Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Rabbiner Jaron Engelmayer, Köln


An einem der vielen Treffen des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim ZdK wurde diskutiert, inwiefern der Begriff "christlich-jüdisches Abendland" wirklich zutrifft, und welche Bedeutung und Assoziationen von ihm ausgehen. Den Meinungsaustausch hierzu fand ich spannend, denn manche skeptische Äußerung ging dahin, dass von gemeinsamer Geschichte, Gesellschaft und Kultur über die letzten 2000 Jahre hinweg keineswegs die Rede sein kann, womit der Begriff, dies unter Umständen jedoch implizierend und vermittelnd, also durchaus irreführend sein kann.

Nein, von einem wirklichen Miteinander über die lange gemeinsame Geschichte der Christen und Juden in Europa kann kaum die Rede sein. Seit einigen Jahrzehnten hat sich dies jedoch von Grund auf geändert. Für uns Juden ist dies eine (leider) außergewöhnliche Erfahrung, sich mit der Religion der Mehrheitsgesellschaft auf wirklicher Augenhöhe und in vollem gegenseitigem Respekt austauschen zu können.

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Erklärung "Nostra Aetate" vor 50 Jahren hat die Kirche eine grundlegende Haltungsänderung eingeschlagen. Aber erst durch Gesprächskreise wie dem unseren kommt diese Anleitung "von oben" in der Realität an und wird auch tatsächlich vor Ort umgesetzt. Es ist der gute Wille von vielen guten Menschen, höchst intelligenten Theologen, Professoren und weiteren, welche diesen Gesprächskreis zu einem wirklichen Erlebnis werden lassen. Gemeinsam, mit Offenheit und ehrlichem Interesse, welche mit der Zeit zu einer lieb gewonnenen Vertrautheit werden, wird da auch schwierigen Fragen aus der Aktualität, ebenso wie aus den religiösen und theologischen unterschiedlichen Ansätzen des Christentums und des Judentums ohne Vorbehalt nachgegangen. Nach gründlicher Klärung derselben schreitet man zur Tat über, entwirft Projekte, entwickelt Tagungen, Vorträge und Podien und verfasst öffentliche Erklärungen, um damit eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.

Oft ergeben sich auch erhellende Einblicke und Einsichten nicht nur in die Religion und das weltanschauliche Verständnis des Anderen, sondern auch der eigenen Religion! Auf diesem Hintergrund werden nicht selten die Gemeinsamkeiten ebenso wie die Unterschiede klarer, lassen sich Strukturen und Verbindungen erkennen, welche sich einem davor noch nicht erschlossen.

Mehrfach entdecken wir in diesen Gesprächen und Kreisen die gemeinsamen Herausforderungen, vor welche uns unsere heutige Gesellschaft stellt. So sollen wir uns gemeinsam der immer stärker auseinanderklaffenden Schere zwischen den religiösen und den säkularen Strömungen und Denkweisen annehmen und sie zu überbrücken versuchen, ihr gebührende und zeitgemäße Antworten auf die sich ergebenden Fragen geben.
Besonders zeigten sich die Auswirkungen dieser tiefer werdenden Spaltung der Gesellschaft am Beispiel der Beschneidungsdebatte, in welcher sich die Religionen, insbesondere die beiden großen Kirchen, dankenswerterweise solidarisch an die Seite der eingeforderten Religionsfreiheit stellten.

Für mich ist genau dies einer der Wege, um die Gesellschaft durch ein friedvolles und harmonisches Zusammenleben beider Religionen zu bereichern und aufzuzeigen, dass unsere Zeit wirklich für ein multireligiöses Miteinander bereit sein könnte, geprägt von ehrlichem und unvoreingenommenem Interesse aneinander. Für uns Juden eine wahrlich erfrischende Erfahrung, welche in Zukunft hoffentlich nur intensiver werden wird.

 

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