Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka, Berlin


Europa, wie wir es heute kennen, ist das Ergebnis einer langen Entwicklung von Pluralisierung, die mit der Reformation begann. In der Reformation wurde die eine allumfassende christliche Kirche durch zwei Kirchen ersetzt, ja durch zwei "Religionen", wie man es im 16. Jahrhundert ausdrückte. Auf die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 durch Ludwig XIV. folgte ein Exodus von rund 500.000 Hugenotten aus Frankreich, der in ganz Europa hitzige Debatten über religiöse Toleranz und Religionsfreiheit auslöste.
So argumentierte John Locke 1689 in seinem Brief über die Toleranz, weder Staat noch Kirche dürften Menschen ob ihrer Seelen nötigen, und bestand auf Toleranz für alle Religionen. Die Niederlande, die Glaubensflüchtlinge aus verschiedenen Kulturen aufgenommen hatten, wurden der erste Staat, der das Prinzip der religiösen Toleranz zur Staatsräson machte. England folgte mit der "Glorious Revolution" 1688/89, als auch den Nonkonformisten Toleranz zugesagt wurde. Voraussetzung waren Treue zur Krone und die Weigerung, den Supremat des Papstes anzuerkennen. Aus Europa kam der Toleranzgedanke in die Vereinigten Staaten und prägte die Bill of Rights. Später wurde davon wiederum die Französische Revolution beeinflusst.
Wir sehen also: Erst ein langer Lernprozess brachte uns Europäer dazu, Toleranz und Religionsfreiheit zum prägenden Merkmal unserer Gesellschaft auszuformen. So wirkt es auch gegen das zerstörerische Potential von Religion, wenn sie für nationale Interessen instrumentalisiert wird. Die Möglichkeit zur Koexistenz verschiedener Überzeugungen wurde zur Existenzfrage in Europa. Die Aufklärung ist dabei die Grundlage für diesen allgemeinen Konsens.
Letztlich ermöglichte die Aufklärung dem Judentum zu Beginn des 19. Jahrhunderts, seinen Platz in der Gesamtgesellschaft einzunehmen. Grundlage waren die napoleonischen Reformen, die die rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen für Juden als Individuen und für das Judentum insgesamt veränderten.

Der offene Dialog zwischen Juden- und Christentum, wie er heute bei uns gepflegt wird, ist das Ergebnis eines langen Prozesses: Es hat trotz der Aufklärung noch das ganze 19. und einen Gutteil des 20. Jahrhunderts gedauert, bis Judentum und Christentum zu einem neuen Verhältnis gefunden hatten.
Erst musste sich 1918 die Verbindung von "Thron und Altar" lösen und eine Gleichstellung der Religionen in der Weimarer Reichsverfassung erreicht werden. Doch letztlich hat erst das Trauma des Holocaust den nötigen Bruch in den Kirchen herbeigeführt. Aus der Bankrotterklärung christlicher Ethik im Dritten Reich und aus dem Versagen der Kirchen vor der Aufgabe, die jüdischen Brüder und Schwestern wirksam vor ihrer Ermordung zu schützen, ergab sich nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise ein Ansatz für ein neues Miteinander von Christen und Juden.

Einer der Meilensteine auf diesem Weg der Annäherung war die Erklärung Nostrae Aetate im Oktober 1965. Seit dieser Erklärung haben sich Juden und römisch-katholische Christen besser kennen und verstehen gelernt, zahlreiche alte Missverständnisse und Vorurteile abgebaut und bei aller Verschiedenheit auch viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Auch eine Reihe der evangelischen Landeskirchen fand zu einem neuen Blick aufs Judentum. So forderte die Rheinische Landessynode von 1980, aus "geschichtlicher Notwendigkeit" "ein neues Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk zu gewinnen".1

Juden und Christen sind heute einander so nahe, weil beiden die Erfahrung der Aufklärung mit ihrem Primat von Rationalismus und Vernunft gemeinsam ist. Alle Religionen, auch das Christentum, hatten an den Herausforderungen der Moderne zu kauen, manches ist bis heute unverdaut. Die Vereinbarkeit von Religion und Moderne entscheidet sich besonders an hermeneutischen Grundfragen: Im Schrift- und Traditionsverständnis werden die Wei- chen gestellt für die Dialog- und Reformfähigkeit von Religion. So mussten sich Judentum wie Christentum fragen, ob sie eine historisch-kritische Betrachtung von Heiligen Schriften und Tradition zulassen. Das europäische Judentum hat durch die Aufklärung eine Chance erhalten: die Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs, die kulturelle wie rechtliche Eman- zipation und die Ausformung einer widerstandsfähigen Identität. Dies bedingte die Neubewertung unserer jüdischen Traditionen und Lehren. Die Teilhabe an einer sich pluralisierenden Gesellschaft lässt eben keinen unverändert.

Deshalb war es so bedeutsam, dass auf Basis der Empfehlungen des Wissenschaftsrats vom Januar 2010 in Deutschland eine Pluralisierung der Universitätstheologie gelungen ist: seitdem sind vier Zentren islamischer Theologie an die Seite der christlich-theologischen Fakultäten getreten und die vor einem Jahr an der Universität Potsdam gegründete "School of Jewish Theology", deren Direktor ich bin. Als Teil des Hauses der Wissenschaft wirken damit Christentum und Judentum gemeinsam mit dem Islam daran mit, die Zukunft unserer Gesellschaft zu gestalten. Deshalb engagiere ich mich gerne im jüdisch-christlichen Dialog.


1    http://www.ekir.de/www/downloads/ekir2008arbeitshilfe_christen_juden.pdf

 

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