Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Susanne Talabardon, Bamberg


Das große Ja-Aber: Zur gesellschaftlichen Dimension der Angelegenheit
Wir sind auf dünnem Eis unterwegs. Nichts ist wirklich selbstverständlich, auch wenn wir es gern so hätten.
Einerseits ist es erstaunlich, dass viele Menschen hierzulande davon überzeugt sind, die unsäglich tiefe Katastrophe der Schoa durch Schulunterricht und die regelmäßig abgehaltenen Gedenkveranstaltungen irgendwie bearbeitet zu haben. Tatsächlich ist die Intensität, mit der in Deutschland seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Erinnerungskultur entwickelt worden ist, im Vergleich zu derjenigen in manchen anderen Ländern  durchaus bemerkenswert, beinahe vorbildlich.
Andererseits zeigen gesellschaftliche Debatten (wie jüngst die um die Beschneidung) deutlich an, dass es bei vielen Menschen hierzulande auch eine Art Abwehr- und Ausweichverhalten gibt, das zwar – quasi-rituell – die Verbrechen des deutschen Volkes an den europäischen Jüdinnen und Juden einräumt, aber (wo immer sich die Gelegenheit bietet) allzu gern die Verschiedenheit und vermeintliche Fremdheit jüdischer Kultur betont.
Die Situation der Jüdinnen und Juden in Deutschland präsentiert sich paradox: Wohl geordnet, von staatlichen Institutionen geschützt und kofinanziert, kämpfen die jüdischen Gemeinden nach wie vor um jedes Stück Normalität, dass sich irgend erringen lässt. Und müssen immer wieder erfahren, dass sie in der Bevölkerung Exoten sind: Menschen, die man mit Samthandschuhen anfasst, misstrauisch beäugt, rhetorisch in den Nahen Osten ausbürgert oder mit Fragen konfrontiert, die einen Austauschschüler aus Polynesien verwundern würden. Dabei überwiegt die Naivität die Bösartigkeit in der Regel bei weitem. Trotzdem bedarf es einer gehörigen Portion an Gelassenheit und Humor im Alltag, wenn es der Erwartung zu begegnen gilt, die manche Menschen so hegen: "Sie sind Jüdin? Ach, das wusste ich nicht. Oh." – "Tut mir leid, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen."

Das zerknirschte Nun gut: Zur kirchlich-theologischen Dimension der Sache
Natürlich steht es mir nicht zu, mich kritisch zu kirchlichen Angelegenheiten (schon gar nicht zu katholischen) zu äußern. Trotzdem auch hier: Wir sind auf dünnem Eis unterwegs.

Nichts ist wirklich selbstverständlich, auch wenn wir es gerne so hätten.

In einem christlich-jüdischen Streitgespräch, das wir jüngst im jüdischen Lehrhaus Bamberg veranstalteten, meinte ein katholischer Universitätsprofessor sinngemäß: Man solle sich nichts vormachen, die wissenschaftliche Theologie hätte keinerlei Einfluss auf kirchliche Amtsträger oder die Gläubigen in den Gemeinden. – Der Fairness halber sollte man hinzufügen, dass dieses gigantische Vermittlungsproblem auch in den evangelischen Landeskirchen grassiert. Wer sich auf Vorträgen in den Gemeinden befindet oder sich an Erwachsenenbildung oder Akademie-Tagungen beteiligt, wird dies in der Regel bestätigt finden.

Der seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts statthabende Paradigmenwechsel in einigen theologischen Disziplinen – vor allem den exegetischen und historischen – kommt "in der Realität" gar nicht oder bestenfalls teilweise an. Das erwähnte Streitgespräch vermochte dies Phänomen nolens-volens zu verdeutlichen: Während sich die "streitenden" Theolog/innen im Podium völlig einig waren, dass zum Beispiel Jesus im sog. "Alten Testament" nicht vorkommt, reagierte das Auditorium auf dieselbe Einsicht teilweise geschockt. Von der zweiten Etappe des Paradigmenwechsels seit den späten neunziger Jahren (Daniel Boyarin, Peter Schäfer und co.) mussten die ohnehin schon Verstörten bewahrt werden. Die religionshistorische und theologische Basis für einen substantiellen jüdisch-christlichen Dialog liegt klar zu Tage – es stellt sich nunmehr (erneut) die Frage, wie man diese auch vermittelt.

Die Verständnis- und Selbstverständnis-Diskrepanz zwischen den Profis im interreligiösen Dialog und den – wie sagen die Politiker/innen immer so schön: "Menschen da draußen" – wird nicht geringer. Und diejenigen Christenmenschen, die sich speziell am jüdisch- christlichen Gespräch beteiligen möchten, werden immer älter – und dies deutlicher, als es der demographische Wandel ohnehin erwarten lässt. Es ist nicht leicht, Jüngere (ich meine: nicht-Theolog/innen) für diese wichtige Facette kirchlicher Arbeit zu interessieren.

Ein (zugegebenermaßen) unverschämtes und neugieriges P.S.:
Dem oder der Außenstehenden fällt es schwer zu verstehen, was es mit dem Zweiten Vaticanum, spezifischer mit Nostra Aetate, gegenwärtig auf sich hat. Während sich katholische Theolog/innen hingebungsvoll und engagiert (manchmal, so hat es den Eindruck, geradezu verzweifelt) darum bemühen, die "Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" zu würdigen, beugt sich der/die Nichteingeweihte zuzeiten etwas ratlos über das Papier. Zweifelsohne stellt Nostra Aetate, gemessen an der Zeit seiner Entstehung und angesichts der zuvor dominierenden christlichen Haltung gegenüber dem Judentum, einen großartigen Erkenntnisfortschritt dar. Es erschließt sich jedoch nicht so ganz, inwiefern das aus dem Jahre 1965 (!) stammende Dokument auch noch gegenwärtig dazu dienen könne, den jüdisch-christlichen Dialog voranzubringen. Womöglich liegt es an der – nur Fachleuten zugänglichen – Terminologie, die kirchenamtlich weit mehr aussagt, als es dem laienhaften Blick erkennbar ist? Oder sollte man zunächst den überaus vorsichtigen Formulierungen des Nostra Aetate Anerkennung verschaffen, bevor man zu einer moderneren Verhältnisbestimmung voranschreitet?

 

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