Salzkörner

Mittwoch, 28. Februar 2018

Schlicht privat

Von den freien Vereinigungen in der Kirche

Kardinal Marx hat in einem Brief an ZdK-Präsident Thomas Sternberg wichtige Sätze zu Donum Vitae gesagt. Das ist ein qualitativer Sprung im gemeinsamen Engagement der Katholiken für das ungeborene Leben. In den Reaktionen tauchte am Rande ein kleiner Disput zum Kirchenverständnis wieder aus der Versenkung auf.

In einem Brief an den ZdK-Präsidenten Sternberg hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, geschrieben: "Es besteht kein Zweifel, dass das Ziel von Donum Vitae ebenso wie das der bischöflich verantworteten Schwangerenberatung der Schutz des ungeborenen Menschen ist. Ich stelle fest, dass es über die Jahre hinweg auch vielen Beraterinnen von Donum Vitae gelungen ist, zahlreichen Frauen bzw. Eltern Mut zu machen für ein Leben mit dem Kind, und dafür bestmögliche Hilfestellungen zu bieten. Dafür dürfen wir gemeinsam dankbar sein."

Für diese grundlegende Aussage können alle, die sich im ZdK engagieren, sehr dankbar sein. Sie anerkennt jene, die sich in der Schwangerschaftskonfliktberatung engagieren, in ihrem entschiedenen Einsatz für das Leben. Und sie nimmt dem wichtigen Einsatz jener, die sich in der Schwangerenberatung engagieren, nichts von ihrer ebenso wichtigen Wertschätzung. Zu der ebenfalls wichtigen Frage der Beschäftigung ehemaliger Beraterinnen von Donum Vitae, die möglicherweise zum Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) oder zur Caritas wechseln möchten, schreibt Kardinal Marx darüber hinaus klärend: "Deshalb halte ich es für selbstverständlich, dass Personen, die in einer Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle des Donum Vitae e.  V. gearbeitet haben, in bischöflich anerkannten Schwangerenberatungsstellen beschäftigt werden können, sofern sie, was ja auch selbstverständlich ist, die dort geltenden Regeln und Festlegungen respektieren und beachten." All dies sind wichtige Klärungen.

Außerhalb der Kirche?

In einer ersten Stellungnahme reagierte der Kölner Weihbischof Ansgar Puff auf den Brief von Kardinal Marx. Neben einer selbstverständlichen und berechtigten Würdigung der Schwangerenberatung von Caritas und SKF wiederholte er die Formulierung, Donum Vitae sei eine "Vereinigung außerhalb der Kirche". Das ist allerdings und leider eine schon immer unpräzise Formulierung. Wenn der Weihbischof meint, Donum Vitae sei eine Vereinigung, die keine kirchenamtliche Anerkennung hat, bekommt, wünscht, beantragt oder braucht, so hat er völlig recht. Wollte der Weihbischof also sagen: "Donum Vitae wird keine kirchenamtliche Anerkennung bekommen, es ist und bleibt ein bürgerlicher Verein als e. V., ich als Bischof halte den Weg von Donum Vitae für falsch", dann würde ich persönlich dies zwar bedauern, aber dann könnte dieser Artikel hier enden, denn der Bischof meint: "Donum Vitae ist keine Vereinigung, die vom kirchlichen Amt anerkannt ist." Leider steht es aber, wie ich befürchten muss, anders. Möglicherweise ist es gemeint, wie es sich anhört, und dann wäre es nicht nur unpräzise und damit falsch, sondern auch verletzend.

Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit

Das gültige Kirchenrecht kennt drei Arten von Vereinigungen. Zunächst schreibt es ganz grundsätzlich zu den Rechten und Pflichten der Christgläubigen bezüglich ihrer Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit: "Den Gläubigen ist es unbenommen, Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt frei zu gründen und zu leiten und Versammlungen abzuhalten, um diese Zwecke gemeinsam zu verfolgen" (c. 215). Es steht den Laien frei, "… Werke der Frömmigkeit oder der Caritas zu betreiben und die weltliche Ordnung mit christlichem Geist zu beleben" (c. 298 § 1). (Dieses und die folgenden Zitate aus: Rüdiger Althaus, Der Diözesanbischof und die kirchlichen Vereine. In: Zwischen Vollmacht und Ohnmacht. Die Hirtengewalt des Diözesanbischofs und ihre Grenzen. Herausgegeben von Sabine Demel und Klaus
Lüdicke. Herder, Freiburg 2015, 295-318.)

Wohlgemerkt: Es steht den Laien frei. Keine Erlaubnis durch das kirchliche Amt ist notwendig, keine Billigung, keine Anerkennung. Auch in einer Diözese, die eine Bolivienpartnerschaft pflegt, können sich katholische Laien zusammenschließen, um sich für Ghana einzusetzen. Der Bischof kann sagen: "Besser wäre es, ihr machtet beim Bolivien-Engagement mit." Die Laien können trotzdem sagen: "Uns ist Ghana aber ein besonderes Anliegen, das halten wir für wichtiger." Darin sind sie frei. Eine amtliche Anerkennung ist nicht notwendig. Sie wird auch nicht beantragt. Aber wäre es nicht absolut unverständlich, zu behaupten, dieses Engagement geschehe "außerhalb der Kirche"?

