Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Tobias Nicklas, Regensburg


In meiner normalerweise im Wintersemester stattfindenden Vorlesung über das "Frühe Judentum im Licht des Neuen Testaments" stelle ich jedes Mal in der ersten Stunde die Frage, warum überhaupt werdende katholische Theologinnen und Theologen sich mit dem Judentum auseinander setzen sollen. Die Antworten sind bekannt und natürlich aus christlicher Sicht formuliert – der gemeinsame Glaube an den Gott Israels, die jüdische Bibel bzw. das Alte Testament als gemeinsame Heilige Schrift (wenn auch recht unterschiedlich gelesen), das Jude-Sein Jesu von Nazaret und seiner ersten Jünger, damit gleichzeitig die Wurzeln der Kirche (wie auch ihrer Theologie) im Judentum und die Tatsache, dass – wenn wir Gottes Treue ernst nehmen wollen – Israel Gottes bleibende erste Liebe ist.

Dies ist natürlich noch keine persönliche Antwort auf die gestellte Frage "Warum ist mir der jüdisch-christliche Dialog wichtig?", die zu beantworten mir gar nicht leicht fällt. In dem Ort Burglengenfeld in der mittleren Oberpfalz, in dem ich aufgewachsen bin, ist eine Begegnung mit Judentum eigentlich nicht möglich. Anders als in Schwaben oder großen Teilen Frankens sind hier keine greifbaren Erinnerungen an eine jüdische Gemeinde  zu finden. Gelebtes Judentum gibt es im Grunde dort nicht.  Vielleicht ist es einerseits mein Interesse für bunte Vielfalten und andererseits die Bibliothek meines Vaters, die mir schon als kleines Kind – und sei es über Brehms Tierleben – Welten eröffnete. Sicherlich kommt hinzu, dass meinem Vater, der als Geschichtslehrer Geschichte(n) wirklich zu "erzählen" verstand, ein ehrlicher Umgang mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts und ihren Ursachen tief am Herzen lag.

So kam es auch zu meinen ersten Berührungen mit Juden über Geschichten: Isaac B. Singer und sein weniger bekannter Bruder Israel J. Singer, deren Bücher ich schon weit vor dem Abitur gelesen habe – aber auch Schätze von Martin Buber und Schalom Ben Chorin waren zu entdecken (und geistig zu erobern). Obwohl ich aus einem gläubigen Elternhaus stamme, verlief mein Weg zur Theologie nicht wie vor knapp dreißig Jahren üblich in erster Linie über Pfarrjugend und Engagement in der Pfarrgemeinde; meine Interessen galten eher den Naturwissenschaften und der Literatur, engagiert war ich im Umweltschutz. Von daher brauchte ich nicht viel an "traditioneller" Theologie zu überwinden und konnte "meinen Jesus" über Gedanken der eben genannten Autoren – vielleicht am stärksten Schalom Ben Chorin – gewinnen; bei meinen Studien in Regensburg lernte ich zudem über den inzwischen verstorbenen Andreas Angerstorfer das jüdische Regensburg kennen.

Es war jedoch ein weiteres Buch, das den entscheidenden Impuls gab. Ich habe Elie Wiesels autobiographischen Roman "Die Nacht"1 in wenigen Stunden gelesen – danach war nichts mehr, wie es vorher war. Alles muss auf den Prüfstand gestellt werden – und für vieles habe ich heute noch keine Antwort, schon gar keine theologische – und nicht einmal einen Weg dazu. Ich hoffe, dass meine Art Theologie zu treiben, aber auch mit der Welt umzugehen, dies nie verleugnen wird.

Meine theologische Karriere eröffnete mir seit Jahren regelmäßig Wege nach Israel – heute bin ich in der glücklichen Lage, jüdische Freunde in Israel, Schweden und den USA zu haben. Es ist mir eine große Freude, dass meine vier Kinder wie selbstverständlich – und doch reflektiert – an dieser Beziehungswelt teilhaben.


1    Elie Wiesel: Die Nacht. München 1962 (im französischen Original "La Nuit" 1958).

 

zurück zur Übersicht