Salzkörner

Mittwoch, 24. April 2013

Schwellen

Editorial

Eine Reise nach Südafrika verstört noch immer – auch rund 20 Jahre nach der Überwindung der Apartheid. Dass das Land ein Schwellenland ist und zu den BRICS-Staaten gehört, mag nach ökonomischen Kriterien vertretbar sein. Doch der vorherrschende Eindruck von Armut und Gewalt hinterlässt die Besucher, wie mich vor wenigen Wochen, vielfach ratlos und betroffen.

Die katholische Kirche ist mit 7 Prozent der Bevölkerung in Südafrika nur eine kleine Kirche mit bescheidenen Möglichkeiten. Trotzdem beeindruckt die soziale Arbeit, die die wenigen Haupt- und vielen Ehrenamtlichen leisten. In der Hilfe für die Kranken etwa geschieht vieles, was entscheidend zur Verbesserung der Lebensumstände beiträgt: Gesundheitsstationen in direkter Nähe zu den Townships, in denen kostenlose Versorgung bereitgestellt wird, Beratung und Vorsorge, Erste Hilfe, Erstdiagnose und Weitervermittlung an Spezialisten. Wer die vielen Aidskranken sieht, wird vom Respekt für jene erfüllt, die auch als Kirche alles tun, um Aufklärung zu leisten und insbesondere die Frauen vor der alltäglichen Gewalt zu schützen, um so weit irgend möglich weitere Ansteckung zu verhindern. Wer die Schwelle zu einer Bretterhütte betreten darf, in der die Not physisch ebenso greifbar wird wie ein Überlebenswille in Würde, kehrt verändert nach Hause zurück.

Wer schließlich mit einem Priester durch das Elendsviertel geht, in dem dieser lebt, um sich dort zu informieren und Gemeindemitglieder zu besuchen, der wird auf eine weitere Schwelle hingewiesen: bis hierher können wir uns wagen, wenige Meter weiter beginnt auf der anderen Straßenseite das Reich einer anderen Gang, und es regiert die nackte Gewalt.
Der Kernsatz päpstlicher Sozialverkündigung, über ein halbes Jahrhundert alt, dass Entwicklung der neue Namen für Frieden sei, ist von brennender Aktualität.

 

Autor: Dr. Stefan Vesper

zurück zur Übersicht