Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Prof. Dr. Wilhelm Breuning, Bonn

Ich gestehe: Auf den ersten Blick fand ich die Frage, wie sie mir gestellt war, sogar ein wenig seltsam. Wird hier grundsätzlich nach der Bedeutung eines jüdisch-christlichen Dialogs gefragt? Wird eine Art Bekenntnisaufsätzchen von mir erwartet? Die Frage, wie sie gestellt ist, setzt aber die Wichtigkeit einer gegenwärtigen Begegnung von Juden und Christen bereits voraus. Und sie schließt bereits ein, dass mir die Beteiligung an einem gemeinsamen Gespräch über religiöse Kernfragen, die Juden und Christen bewegen, keine neue Einstellung abfordert. Immerhin habe ich bis vor kurzem im Gesprächskreis Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken seit seiner offiziellen Gründung im Jahr 1974 mitgearbeitet. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mit dessen Leiter, Professor Hanspeter Heinz, der das jetzt 40 Jahre lang mit großem Einsatz ausübt, freundschaftlich verbunden bin. Dass ich jetzt aus der aktiven Mitarbeit im Kreis ausgeschieden bin, hat seinen Grund rein im Alter von 94 Jahren, das ich inzwischen erreicht habe. Dann verliert das Wörtchen "mir", das mir in der Fragestellung etwas unbequem vorkam, jeglichen aufdringlichen Akzent. Sie lautet dann etwa: Was hat dich bewogen, so lange mitzuarbeiten? Zuvor noch: Wie bist du in diesen Kreis gestoßen?

Natürlich gibt es viele Antworten bereits auf die erste Frage. Wer erfasst hat, wie wichtig das Zugehen der Christen auf die Juden heute ist - es gilt auch umgekehrt - sollte Forderungen nach einem Dialog nicht allgemein erheben, sondern eine Bereitschaft haben, sich nach seinen Möglichkeiten auch zu beteiligen. Zudem hat mich die Qualität des Gesprächskreises "Juden - Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, einem Gremium, das alle wichtigen Strömungen im katholischen Bereich sammeln soll, bewogen mitzuarbeiten. Diese Qualität ist dadurch bestimmt, dass Juden nicht nur beratende, sondern mitstimmende Mitglieder sind. Und es war die Art, wie aus der Tiefe des eigenen Glaubens heraus gedacht und gesprochen werden konnte. (Ich wähle mit Bedacht das Wort "Glaube", auch wenn ich weiß, dass das Wort in beiden "Religionssprachen" nicht dieselbe Bedeutung hat.)

Wie bin ich in diesen Kreis gestoßen? Der damalige geistliche Rektor, der spätere Bischof von Aachen Klaus Hemmerle, gewann mich für eine Mitarbeit in einem Bereich, für den die Zeit sozusagen reif geworden war. Dass Juden und Christen aufeinander zugingen, bildete die große Überraschung dieser Zeit. In der Tat war das eine große Wende in der Kirche. Rückblickend ist mir immer klarer geworden, dass uns damit ein Geschenk gegeben wurde, das uns der zuteil werden ließ, der sein Reich aus Juden und Christen verwirklichen will. Wie tiefgreifend war die Wende? Ihr Ausmaß wird bewusst, wenn wir sie in die Geschichte hineinstellen, die in der Zeit der nationalsozialistischen Verbrechensherrschaft das gesamte Volk der Juden ausrotten wollte. Hatte die Eröffnung des Blicks auf diese Ungeheuerlichkeit etwas mit dem Christentum und der es in der Geschichte präsent machenden Kirche zu tun? Gerade die Antwort auf diese Frage stellte das Ereignis, das wir als tiefgreifende Wende bezeichnet haben, auf die Probe. Bekanntlich ist es das Zweite Vatikanum, das im Dekret Nostra Aetate die Wende offenkundig und zur Verpflichtung für die Kirche macht. (Wenn hier von der katholischen Kirche gesprochen wird, schließt das eine ökumenische Gemeinschaft mit der Situation und den Aufgaben in anderen Kirchen mit ein.) Der Wortlaut und die Sprechweise von Nostra Aetate ist bis heute die Grundlage für die Lehre der Kirche geblieben. Wohlgemerkt: in Nostra Aetate findet kein Dialog zwischen Juden und Christen statt; es sind negative Urteile über Juden, die zurückgewiesen werden. Die Juden sind es nicht, denen kollektiv die Schuld am Kreuzestod Jesu zugeschoben werden darf. Die Juden sind in einer Welt, in der der christliche Glaube bestimmend wurde, nicht zu einem verworfenen Volk geworden, wenn sie den Glauben an Jesus als den Christus nicht angenommen haben. Schließlich verurteilt das Konzil alle, die der jüdisch verbleibenden Gemeinschaft Unrecht auf irgendeine Weise getan oder sie verfolgt und benachteiligt haben. Dabei taucht im Konzilstext überhaupt nicht die Frage auf, ob es etwas mit dem christlichen Verhalten zu tun hatte, dass sie so bedrängt wurden. Zu beachten ist auch, dass es in Nostra Aetate Christen waren, die über Juden sprachen. Es handelte sich also nicht um einen Dialog. Wir, die Christen, fürchteten nach allem, was in der Nazizeit geschehen war, dass es zum völligen Verstummen zwischen Juden und Christen kommen würde, eine Belastung, die vor allem uns Deutsche betraf. Dennoch geschah es ganz anders.

