Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Martin Ebner, Bonn


"Warum ist mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig?" Ich möchte einen einzigen Punkt herausstellen. Es geht um einen Sachverhalt, der sich mir in der kurzen Zeit meiner Mitgliedschaft im Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK tief eingeprägt hat – und mir vielleicht erst durch diese Situation bewusst geworden ist. Kurz: Am jüdisch- christlichen Dialog ist mir vor allem wichtig, dass die Gesprächspartnerinnen und -partner auf der jüdischen Seite meinem Bild vom Judentum widersprechen können, meine Vorstellungen hinterfragen und sich mir gegenüber artikulieren können. Dass Theologie und zumal Exegese auf "das Judentum" als ersten Korrespondenzpartner angewiesen sind und ohne diesen Hintergrund ihren eigenen Anfang nicht verstehen können, ist klar und unter Fachwissenschaftlern unbestritten. Aber oft genug zimmern wir uns unser eigenes Bild vom "Judentum" zurecht, unbewusst geleitet von den Perspektiven unserer eigenen (neutestamentlichen) Schriften und unserer eigenen Vorstellungen von und Erfahrungen mit institutionalisierter Religion, zumal wenn wir Katholiken sind. Und dafür scheint mir die erwähnte Situation im Gesprächskreis, die zunächst auf beiden Seiten zu Irritationen geführt hat, symptomatisch zu sein. Die jüdischen Gesprächspartnerinnen und -partner waren gebeten worden, auf eine theologisch höchst tiefgründige Stellungnahme zur
"Einzigartigkeit des christlich-jüdischen Verhältnisses", insbesondere zur Frage, ob es auch ihrerseits ein entsprechend einzigartiges jüdisches Interesse an Christentum und Kirche gibt, Stellung zu nehmen. Zunächst beredtes Schweigen im Raum. Dann erste Reaktionen, die mehr als verblüfften (ich zitiere aus meiner Erinnerung): "Um miteinander sprechen zu können, braucht man nicht ‚beste Freunde‘ zu sein!" – "Ich könnte immer nur für mich selbst sprechen. Das Judentum gibt es nicht. Jeder hat seine eigene Vorstellung, die sich nicht auf einen Nenner bringen lässt. Und das ist typisch für uns!" – "Ich würde das Judentum nie als Mutterreligion im Blick auf das Christentum bezeichnen. Religionshistorisch gesehen sind Christentum und Judentum zur gleichen Zeit entstanden!"
Die auf der Basis theologisch stringent durchdachter christlicher Selbstverpflichtung wohlwollend den jüdischen Gesprächspartnerinnen und -partnern hingehaltene christliche Einladung wurde nicht erwidert, jedenfalls nicht so wie erwartet. Eine Ent-Täuschung im besten Sinne des Wortes. In meinen Augen eine höchst notwendige Ent-Täuschung. Denn in diesen Reaktionen kam etwas zum Vorschein, was von christlicher Seite kaum wahrgenommen und oft überblendet wird, vermutlich weil wir alle von den Geleisen der eigenen Konfessionalität aus denken. Unsere Gesprächspartner haben sich zu Recht gewehrt. In der erwähnten Gesprächssituation haben sie mich (auch emotional) spüren lassen, was ich längst zu wissen meinte: Jeder Jude und jede Jüdin vertreten ihre eigene Position. Und sie artikulieren das auch eigenständig. Jeder Rabbiner entscheidet im Streitfall anders – und, wären zwei Rabbiner anwesend gewesen, hätten wir vermutlich einen heftigen Streit erwarten dürfen. Dem, was zu hören war, habe ich jedenfalls mit Spannung gelauscht – und die Reaktionen sind mir im Ohr geblieben.

Durch diese Situation provoziert habe ich mich deutlicher und schärfer gefragt als sonst: Wäre nicht fern aller gewichtigen theologischen Fragen von unseren jüdischen Gesprächspartnerinnen und -partnern zunächst vor allem zu lernen, dass es eine Zugehörigkeit zu einer Traditions- und Glaubensgemeinschaft geben kann – bis in unsere Tage –, ohne dass "Einheit" in Lehre und Organisation, Denken und Handeln besteht? Ja, dass gerade diese hartnäckige Abwehr gegen jegliche von außen verordnete Einheit das Merkmal ausmacht, an dem sich diejenigen erkennen, die in diesem jüdischen Traditionsstrom stehen?

Ich bin gespannt auf weitere Ent-Täuschungen im besten Sinn des Wortes, damit ich nicht der Versuchung erliege, mir vom "Judentum" ein Bildnis zu machen …

 

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