Salzkörner

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Rumpelstilzchen und andere Gespenster

Herausforderungen durch die Finanzmarktkrise
"Nicht das System ist schuld – es wurde nur nicht konsequent genug angewandt." Sätze wie dieser aus dem Mund gläubiger Kommunisten begleiteten im Herbst 1989 die Implosion des real existierenden Sozialismus. In den vergangenen Wochen waren Äußerungen dieser Art erneut zu vernehmen – diesmal freilich am anderen Ende des politischen Spektrums, von Anhängern des Turbokapitalismus angelsächsischer Prägung, die auf die Finanzmarktkrise ähnlich ungläubig reagierten, wie 20 Jahre zuvor manche orthodoxen Marxisten.

Die aktuelle Krise hat viele vermeintliche Gewissheiten erschüttert, die seit der historischen Wende von 1989 unumstößlich schienen: etwa den Anspruch, dass der Markt dem Staat in jedem Fall überlegen sei und dass der sich deshalb gefälligst aus dem Wirtschaftsleben herauszuhalten habe; die Vorstellung, dass Wettbewerb ohne Regeln auskomme; die Erwartung, dass Flexibilität wichtiger sei als Verlässlichkeit; oder die Verheißung, dass an alle gedacht sei, wenn jeder nur an sich selbst denke.

Gier macht blind

In der Tat dürfte eine wesentliche Ursache der Krise darin gelegen haben, dass einige nur an sich selbst gedacht haben – übrigens nicht nur die vielgescholtenen Banker und Manager, sondern auch mancher Anleger, der bei seinen Renditeerwartungen jedes Maß verloren hatte. Die deutsche Sprache kennt dafür das Wort "Gier", und die macht bekanntlich nicht nur rücksichtslos, sondern auch blind: blind für die langfristigen Kosten kurzfristiger Vorteile; blind für die Risiken, die doch seit Monaten immer offensichtlicher wurden; blind für die Alltagsvernunft, die uns sagt, dass Stroh sich nicht zu Gold spinnen lässt – jedenfalls nicht in der Wirklichkeit.

Zum Zusammenbruch der Finanzmärkte kam es auch deshalb, weil die handelnden Personen am Ende oft selbst nicht mehr genau wussten, womit sie eigentlich handelten und weil die Finanzwirtschaft sich zunehmend von der Realwirtschaft abgekoppelt hatte. In umgekehrter Richtung freilich haben die Folgen der Bankenkrise längst auch die Realwirtschaft erreicht. Die Konjunkturdaten für das kommende Jahr weisen nach unten. Die bisher erreichten Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und dem Abbau der Staatsverschuldung werden sich im kommenden Jahr kaum fortsetzen lassen. Inzwischen rufen auch andere Branchen – etwa die Automobilindustrie – nach staatlicher Unterstützung. In anderen Ländern ist die Situation nicht besser. Aus der Finanzmarktkrise droht eine Wirtschaftskrise globalen Ausmaßes zu werden.

Es gibt also wahrlich keinen Grund zur Schadenfreude und schon gar nicht zu moralischer Überheblichkeit. Viele von uns haben dem Spiel lange Zeit fasziniert, vielleicht sogar neidisch zugeschaut. "Massenfrivolität" nennt der Philosoph Peter Sloterdijk diese Stimmung, die die entwickelten Länder der Erde seit Mitte der 1990er Jahre erfasst hat.

Doppelte Vertrauenskrise

Die Krise der Finanzmärkte ist im doppelten Sinne eine Vertrauenskrise: Was sie letztlich offen zum Ausbruch brachte, war das fehlende Vertrauen zwischen den Banken. Weil nach dem Platzen der Spekulationsblase am US-Immobilienmarkt kein Geldhaus wusste, wie viele faule Papiere die anderen in ihren Büchern hatten, wollte keines den anderen mehr Geld leihen. Der Interbankenhandel kam zum Erliegen. Man kann nur hoffen, dass die staatlichen Bürgschaften dieses Problem rasch lösen werden. Zugleich hat die Entwicklung an den Finanzmärkten das Vertrauen der Bevölkerung erschüttert – nicht nur das Vertrauen in unser Wirtschaftssystem, sondern auch das ohnehin angeschlagene Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Demokratie. Wie immer, wenn es kompliziert wird, gewinnen auch jetzt vermeintlich einfache Lösungen an Attraktivität. Die alten Gespenster sind wieder da.

Zu den raschen staatlichen Hilfen gab es keine Alternative. Trotzdem erscheint es vielen Menschen als Zumutung, wenn einerseits etwa beim Kindergeld oder beim Arbeitslosengeld II um zehn-Euro-Beträge gefeilscht wird und andererseits der Staat ein 500-Milliarden-Paket für die Rettung einer Branche schnürt, deren Spitzenpersonal bislang nicht unbedingt durch übertriebene Bescheidenheit aufgefallen ist. Die Stammtischparole, dass jetzt der Steuerzahler für die Spielschulden von Menschen aufkommen muss, die in der Vergangenheit den Hals nicht voll genug bekommen haben, ist leider sehr verführerisch. Und sie lenkt Wasser auf die Mühlen von Extremisten, die eine andere Republik wollen.