Zwischen dem Konzilsbeschluss von Nostra Aetate 1965 und der Gründung des Gesprächskreises "Juden - Christen" 1974 liegt nur eine kurze Zeitspanne. Wenn bei den Diskussionen um das Judentum noch auf dem Konzil heftig innerkatholisch gestritten und gerungen wurde, ist die bald einsetzende Gesprächsbereitschaft zwischen Juden und Christen in der Tat überraschend. Gewiss spielen bei den Streitgesprächen auf dem Konzil nicht nur religiöse, sondern auch politische Probleme vom Land Israel eine wichtige Rolle, aber sie spiegeln auch die Auseinandersetzung um den Glauben wider, der die beiden Religionen in der 2000-jährigen Geschichte in die gegenseitige Ablehnung – ja, Feindschaft – führte. Kann diese Gegensätzlichkeit überwunden werden, ohne den jeweils anderen zu diskriminieren?
Genau das ist der Versuch, der mit einer positiven Zuwendung begonnen wurde und von vielen in beiden Religionsgemeinschaften getragen wird. Für diesen Versuch ist zu hoffen, dass er bleibende Früchte bringt. Der Gesprächskreis, von dem wir sprechen, gehört zu diesem Versuch, und es ist wichtig, dass er von engagierten Mitgliedern beider Religionen mitgestaltet wird. Dabei ist die Ungleichheit beider Gemeinschaften zu beachten. Sie gilt nicht nur für die Größenverhältnisse, sondern auch für das jeweilige Schicksal in der Geschichte. Von daher ist es auch verständlich, dass das Interesse am Glauben des andern unterschiedlich ist. Warum sollen Juden sich um das Glaubensbekenntnis von Christen ereifern? Aber umso höher ist einzuschätzen, wenn Juden den Weg des Gesprächspartners so konstruktiv zu verstehen oder auch zu verbessern suchen und das Verbindende entdecken, wie es etwa beim Gesprächskreis oder im amerikanisch-jüdischen Bereich den Vertretern von dabru emet der Fall ist. Ein Grund, warum ich den Dialog, also das Miteinander-Sprechen für wichtig halte und noch nicht damit zufrieden bin, wenn frühere Feindseligkeiten aufgehoben sind, wenn also "nur" Toleranz bestünde.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist ein Wachstum im Miteinander-Sprechen. Ich war zwar von Anfang, also den Konzilsaussagen an, über die Weise froh, wie auch von jüdischer Seite her nach der Schreckenszeit wieder ein Gegenüber sichtbar wurde. Aber ich muss auch gestehen, dass das kurze Kapitel über die Juden in Nostra Aetate neben anderen Themen des Konzils stand, die meine Aufmerksamkeit stärker erlangten. Wie wichtig es in der Gesamtausrichtung des Konzils ist, wurde mir zu einem großen Teil erst in der Begegnung klar, die vom Konzil ausging. Auf die Frage nach einer Mitarbeit im Gesprächskreis "Juden und Christen" habe ich damals schnell eine bejahende Antwort gegeben. In der Ausführung erging es mir dann, wie das Sprichwort von einem guten Mahl sagt: Der Appetit kommt mit dem Essen.
Einerseits freue ich mich darüber, was der Dialog eigentlich unerwartet schon erbracht hat. Anderseits stimme ich denen zu, die ein Defizit beklagen: Was an Positivem schon erarbeitet ist, drang bisher zu wenig so in das Glaubensbewusstsein der katholischen Kirche ein, dass die Zuwendung zu einer Bekehrung geführt hätte.

Ist es jedoch nicht wieder typisch, dass am Schluss eines solchen Nachdenkens von Bekehrung und damit auch von der Sünde gesprochen wird? Ich würde antworten: Gerade bei dem Thema vom Verhalten der Christen gegenüber den Juden (- ich beschränke mich hier bewusst darauf, die Christen anzusprechen -) lässt sich ein Wort wie Bekehrung nicht überspringen. Aber Licht- und Schattenseiten gehören zu der Wirklichkeit der Verheißung Gottes, den wir bitten, dass er sein Reich kommen lässt.

 

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