Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Susanne Sandherr


Als junge Studentin geriet ich an die aus dem Jahre 1944 stammende „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Friedrich Nietzsches genealogisches Denken, die Rekonstruktionen des Zivilisationsprozesses durch Norbert Elias, eine undogmatische Marx-Lektüre und nicht zuletzt die Freud‘sche Triebtheorie und Entdeckung des Unbewussten sowie seine religions- und kulturtheoretischen Analysen finden sich in unterschiedlicher Dosierung in diesem schlanken, überaus gehaltvollen und originellen, Epoche machenden Werk. Das Werk als Ganzes und die etwa 40 dichten Seiten über „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“ waren für mich eye-opener.

„Der völkische Antisemitismus will von der Religion absehen.“ (S. 185), heißt es  zu Beginn des vierten Teils der „Elemente des Antisemitismus“ (S. 177-217), in dem das Verhältnis von Judentum und Christentum, dessen Reflexion in keinem der sieben Teile gänzlich fehlt, im Horizont des völkischen Antisemitismus konzentriert diskutiert wird. Die Autoren widersprechen mit einer dialektischen Wendung: „Eher bezeugt der Eifer, mit dem der Antisemitismus seine religiöse Tradition verleugnet, dass sie ihm insgeheim nicht weniger tief einwohnt als dem Religionseifer früher einmal die profane Idiosynkrasie“ (S. 185). Der völkische Antisemitismus ist so wenig ohne religiöse Wurzeln zu denken, wie die religiös motivierte Judenfeindschaft ohne unbewusste profane Anteile war. Religion wirke im völkischen Antisemitismus entleert und verdinglicht, auf maligne Weise nach. „Das Bündnis von Aufklärung und Herrschaft hat dem Moment ihrer Wahrheit den Zugang zum Bewusstsein abgeschnitten und ihre verdinglichten Formen konserviert“ (S. 185). Das entscheidende Wahrheitsmoment, wie sich die Autoren ausdrücken, von Religion ging verloren, während ihre schieren Energien und Formen, entstellt, so jedoch auch Entstellungen des religiösen Glaubens aufdeckend, dem Faschismus zugutekamen. „Der fanatische Glaube, dessen Führer und Gefolgschaft sich rühmen, ist kein anderer als der verbissene, der früher die Verzweifelten bei der Stange hielt, nur sein Inhalt ist abhanden gekommen“ (S. 185). Vom Inhalt des christlichen Glaubens lebe in der Ersatzreligion des Führerkults „einzig noch der Hass gegen die, welche den Glauben nicht teilen“ (S. 185). Die einleitenden Analysen beschließt die lakonische, schmerzhaft hellsichtige Bemerkung: „Bei den deutschen Christen blieb von der Religion der Liebe nichts übrig als der Antisemitismus“ (S. 185).

Die Autoren bieten dann das Stenogramm eines Religionsvergleichs zwischen Judentum und Christentum. So etwas wie eine Dialektik des Fortschritts in der Geistigkeit zeichnet sich ab. Berühmt ist die hier dem Christentum gestellte Diagnose: „Um so viel wie das Absolute dem Endlichen genähert wird, wird das Endliche verabsolutiert. […] Der Fortschritt über das Judentum ist mit der Behauptung erkauft, der Mensch Jesus sei Gott gewesen“ (S. 186). Auch der Anspruch, im christlichen Leben seien Natur und Übernatur versöhnt, sei trügerisch, wo die „Überwindung der Selbsterhaltung durch die Nachahmung Christi ... verordnet wird“ (S. 187). „Darin liegt ihre Unwahrheit: in der trügerisch affirmativen Sinngebung des Selbstvergessens.“ Schließlich betonen die Autoren die „Unverbindlichkeit des geistlichen Heilsversprechens, dieses jüdische und negative Moment in der christlichen Doktrin“ (S. 187).Gerade dieses aber wird zurückgewiesen, dem naiven Gläubigen werde „das Christentum, der Supranaturalismus, zum magischen Ritual, zur Naturreligion“ (S. 188). Im real existierenden Christentum sei „Religion selbst zum Religionsersatz“ geworden, was allerdings die „paradoxen Christen“ von Pascal bis Barth deutlich gesehen und zum Angelpunkt ihres theologischen Denkens gemacht hätten (S. 188). „Die anderen aber, die es verdrängten und mit schlechtem Gewissen das Christentum als sicheren Besitz sich einredeten, mussten sich ihr ewiges Heil am weltlichen Unheil derer bestätigen, die das trübe Opfer der Vernunft nicht brachten“ (S. 188). Der „religiöse Ursprung des Antisemitismus“ (S. 188) ist, so urteilen die Autoren, „die Feindschaft des sich als Heil verhärtenden Geistes gegen den Geist“ (S. 188).
 
„Warum ist mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig?“ Die hier angedeutete, vielschichtige Leseerfahrung ist gewiss nur ein Faden in einem Motivationsgeflecht. Aber ein wichtiger. Vieles andere wäre zu nennen, philosophisch-theologische, letztlich existenzielle Entdeckungen im Werk von Emmanuel Levinas, Simone Weil, Jacques Derrida, Jean-Francois Lyotard. Eine Fülle zwischenmenschlicher Begegnungen, Anregungen, Herausforderungen. Die „condition postmoderne“, unter der heute Religion steht, und die fundamentalistische Versuchung, die sie gegenwärtig mit ungeahnter Wucht trifft. Grund genug, das Gespräch zu suchen, das jüdisch-christliche Gespräch.

 

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