Salzkörner

Freitag, 30. Juni 2017

Schnittmuster für ein neues Leben

Wie ein Caritas-Projekt das Schicksal kolumbianischer Frauen verändert und für deutsche Verbraucher faire Kleidung produziert

Spätestens seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013 werden die vielfach schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie kritisiert. Ein Caritas-Projekt in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotà zeigt, dass es anders geht. Dort eröffnen die Ordensschwestern der "Hermanas Adoratrices" mit einer fair produzierenden Schneiderei seit vielen Jahren Prostituierten einen selbstbestimmten Weg aus dem Rotlicht-Milieu.

Was 1977 mit zwei gebrauchten Nähmaschinen begann, ist heute ein florierendes soziales Unternehmen: Die Textilfabrik "Creaciones Miquelina". Derzeit verdienen sich dort 278 Textilnäherinnen mit der Produktion von Arbeitskleidung, Schuluniformen und Outdoor-Kleidung tagtäglich ihren Lebensunterhalt. 550 Frauen werden zudem jährlich zu Textilnäherinnen ausgebildet und haben anschließend gute Aussichten, auf dem kolumbianischen Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden.

Eine von diesen Frauen ist Amparo Chambo. Die heute 43-Jährige hat in ihrem Leben mehr ertragen müssen, als für einen Menschen eigentlich verkraftbar ist: den brutalen Mord naher Angehöriger, Schläge, Vergewaltigungen und ungewollte Schwangerschaften. Sie war neun Jahre alt, als Guerilleros ihre Mutter bei einem Überfall töteten. In der Familie ihres Onkels, wo sie nach der Tragödie Unterschlupf fand, wurde sie sexuell missbraucht. Amparo Chambo floh und sah mit ihren 13 Jahren im Straßenstrich von Bogota den einzigen Weg, sich selbst und ihren Geschwistern die Existenz zu sichern.

"Darauf bin ich stolz: Meine Kinder gehen zur Schule"

Die Wende in Amparo Chambos Leben bahnte sich an, als sie eines Tages von den "Schwestern der Anbetung" auf den Straßen von Bogota angesprochen wurde und deren Nähwerkstatt kennenlernte. Die Ordensgemeinschaft der "Hermanas Adoratrices" hat zwölf Niederlassungen in Kolumbien und Ecuador. "Schwestern vom Orden der Anbetung", das klingt in manchen Ohren womöglich frömmelnd-verklärend, steht aber tatsächlich seit Jahrzehnten für handfeste Sozialarbeit unter schwierigsten Bedingungen. Immer geht es bei der Arbeit der Schwestern darum, die Mission ihrer Ordensbegründerin, Santa Maria Micaela, fortzusetzen und Frauen dabei zu unterstützen, durch Ausbildung und Arbeitsplätze ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Frauen mit Amparo Chambos Schicksal erhalten so eine zweite Chance.

Erklärtes Ziel des Ordens ist es, Mädchen und Frauen davon abzuhalten, ihren Körper zu verkaufen. "Seit 20 Jahren arbeite ich nun in der Nähfabrik. In dieser Zeit konnte ich als alleinerziehende Mutter meine fünf Kinder aufziehen und bin stolz darauf, dass sie heute alle die Schule besuchen oder sogar bereits studieren", erzählt Amparo Chambo. Die Frauen sollen bei den Hermanas lernen, auf eigenen Füßen zu stehen und sich persönlich weiterzuentwickeln. Das fängt mit einfachen Dingen wie Kochen und Waschen an. Psychologisch begleitet und medizinisch betreut werden sie in dieser Phase von Ärzten und Sozialarbeitern. Schließlich lernen sie im letzten Schritt der Aufnahme bei den Schwestern in einer staatlich anerkannten Ausbildung das Schneidern, um sich so eine wirtschaftliche Alternative zu den Einnahmen aus dem Rotlicht-Milieu aufzubauen.

"Bei uns erfahren die Frauen erstmals in ihrem Leben Respekt"

Anfangs werden die Frauen zwar in vielen Fällen schon betreut, gehen aber gleichzeitig auch noch anschaffen. Dieser Prozess kann Monate, nicht selten auch Jahre dauern. In dieser Zeit können die Frauen sich langsam an den neuen Arbeitsalltag gewöhnen und auf den großen Schritt vorbereiten, der ihr Leben von Grund auf umkrempeln wird.

