Salzkörner

Dienstag, 28. Februar 2017

Respekt und Anerkennung statt Verrohung von Sprache und Umgang

Auf die Haltung kommt es an

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat ein Manifest gegen die Verrohung von Sprache und Umgangsformen verfasst. Er macht damit auf eine gesellschaftliche Entwicklung aufmerksam, die seit Jahren zu beobachten ist und sich unter dem Gesichtspunkt der Diskussion um Integration erheblich beschleunigt hat. Der Verrohung der Sprache Einhalt zu bieten, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Diese Aufgabe ernst zu nehmen, heißt, den eigenen Sprachgebrauch genauer unter die Lupe zu nehmen. Hier ist es auch wichtig, dass Politik- und Medienvertreter genauer hinschauen, wie sie welche Dinge formulieren und beschreiben.

Wir Lehrerinnen und Lehrer beobachten mit Sorge eine zunehmende Aggressivität in der Sprache und in den Umgangsformen. Nicht nur in der Schule, sondern in vielen Bereichen des Lebens – in der Politik, den Medien, in den sozialen Netzwerken. Wir beobachten, wie extreme Gruppierungen und Personen den Boden bereiten für Zwietracht und Gewalt. Das gefährdet unsere Demokratie. Dem müssen wir Lehrerinnen und Lehrer entgegenwirken – und wir können das auch. Denn in der Schule sitzt die Gesellschaft von morgen. Wir Erwachsene sind ihre Vorbilder. Unser Verhalten färbt auf Kinder und Jugendliche ab. Zugleich dürfen wir nicht tatenlos zusehen, wenn wir destruktive Umgangsformen in der Schule erleben. Es gilt, unsere Gesellschaft vor Spaltung, Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Radikalisierung zu schützen.

Für die Würde des Menschen

In Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes heißt es: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Vor allem für uns als Lehrerinnen und Lehrer, aber auch für alle anderen Bürger sollte das bedeuten, sich bewusst für die Würde des Menschen einzusetzen und auf die genannte Entwicklung hinzuweisen bzw. ihr entgegenzuwirken. Haltung zu zeigen beginnt deshalb in der Familie und am Arbeitsplatz, muss jedoch auch ins öffentliche Leben weitergetragen werden, um uns und unsere Kinder vor despektierlichen und gefährlichen Haltungen zu schützen.

Auf Worte können Taten folgen

Hier seien nun vor allem extreme Gruppierungen und Personen erwähnt, insbesondere Repräsentanten der Rechtspopulisten und Rechtsextremen, die unsere Gesellschaft spalten und emotional aufhetzen. Dort ist die Verrohung der Sprache überdurchschnittlich stark merklich, wenn bewusst Tabubegriffe für Gruppen verwendet werden und auf Zusammenkünften Beleidigungen geschrien werden. Diese aggressive Sprache spiegelt sich auch in aggressiven Taten wieder. So waren im vergangenen Jahr 83 Prozent aller politisch motivierten Straftaten in Bayern rechtsextrem motivierte Delikte. Auch dieser Bewegung gegenüber muss deshalb klar Haltung bezogen werden.

Die Gefahr der Verrohung der Sprache besteht nicht nur darin, dass unsere Kinder und Jugendlichen diese übernehmen könnten, sondern auch darin, dass aggressive Sprache aggressive Handlungen folgen lässt. Denn Wort und Tat stehen in engem Zusammenhang. Wenn unsere Gesellschaft aggressive Sprache billigt und ihre Augen dieser gegenüber verschließt, so legt sie Grundlage für aggressive Handlungen, die durch Sprache provoziert werden. Anstatt sich später zu fragen, wie die Gewalt reduziert werden kann, muss schon präventiv gegen Gewalt vorgegangen werden, indem wir uns bewusst gegen die Verrohung der Sprache einsetzen.

Bewusster Umgang mit Sprache ist eine Aufgabe für alle

In diesem Vorhaben kann auch die Politik ihren Teil leisten. Mit der Ankunft der Flüchtlinge begann sie von "Wellen" und "Fluten" von Flüchtlingen zu sprechen. Beide Begriffe sind mit Naturkatastrophen verbunden und rufen schon deshalb ein Bild der Bedrohung hervor. Solche Worte ignorieren zudem, dass hinter jedem Flüchtling ein Mensch mit einem Einzelschicksal steckt, der ebensolche Empfindungen hat wie wir. Auch in diesen Bereichen sollte Sprache deshalb bewusst eingesetzt und frei von aggressiven Konnotationen gehalten werden. Denn was nicht gesagt wird, wird von anderen auch nicht zwangsläufig gedacht. Und so kann ein aggressiver Teufelskreis gebrochen werden.