Es ist kirchenrechtliches Grundwissen: "Die Gläubigen sind somit nicht mehr grundsätzlich von der Weisung oder Billigung einer kirchlichen Autorität abhängig. Vielmehr resultiert ihre Initiative aus dem ihnen in Taufe und Firmung übertragenen Apostolat, und sie unterstehen dann als Vereinigung nicht in einem größeren Umfang der kirchlichen Autorität wie als einzelne Gläubige. Gleichwohl bleiben sie verpflichtet, die Gemeinschaft mit der Kirche immer zu wahren (c. 209 § 1) und im Bewusstsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam das zu befolgen, was die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklären und als Leiter der Kirche bestimmen (c. 212 § 1)."

"Als Lehrer des Glaubens erklären …" – natürlich darf keine Vereinigung von Katholiken grundlegende Glaubensinhalte in Frage stellen. Ich kenne auch keinen ernst zu nehmenden Verein, der dies tut. "Als Leiter der Kirche bestimmen …" – auch das ist, betrachtet man das katholische Amtsverständnis, verständlich und zu akzeptieren. Der Leiter der Kirche bestimmt: "Zeit, Kraft, Personal und Geld werden von meinem Bistum in die Bolivienpartnerschaft gesteckt." Der Verein zur Ghana-Hilfe erhält keine kirchlichen Mittel. Aber wenn er sie nicht will, nicht braucht, nicht beantragt – kann seine Arbeit nicht trotzdem segensreich sein? Und wäre sie "außerhalb der Kirche"?

Stichwort Geld: Wenn freie Vereinigungen keine Kirchensteuermittel erhalten, sagt das nichts über ihren kirchlichen Status aus. Das Kirchenrecht gilt weltweit! Und natürlich haben wir weltweit völlig andere Verhältnisse als in Deutschland. Man stelle sich eine wohltätige, soziale Initiative in einem armen Land vor. Menschen aus einer irgendwie gearteten Mittelschicht helfen anderen in Not, bekleiden Nackte, besuchen Kranke, sättigen Hungernde. Der Bischof zahlt nichts, weil er gar nichts zahlen kann. "Vereinigung außerhalb der Kirche"?

Das CIC kennt drei Grundtypen von Vereinigungen.

Zweck, Erscheinungsbild und Organisationsstruktur von Vereinigungen im Sinne des Kirchenrechts (und nicht "außerhalb des Kirchenrechts" – und das ist der springende Punkt!) können sehr vielfältig sein. Das Vereinigungsrecht sieht drei Grundtypen vor. Erstens: einen von der kirchlichen Autorität eingerichteten Verein mit öffentlicher kanonischer Rechtspersönlichkeit, der entsprechend dem kirchlichen Amt zugeordnet ist. Zweitens: einen Verein mit privater kanonischer Rechtspersönlichkeit. Hier haben Gläubige eine "Privatvereinbarung" getroffen und die kirchliche Autorität um Billigung gebeten. Solche Vereinigungen handeln in eigener Verantwortung und im eigenen Namen, nicht im Namen der Kirche.

Maßgeblich für die kirchenrechtliche Einordnung von Donum Vitae – wie für unzählige Initiativen der ganzen Kirche - ist aber der dritte Weg: "Bei einem nichtrechtsfähigen Verein handelt es sich um einen freien Zusammenschluss von Gläubigen, der keine (private) Rechtspersönlichkeit in der Kirche erbeten oder erhalten hat. Sie können durch miteinander getroffene Privatvereinbarungen ein Ziel im Horizont der Sendung der Kirche verfolgen … Eine eventuelle Belobigung, Empfehlung oder eine Statutenüberprüfung durch die kirchliche Autorität tangiert nicht den rechtlichen Status einer solchen Vereinigung.  Als ein solcher nichtrechtsfähiger Verein kommt nicht nur eine Gebetsgruppe mit einer losen Führung in Betracht; vielmehr kann er über (ausgeprägte) Strukturen oder gar über Rechtspersönlichkeit nach Maßgabe des weltlichen Rechts verfügen, wie dies bei einer ganzen Reihe kirchlicher Vereine in Deutschland der Fall ist."

Solche – auch "schlicht privat" genannten – freien Zusammenschlüsse sind, wie gezeigt, selbstverständlich Vereinigungen innerhalb der Kirche, sie sind vorgesehen vom kirchlichen Recht. Getaufte und gefirmte katholische Christen schließen sich zusammen, um Gutes zu tun. Sie reklamieren nicht das kirchliche Amt für sich, sie maßen sich nichts an, sie handeln nicht "im Namen der Kirche".

Die ethische Frage

Damit gerät noch einmal die entscheidende Frage in den Blick: Ist der Versuch, im Rahmen der gesetzlich geregelten Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Ausstellung einer Beratungsbescheinigung verlangt, Leben zu retten, ethisch verantwortbar? Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz hat dies auf drei Dutzend Seiten untersucht, bejaht und begründet. Dieser Bericht vom 14.1.1999 ist abrufbar unter https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse/Bericht-Arbeitsgruppe-Schwangerschaftskonfliktberatung.pdf

 

 

 

Autor: Dr. Stefan Vesper Generalsekretär des ZdK

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