Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Ilse Müllner, Kassel


Am Ende meiner Schulzeit kannte ich den Begriff des Holocaust: eine unvorstellbare Zahl von sechs Millionen war in meinem Kopf (Österreich hatte damals sieben Millionen Einwohner/innen); ich wusste, dass in der Wiener Judengasse früher einmal Juden gelebt hatten und dass viele Jüdinnen und Juden aus Deutschland und Österreich dank rechtzeitiger Emigration ihr Leben vor der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten hatten retten können. Am Ende meines Studiums der Theologie kam einiges an Wissen um den jahrtausendealten christlichen Antijudaismus und um die komplexen Verstrickungen der Kirchen in den Nationalsozialismus hinzu. Das Judentum existierte für mich primär im Modus der Vergangenheit, Juden waren darüber definiert, verfolgt worden zu sein. Ich wusste deutlich mehr über antisemitische Stereotypen im christlichen Denken als über jüdisches Leben.
Das Aufdecken und Benennen antijüdischer Argumentationen bleibt eine Aufgabe christlicher Theologie und Verkündigung. Diese notwendige christliche Selbstreflexion ist aber noch keine Begegnung mit dem Judentum. Gespräch geht nicht allein, und die christlich-theologische Einsicht in die Verwiesenheit auf das Judentum spiegelt sich in der Angewiesenheit der Christ/innen auf jüdische Gesprächspartner/innen, die sich auf einen Austausch, auf Streit und Diskussion einlassen wollen. Christliche Selbstkritik ist dafür eine Voraussetzung; inwieweit sie im Dialogprozess ihren Platz hat, muss jeweils konkret und immer wieder neu ausgelotet werden.
Die christliche Selbstreflexion antijüdischer Denkmuster ging in meiner theologischen Biographie Hand in Hand mit einer Annäherung an die Gemeinsamkeiten von Judentum und Christentum, mit einer Selbstbestimmung des Christentums über die Verbindungslinien zum Judentum mehr als über die sattsam bekannten Abgrenzungen mit ihren Abwertungsstrategien. Der Bindestrich in der Rede von der jüdisch-christlichen Tradition wurde stark gemacht. Mir als Bibelwissenschaftlerin kam es natürlich entgegen, das Gemeinsame zu betonen. Bis heute ist es mir wichtig, die biblischen Schriften des Ersten Testaments im Bewusstsein zu lesen, dass sie den Christ/innen nicht allein gehören und dass uns im Wissen auch um die kanonischen Differenzen auch diese Texte immer wieder in eine theologische Verbindung mit dem Judentum in Geschichte und Gegenwart stellen.
Ich musste aber auch lernen, dass ich in einer Zeit lebe, in der es nicht mehr möglich ist, allein das Verbindende von Christentum und Judentum zu betonen, will ich das Verhältnis zwischen diesen beiden Religionen beschreiben. Der Bindestrich wurde mir zum Fragezeichen: War es wirklich angemessen, von der jüdisch-christlichen Tradition zu sprechen? Hat es eine solche Einheit je gegeben? Und welche Funktionen hat die Rede vom Bindestrich? Zunächst sollte sie ja wohl darauf verweisen, dass ein Christentum, das sich seiner Verbindung zum Judentum nicht bewusst ist, zum einen sich selbst beschneidet und zum anderen dazu tendiert, antijüdisch zu werden. Diese Anliegen kann ich teilen. Ich bemerkte aber auch, wie viel leichter es mir war, mich in der "jüdisch-christlichen" als in der "christlichen" Tradition zu verorten. So als ob ich ein Stück Siegergeschichte ablegen konnte, indem ich den Bindestrich anzog. Mit den jüdischen Traditionen hat das aber doch nur wenig zu tun.
Ja, es geht mir im jüdisch-christlichen Dialog auch darum, das Christentum besser zu verstehen und den Blick auf das Judentum zum Lackmustest der Güte einer christlichen Theologie zu machen. Die Selbstbestimmung christlicher Identität mit Blick auf das Judentum ist zunächst einmal eine christliche Aufgabe, der offene Gespräche mit Jüdinnen und Juden sicherlich gut tun. Aber als Christ/innen können wir nicht erwarten, dass sich Juden und Jüdinnen ständig mit unseren theologischen Fragen beschäftigen. Natürlich wünsche ich mir Gespräche mit Jüdinnen und Juden, in denen auch Fragen christlicher Theologie zum Thema werden können. Hauptsächlich suche ich das jüdisch-christliche Gespräch aber als Lernort. Ich will mitbekommen, wie Jüdinnen und Juden jetzt in Deutschland leben, bin neugierig darauf, wie sich die vielfältigen jüdischen Traditionen in gegenwärtige Kulturen hinein buchstabieren (oder auch nicht) und bin mehr als dankbar, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland leben wollen.
Die Gespräche werden auch in den nächsten Jahren nicht nur konsensuell verlaufen: Da gibt es genügend Themen, die Reibung verursachen. Aber nicht nur zwischen den Vertreter/innen von Judentum und Christentum werden Spannungen entstehen, sondern auch innerchristlich und innerjüdisch gilt es, verschiedene Positionen auszuhalten: zum Staat Israel, zum Verhältnis von Religion und Kultur, zu den jeweiligen Selbstverständnissen als Gemeinschaft. Es wäre doch wirklich ein Zukunftsprojekt, den Plural ins Gespräch einzuführen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Differenzen benannt, manchmal auch gefeiert werden können. Die Differenzen zwischen Judentum und Christentum, aber auch die internen, in denen Judentum und Christentum als pluralische Größen sichtbar werden.

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