Salzkörner

Donnerstag, 27. April 2017

Religionsunterricht: Debatte als Chance begreifen

Die zivilisierende Funktion stärken

Berlin ist bekanntlich eine sehr weltliche Stadt: Mehr als 60 Prozent der Berlinerinnen und Berliner sind nicht konfessionell gebunden; den beiden großen christlichen Kirchen gehört nicht einmal ein Drittel der Menschen dieser Stadt an; die übrigen verteilen sich auf 250 Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Nach dem gescheiterten Volksentscheid "Pro Reli" gab es in der Hauptstadt nur noch wenig Debatte über den Religions- und Weltanschauungsunterricht, der hier bloßes Wahlfach ist. Geändert hat sich dies seit dem Einzug der AfD ins Berliner Abgeordnetenhaus.

Seitdem gibt es nahezu in jeder Plenarsitzung Anti-Islam- Anträge, auch über den Religionsunterricht wurde auf Antrag der AfD schon debattiert. Paradoxerweise aber liegt in der Tatsache, dass die Rechtspopulisten so offensichtlich religionsfeindlich agieren, eine Chance: die Chance auf eine zukunftsweisende Debatte über Religion in einer pluralen Gesellschaft, über das friedliche und von Respekt getragene Zusammenleben von Menschen verschiedenster Religionen und ohne Religion. Das gilt nicht nur für Berlin.

Denn es stehen Fragen erneut auf der Agenda, von denen  in den vergangenen Jahren viele gedacht – und manche gehofft – hatten, sie würden sich in absehbarer Zeit von al- lein erledigen, durch den Mitgliederschwund in den Kirchen und die wachsende Zahl von Menschen ohne Religion oder Weltanschauung.

Im Blick auf den Religionsunterricht geht es erstens darum, seine zivilisierende Funktion zu stärken: Ein Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, der offen für die kritische Reflexion und die Auseinandersetzung mit anderen Positionen ist, kann Kinder und Jugendliche zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern machen und gegen Radikalisierung immunisieren.

Zweitens kann Religionsunterricht Schülerinnen und Schüler fit machen für das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Allerdings nur, wenn die Begegnung und der Dialog zwischen den Kindern und Jugendlichen verschiedener Bekenntnisse sowie derjenigen ohne Bekenntnis organisiert und in den Stundenplan eingebaut wird.

Ein Schulfach "Ethik und Religionskunde" für alle kann bei- des nicht gleichermaßen leisten. Denn die Auseinandersetzung mit der eigenen religiösen Identität bzw. der religiösen Identität der Eltern und der religiösen Tradition der eigenen Familie braucht Lehrkräfte bzw. Bezugspersonen, die dieses Bekenntnis authentisch vertreten, anstatt lediglich mit der gebotenen wissenschaftlichen Distanz darüber zu dozieren. Jemand, an dem Schülerinnen und Schüler sich mit ihren Fragen und ihrer Kritik auch reiben und da- bei allmählich zur Entscheidung für oder gegen dieses Bekenntnis kommen können.

Dennoch gibt es zugleich ein wachsendes Bedürfnis nach einem Fach, in dem unabhängig vom eigenen Bekenntnis über Wertefragen gesprochen, Urteilsfähigkeit gestärkt und auch Wissen über Religionen und Weltanschauungen vermittelt wird. Ethik und Religionskunde gehören an die Schulen, und sie sind mehr als ein Ersatzfach für die Nicht- Religiösen. Kirchen und andere Religionsgemeinschaften sollten dieses Ansinnen ernst nehmen und es nicht nur als versteckte Attacke auf den bekenntnisförmigen Religionsunterricht begreifen.

Zugleich braucht es Antworten auf die Frage, wie denn der wachsenden Vielfalt der religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisse in der Unterrichtspraxis Rechnung getragen werden soll. Überlegungen zu konfessionsübergreifenden Kooperationen der christlichen Kirchen gehen in die richtige Richtung, greifen aber letztlich zu kurz. Ich wünsche mir, dass sich die katholische Kirche offensiv und ohne Angst   an der neuen Debatte über die Zukunft des Religionsunterrichts beteiligt und sie als Chance begreift. Meine Partei wird ihren Beitrag zu dieser Debatte leisten; wir haben soeben einen Diskussionsprozess begonnen mit dem Ziel, grüne Leitsätze für Religionsunterricht, Ethik und Religionskunde zu entwickeln.

 

 

 

Autor: Bettina Jarasch Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses Mitglied des Bundesvorstands von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

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