Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Josef Wohlmuth, Bonn


Warum mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig ist
Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückschaue, war es durch eine glückliche Fügung der Umweg über Jerusalem, der mich zum jüdisch-christlichen Gespräch gebracht hat. Im Jahr 1984/85 verbrachte ich mein erstes Studiendekanat am Theologischen Studienjahr an der Abtei Dormitio in Jerusalem. Auf diese Weise begegnete ich jüdischen Gelehrten, mit denen ich lange Gespräche führen konnte und wurde so zum ersten Mal mit jüdischem Leben und jüdisch-rabbinischen Fragen vertraut. So denke ich etwa an viele Gespräche mit Schalom Ben Chorin, der am Studienjahr lehrte.

Als ich aus dem Studienjahr zurückkehrte, ließen mich viele Fragen nicht mehr los. Ich versuchte deshalb, mich verstärkt mit jüdischem Denken im Bereich der Philosophie zu befassen. Da kam es mir zugute, dass ich Ende der 1960er Jahre aus völlig anderen Gründen mit der frühen Frankfurter Schule in Berührung gekommen war und Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer studierte. Eines Tages stieß ich dann auch auf den Dialogaufsatz von Emmanuel Levinas, dessen Denken mich bald mehr und mehr in Beschlag nahm, so dass ich mich bis heute damit befasse. Ich bin davon überzeugt, dass ein jüdisch-christlicher Dialog auf das jüdische Denken im Bereich der Philosophie angewiesen ist, falls er es wagt, Menschheitsfragen von heute aufzugreifen und zu deren Bewältigung die spezielle Berufung von Judentum und Christentum geltend zu machen. Als Mitglied des Gesprächskreises wurde ich dann eingeladen, durch mein Fach, der katholischen Dogmatik, einen Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog zu leisten. Es wurde mir zum Anliegen, die wissenschaftlichen Ergebnisse, die etwa aus dem Sonderforschungsbereich ‚Judentum und Christentum‘ an der Universität Bonn hervorgingen, in den Dialog einzubeziehen. Dazu sollte auch die Reihe ‚Studien zu Judentum und Christentum‘ beitragen, die inzwischen fast dreißig Bände zählt und fortgesetzt wird.

In meiner Arbeit an der Übersetzung der Konzilstexte kam ich mit jenen Texten in Berührung, die gelinde gesagt eine ganz andere Sprache sprachen als Nostra Aetate sie heute spricht. Einige dieser Texte standen dem Gesprächskreis auch vor Augen, als es um die Schuldfrage der Kirche an der Schoa ging. Als immer wieder neue Konflikte zumal im Pontifikat meines verehrten Lehrers, Papst Benedikts XVI., auftauchten, ließ ich mich auch persönlich herausfordern. Ein kritischer Punkt war und ist die Frage nach der Judenmission, gegen die sich der Gesprächskreis klar ausgesprochen hat und zu der auf dessen Anregung hin ein umfangreiches Werk "Das Heil der Anderen" erschienen ist.1 Ein anderer Konfliktfall war und ist der Streit um die Karfreitagsfürbitte von 2008. Hier habe ich von Anfang an eine Position vertreten, die von der Mehrheit des Gesprächskreises nicht geteilt wurde. Die theologische Debatte darüber darf noch nicht zu Ende sein, zumal es auch um Röm 9-11 geht, einen Schlüsseltext, der den Gesprächskreis mehrmals beschäftigt hat.

Mein zweites Studiendekanat in Jerusalem 2003/04 hat mich mit einer Forschung an der Hebräischen Universität vertraut gemacht, die den Differenzierungsprozess von Judentum und Christentum nach der Zerstörung des Zweiten Tempels neu bewertete. Mit dem Dichter Elazar Benyoëtz entstand eine freundschaftliche Beziehung. Zugleich fiel das Jahr in die zweite Intifada und hat mich zusätzlich aufgewühlt. Die politischen Entwicklungen um und in Israel werden im Gesprächskreis nicht ausgeklammert. Aber sie werden so behandelt, dass die theologischen Fragen im Vordergrund stehen und auf ihren Beitrag zur Bewältigung der politischen Konflikte befragt werden.

Wichtig ist für mich schließlich, dass der Gesprächskreis von Zeit zu Zeit auch um sein Selbstverständnis ringt. Dem Sprecher des Gesprächskreises wird auch in Zukunft die Rolle eines Dirigenten zufallen, der aus der Mehrstimmigkeit immer wieder eine Melodie hörbar macht, in der deutlich wird, dass der jüdisch-christliche Dialog nicht nur Pflicht ist, sondern auch Freude macht, wenn das Lernen voneinander auf Augenhöhe gelingt.


1     Hubert Frankemölle/Josef Wohlmuth (Hg.), Das Heil der Anderen. Problemfeld "Judenmission", Reihe: Quaestiones disputatae", Bd. 238, Freiburg 2010.

 

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