Transparenz und klare Regeln

Das wichtigste Mittel, um Vertrauen herzustellen, sind Transparenz und klare Regeln. Das hat inzwischen auch mancher erkannt, der noch vor kurzem einer weitgehenden Deregulierung der Märkte das Wort geredet hat. Offen ist indes die Frage, wer diese Regeln im globalen Maßstab formulieren und dann auch durchsetzen soll. Aber immerhin: Das Bewusstsein für ihre Notwendigkeit ist gewachsen – das ist mehr, als man noch vor einigen Monaten erwarten konnte. Ebenso wenig war zu erwarten, dass das Leitbild des "ehrbaren Kaufmanns", den viele schon lange in die Mottenkiste – oder sagen wir: ins Kuriositätenkabinett, Abteilung: merkwürdige Fossilien – verbannt hatten, heute wieder gefragt sein würde. Der Ruf nach Moral, Maß und Mäßigung in der Wirtschaft wird lauter. Es wächst die Einsicht, dass wir eine neue Balance zwischen Staat und Markt, zwischen Solidarität und Selbstverantwortung brauchen.

Vorschläge

Darin liegt die eigentliche Chance der gegenwärtigen Krise. Sie fordert uns heraus, darüber zu streiten, wie und in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Wir Christen haben Antworten auf diese Fragen – und wir sollten nicht zögern, sie in die Debatte einzubringen. Viele der Tugenden, die im Moment eine Renaissance erleben, haben ihre Wurzeln in der katholischen Soziallehre. Es lohnt sich, darüber zu sprechen und dafür zu werben. Und es lohnt sich, unsere alten Papiere noch einmal zu lesen: zum Beispiel das vermeintlich "totgelobte" Gemeinsame Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage von 1997, das ein ausgefeiltes wirtschaftsethisches Koordinatensystem enthält, oder die ZdK-Erklärung "Internationale Finanzmärkte – Gerechtigkeit braucht Regeln", die auch nach fünf Jahren noch erschreckend aktuell ist. "Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht" – so lautete das Leitwort des Saarbrücker Katholikentages von 2006. Es liegt an uns, jetzt durchzubuchstabieren, was das konkret bedeutet.

Soziale Marktwirtschaft und Demokratie

Die Krise hat nicht nur viel Geld, sondern auch Vertrauen zerstört. Deshalb ist es wichtig, dass wir beharrlich für Soziale Marktwirtschaft und Demokratie werben. Beide gehören zusammen und beide sind im Europäischen Sozialstaatsmodell verwirklicht, das in den vergangenen Jahren von vielen belächelt wurde. Als Christinnen und Christen wissen wir um die Unvollkommenheit und Erlösungsbedürftigkeit eines jeden Menschen. Das sollte uns misstrauisch machen gegen jede Ideologie – ganz gleich ob sie ihr Heil allein im Markt oder im Staat sieht. Gerade im Wahljahr sollten wir bei aller berechtigten Kritik an den Auswüchsen eines entgrenzten Kapitalismus allen entgegentreten, die Kapital aus den Ängsten und der Verunsicherung der Menschen schlagen wollen. Zugegeben: Auf dem dritten Weg kann man schnell einsam werden. Aber der Platz zwischen allen Stühlen ist für Christen nicht unbedingt der schlechteste Ort.

Die Armen nicht vergessen

Und schließlich sollten wir darauf achten, dass die Sorge um uns selbst nicht dazu führt, dass wir diejenigen vergessen, denen es weit schlechter geht als uns – frei nach dem Motto: "Wir haben eigene Probleme, und das Hemd ist uns jetzt näher als der Rock." Wir sollten dieser Haltung energisch entgegentreten – aus Nächstenliebe und im wohlverstandenen eigenen Interesse, denn die Krise macht auch deutlich, dass in einer globalisierten Welt alles mit allem zusammenhängt. Auch aus diesem Grund kann uns die Armut der Armen nicht gleichgültig sein.

Der Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus vor bald 20 Jahren war ein Sieg der Freiheit über die Unfreiheit. Aber es gibt auf Erden kein "Ende der Geschichte". Hätte es eines Beweises für diese schlichte Einsicht bedurft – die Ereignisse der letzten Wochen hätten ihn geliefert. Die Zukunft ist offen und will gestaltet werden. Es liegt in unserer Verantwortung, wie und in welche Richtung das geschieht.

Autor: Dr. Christoph Braß, Vizepräsident des ZdK

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