Die Leiterin des Ordens, Maria Rosaura Patiño, erinnert sich an die Anfänge in den 70er Jahren: "Millionen Vertriebene kamen nach Bogotà und viele Frauen landeten in der Prostitution. Bei uns erfuhren die Frauen dann erstmals in ihrem Leben Respekt. In vielen Gesprächen geben wir ihnen das Gefühl, wertvoll zu sein und es schaffen zu können: eine Ausbildung zu machen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und frei zu sein." Sieben Millionen Menschen müssen – so wie Amparo Chambo damals – auch heute noch, trotz der laufenden Friedensverhandlungen mit den diversen Kriegsparteien, in Kolumbien aufgrund des brutalen Bürgerkrieges fernab ihrer Heimat leben. Das ist die zweithöchste Anzahl an Binnenflüchtlingen weltweit. Über die Hälfte von ihnen sind Frauen und Mädchen, die von sexueller Gewalt besonders bedroht sind.

Eine neue Heimat dank der Kooperative

Seit zehn Jahren fördert Caritas international, das Hilfswerk des deutschen Caritasverbandes, das zur Nähfabrik gehörende Ausbildungszentrum. Ein verlässlicher Partner ist den Ordensschwestern seit vielen Jahren auch der britische Outdoor-Ausrüster Páramo, dessen Kleidung mittlerweile auch in deutschen Sportgeschäften und online erhältlich ist. "Creaciones Miquelina" produziert inzwischen 80 Prozent der Fleece-Pullover und Outdoor-Allwetterjacken von Páramo und hat eine Reihe weiterer Auftraggeber. Heute ist die Fabrik hochmodern und mit den neuesten computergesteuerten Schnittmustermaschinen ausgestattet. Die Gewinne der Fabrik werden in neue Maschinen und gemeinnützige Projekte investiert. Dazu gehören eine Wohnungsbaugenossenschaft, ein Gemeindezentrum sowie eine Kantine für Schulkinder. Der Erfolg der Fabrik trägt so wesentlich zur Entwicklung des armen Stadtviertels Juan José Rondón bei.

Die Wohnungsbaukooperative entstand 1991 auf Eigeninitiative der Frauen. Ziel war es, bezahlbaren Wohnraum im Acht-Millionen-Moloch Bogotà zu schaffen. Die Ordensfrauen stellten Geld zur Verfügung. Inzwischen entstand ein kleines Stadtviertel, in dem rund 300 Frauen mit ihren Familien leben. Kindergarten und Kindertagesstätte inklusive. Auch Amparo Chambo hat hier mit ihren fünf Kindern eine neue Heimat gefunden.

Jede verkaufte Jacke hilft Frauen in Not

Der gesamte Produktionsprozess der Nähfabrik konnte mit Unterstützung von Caritas international sowie des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in den vergangenen Jahren an den Kriterien des fairen Handels ausgerichtet werden. Mit Erfolg: Seit diesem Jahr tragen die in der Miquelina hergestellten Produkte das anspruchsvolle Fair-Trade-Siegel der World Fair-Trade Organisation (WFTO). Damit avanciert die Näherei der Ordensschwestern zum weltweit ersten Produzenten von Fair-Trade Outdoor-Bekleidung nach WFTO-Standards.

"Leider kommt es gerade in der Textilindustrie zu erheblichen arbeitsrechtlichen Verstößen und Menschenrechtsverletzungen: insbesondere in Entwicklungsländern, die ohnehin schon damit kämpfen, Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten", erklärt WFTO-Präsident Rudi Dalvai. "Creaciones Miquelina ist ein Beispiel dafür, dass wirtschaftliche Entwicklung und Produktqualität mit humanitärer Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit einhergehen können."

Jede verkaufte Jacke aus der Werkstatt der "Creaciones Miquelina" trägt so in Kolumbien zu einem selbstbestimmten Leben von Frauen in Not bei – mit Siegel der WFTO.

Fazit: In einem Caritas-Projekt ist es in Kolumbien beispielhaft gelungen, sozialen und wirtschaftlichen Nutzen zu vereinen. Faire Löhne, vorbildliche Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktion gehen Hand in Hand. Dem deutschen Konsumenten wird so fair produzierte Outdoor-Kleidung zugänglich gemacht.

 

Spendenstichwort: "Näherinnen Kolumbien", Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE88660205000202020202,

BIC: BFSWDE33KRL

 

 

 

 

 

Autor: Achim Reinke Pressereferent bei Caritas international

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