Mit positiver Sprache und positiver Einstellung unsererseits können unsere Kinder Respekt, Wertschätzung und Interesse für die anderen Menschen erleben und leben – unabhängig davon, welcher Religion sie angehören, welche Hautfarbe sie haben, welche Muttersprache sie sprechen und welche Meinung sie vertreten. In solch einer weltoffenen Gesellschaft sind Interessenskonflikte natürlich legitim, wichtig ist allerdings die Art wie damit umgegangen wird.

Ein angeregter und fairer Diskurs integriert Fakten und Argumente und erfordert Geduld und Ruhe für eine sinnvolle Diskussion. Die aktuelle gesellschaftliche Debatte ist momentan allerdings von Vorurteilen, Verallgemeinerungen, abwertenden Emotionen und Zuspitzungen belastet, die Verschwörungstheorien, einfache Erklärungsmuster und Schuldkategorien als Argumente nutzt. Auch von dieser Gesprächskultur dürfen wir uns nicht anstecken lassen, um Kindern und Jugendlichen den Umgang mit divergierenden Meinungen beizubringen. Wir alle dienen als Vorbild und können unsere Äußerungen und unsere Sprache frei wählen. Deshalb sollten wir die richtige Wahl treffen.

Alle Menschen verdienen Würde und Anerkennung

In der Debatte der vergangenen Monate sind die Menschen als Individuen und Einzelschicksale zu oft in den Hintergrund getreten. Der Geflüchtete, der Andersdenkende, der Andersgläubige wird immer wieder als Mensch ausgeblendet und zum Objekt diffuser Ängste, verbaler Aggressionen und tätlicher Gewalt. Wir als Lehrerinnen und Lehrer erleben täglich, dass jedes Flüchtlingskind und deren Väter und Mütter Menschen sind, die tiefe Gefühle bewegen, die eine dramatische Geschichte verarbeiten müssen, die häufig traumatisiert sind, die in tiefer Not stecken, die verzweifelt sind. Wir begegnen und arbeiten mit Menschen und nicht mit einer "Welle" oder einer "Flut". Diese Menschen haben, wie alle, eine Würde. Diese Menschen müssen, wie alle, mit Respekt behandelt werden. Weil das unser tägliches Brot ist, haben wir ein Recht und die Verpflichtung, immer wieder auf die Menschenwürde aller Kinder und aller Menschen hinzuweisen.

Auch die älteren Kinder und Jugendlichen beobachten selbstverständlich die öffentliche Diskussion. Deshalb müssen wir Erwachsene Vorbild sein in unserer Art zu argumentieren und zu handeln. Das trifft für Politiker ebenso zu wie für Journalisten, für Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie für die Eltern. Aus unserer Sicht ist es dringend notwendig, auch in der Schule und im schulischen Umfeld die Frage der Integration der Flüchtlinge und den Umgang mit Vielfalt generell sachlich und wertschätzend zu behandeln und gegen Hass, Aggressionen und Angst einzutreten. Als Präsidentin des BLLV bin ich sehr stolz und beeindruckt vom unglaublichen Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen für Flüchtlinge, Migranten, aber auch für sozial benachteiligte deutsche Kinder in und außerhalb der Schule. Ich bin überzeugt, dass diese Gesellschaft ein menschliches Antlitz haben muss und haben kann. Respektvoller Umgang und empathisches Handeln sind Grundlage des sozialen Friedens. Wir Lehrerinnen und Lehrer leisten hierfür bereits einen großen Beitrag: Wir werden dies in Zukunft noch bewusster tun.

Als besorgte Lehrerinnen und Lehrer appellieren wir deshalb an alle, unsere Gesellschaft vor Spaltung, Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Radikalisierung zu schützen und so unsere Demokratie zu bewahren. Lassen wir uns nicht einschüchtern und setzen wir uns selbstbewusst und kompromisslos ein.

Für unsere Demokratie: Haltung zählt.

 

 

 

 

 

Autor: Simone Fleischmann Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes

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