Faktum der ständigen Fortschreibung und Transformationen älterer Glaubenstraditionen. Im Kontext dieser hermeneutischen Erkenntnis las ich immer stärker die neutestamentlichen Texte als jüdisch-christliche Glaubensüberzeugungen. Jüdischer, von der Bibel bezeugter Glaube ist für Christen kein fremder Glaube.

 

  • Der hermeneutischen Erkenntnis, dass wir nur wie in einem Spiegel sehen (1 Kor 13,12), Gottes Wort von Menschen nie absolut gehört werden kann (Ps 62,12; Jer 23,29), Gottes Wege mit Juden und Christen unergründlich sind, sein Bund mit den Juden unauflöslich ist (Röm 11,25-36). Der jüdische Glaube ist demnach wie der christliche Glaube ein Weg zu Gott. Zwischen jüdischem und christlichem Glauben "besteht eine reiche Komplementarität" (Papst Franziskus, Evangelii gaudium, 249). Christen haben den Respekt vor dem Geheimnis Gottes einzuüben. Dies können sie von der Bibel und von jüdischen Theologen lernen.

 

  • Der Einsicht in die sprachliche Gestalt biblischer Texte: In der Bibel sind Bekenntnisse überliefert, die das Leben von Menschen "unbedingt" angehen (Paul Tillich), aber nicht ungeschichtlich absolut verstanden werden wollen. An der Berufung Jesu, des Paulus und Anderer im NT kann man dies studieren.


Den bibelwissenschaftlichen Erkenntnissen parallel gingen Erfahrungen, die ich vor Ort und in verschiedenen Gremien, primär im Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK, mit den Glaubensüberzeugungen jüdischer Menschen machen konnte. Wie in diesem Kreis jeder seine Glaubensüberzeugungen offen vertrat (vgl. 1 Petr 3,15), Übereinstimmungen und Unterschiede am Ende langer und intensiver Gespräche in veröffentlichten Erklärungen formuliert werden konnten, hat mich tief beeindruckt und mich in meinen bibelwissen- schaftlichen Erkenntnissen bestärkt. Die kritischen kirchenamtlichen Reaktionen auf die letzte Erklärung "Nein zur Judenmission" von 2009 (mit Rücksicht auf verunsicherte Gläubige oder traditionelle vatikanische Kreise?) belegen, dass wir innerkirchlich noch auf dem Wege sind und noch viel zu tun ist.

Christlich-jüdischer Dialog, dem ich mich aus den genannten Gründen verpflichtet weiß, ist ein ständiger Prozess. In der ersten Dimension dient er als innerchristlicher Dialog der Selbstvergewisserung des eigenen christlichen Glaubens und seiner jüdischen Ursprünge. Nur auf dieser Basis kann Dialog sich in seiner zweiten, primären Dimension entfalten: der Begegnung mit jüdischen Gläubigen. Die jeweiligen Besonderheiten im Glauben können als wechselseitige Bereicherung verstanden werden.

Der Jude Jesus von Nazareth, den wir Christen als Messias/Christos verehren, ist mit seiner monotheistischen Verkündigung in Wort und Tat bleibender Maßstab. Alle Christologien, ob im aramäisch-jüdischen oder im griechisch-jüdischen oder neuzeitlichen Kontext formuliert, haben innerhalb der Grenzen des jüdischen Glaubens an Gott, den Einen und Einzigen (Dtn 6,4; Mk 12,29.32; Joh 5,22.44; Röm 3,30), zu bleiben. Diesen Anspruch lebendig zu halten, ist Aufgabe der christlichen Neutestamentler. Eine gegenseitige Verständigung gelingt nicht auf der Basis philosophischer Spekulationen, sondern nur im Konzept der biblisch bezeugten Offenbarungsgeschichte. Sie impliziert die gemeinsame Verantwortung von Juden und Christen für die Welt, konkret für Menschenwürde, Gleichheit, Freiheit, sozialer Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung usw. Christlicher Glaube würde ohne die jüdischen Wurzeln verdorren und richtungslos werden. Dies ist meine Grundüberzeugung, gewonnen aus bibelwissenschaftlicher Arbeit: Maßstab für den christlich-jüdischen Dialog in persönlicher Begegnung.

Zur näheren Begründung meiner in Jahrzehnten gewachsenen Überzeugungen vgl.: Erfahrungen im jüdisch-christlichen Dialog, in: I.Fischer/E. Petschnigg (Hg.), Der "jüdisch-christliche" Dialog verändert(e) die Theologie, Graz 2015.

 

zurück zur Übersicht