Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, Berlin


Warum ist mir der christlich-jüdische Dialog wichtig?
In West-Berlin geboren und aufgewachsen gehörten  zum engsten Umfeld meiner Eltern christliche Frauen und Männer, die ganz wesentlich und durch ihren persönlichen  Einsatz dazu beigetragen haben, dass meine Mutter, die zwei Jahre und zwei Monate von der Fabrik-Aktion am 27. Februar 1943 bis zur Befreiung Berlins am 2. bzw. 8. Mai 1945 als Jüdin versteckt leben musste, überleben konnte. Deren Glaubensweise war anders, aber doch waren es die gleichen 10 Gebote, deren Feiertage waren anders, und doch war es die gleiche Ethik. Die Psalmen waren die gleichen, aber doch haben sie sie anders ausgelegt, die Bibeltexte der hebräischen Bibel waren die gleichen, aber doch wurden sie oftmals in einen anderen Kontext gestellt. Das hat mich schon früh fasziniert und neugierig gemacht. Und so gehörte ein Diskurs mit ihnen schon früh zu dem, was einen wesentlichen  Teil meines Lebens ausmachte.

Im Studium hatte das Berliner Institut für Judaistik, die Evangelische  Theologie, das Institut für Religionswissenschaften, das Institut für Islamwissenschaft und das Institut für katholische Theologie damals in weiten Teilen ein gemeinsames Grundstudium. Ich fand es faszinierend,  jüdische Glaubensstrukturen oder -inhalte im Diskurs mit Pfarramtsstudenten  oder zukünftigen Religionswissenschaftlern neu zu verstehen - und bin mir sicher, den nichtjüdischen Kommilitonen ging es nicht anders.
Dann wurde mir klar, dass es diesen Diskurs erst wenige Jahre gab, dass Religionsgespräche zwischen Christentum und Judentum vorher nicht auf Augenhöhe  stattfanden, sondern fast immer nur ein Ziel hatten: den Christen in seinem staatlich sanktionierten Religionsverständnis über die anderen minoritären Glaubensgemeinschaften obsiegen zu lassen, Kreuzzüge, Inquisition, Lügenbezichtigung um des vermeintlichen Rechthabens willen.

Und nun studierten wir mit Helmut Gollwitzer, Friedrich-Wilhelm Marquardt, Fritz Steppat, Jacob Taubes und Marianne Awerbuch  in einem kleinen akademischen Paradies und gingen gemeinsamen biblischen Quellen, kirchlich-antijüdischen Polemiken und unterschiedlichen religiösen Lebenswelten nach. Deutlich wurden gemeinsame Probleme von Judentum und Christentum in Zeit und Raum: Wie sich aus der alten israelitischen Opferkultreligion in der Tradition der prophetischen  Kritik an Priestern und Israeliten nach der Zerstörung des Tempels zwei moderne Glaubensweisen herausbildeten - das rabbinische Judentum, das die Erinnerung an den Tempel in Worte des Andenkens transformierte und das Christentum, das sich zur Erinnerung an Jesus von Nazareth aufstellte. Die einen führen den ewig bestehenden Bund nicht mehr auf Jerusalem bezogen in neuem Gewand universal weiter, die anderen werden auch universal, aber setzen einen neuen Bund daneben: Geschwister im Glauben, Konkurrenten in der Realität.

Der christlich-jüdische Dialog nach der Schoa hat auch zu verfassten christlich-jüdischen Dialogkreisen geführt, zu Gemeinschaftsgottesdiensten und nicht mehr wegzudenkenden Begegnungen auf Kirchen- und Katholikentagen und festverankerten Foren in den laizistischen Organisationen wie dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken oder der EKD-Synode. Man könnte sich über alles dies freuen, wenn nicht in den unbestimmten Weiten des weltweiten Netzes und einer gedankenlosen Öffentlichkeit, wenn nicht zum Beispiel durch den rauen Ton in der Beschneidungsdebatte oder in der Beurteilung nahöstlicher Gefahrszenarien für die in islamischen Ländern und Israel lebenden Christen das Potential läge, das junge Pflänzchen des christlich-jüdischen Dialogs auf dem Altar der vorauseilenden Gehorsamkeit gegenüber einer scheinbaren politischen  Correctness, die in Wirklichkeit die Abhängigkeit von nahöstlichem Öl paraphrasiert, zu opfern.

Und da stehen wir heute und sollen nicht anders können: anders als in den letzten 2000 Jahren wollen wir Gemeinsames suchen und führen und über Trennendes hinweg Dialog versuchen. Für unsere Zeit und alle neuen Zeiten wollen wir im Dialog bleiben, um in verschiedenen  Glaubensweisen auf der Suche zu bleiben nach Wegen zu IHM.

 

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