Salzkörner

Freitag, 5. November 2010

Sehnsucht nach erfahrbarer Präsenz

Theater und Kirche im Dialog
Im September fand ein Werkstattgespräch zwischen Vertretern der katholischen Kirche und Theaterschaffenden statt. Der Theaterregisseur Veit Güssow schildert seine Eindrücke.

Gottesdienst und Theateraufführung, Liturgie und Drama sind nach Inhalt und Zielsetzung essentiell verschiedenartig. Das wurde auch beim Werkstattgespräch durch die klare Haltung vieler Kirchen- und Theatervertreter deutlich. Eingeladen von der Bischofskonferenz und vom ZdK trafen sich zum Thema "Inszenieren – Inspirieren – Konfrontieren" Bischöfe und Kirchenvertreter mit Theaterschaffenden und Theaterwissenschaftlern. Gerade die Tatsache, dass nicht versucht wurde, fundamentale Differenzen zu leugnen oder mit Allgemeinplätzen zu überwinden, ermöglichte einen intensiven und interessanten Austausch über tatsächliche Schnittmengen. Denn dass eine vergleichende Betrachtung von Gottesdienst und Theateraufführung überhaupt möglich ist, liegt nicht zuletzt an ihrer phänomenologischen Ähnlichkeit. Unter diesem Blickwinkel gab es Einiges zu entdecken. Hierzu seien zwei Beispiele skizziert:

Persönliche Haltung spürbar machen

Eine Stärke von Werkstattgesprächen liegt darin, die in großen Diskussionsrunden aufgeworfenen Fragestellungen in unkonventionellerem Rahmen weiter besprechen zu können. So ist es wohl kein Zufall, dass wir in kleinerer, spätabendlicher Runde einen Punkt erörterten, den ich außerordentlich interessant fand: Pfarrer sind keine Schauspieler – und sollen auch keine sein – und doch spielen Phänomene wie Präsenz und Glaubwürdigkeit beim Handeln und Sprechen bei beiden, Schauspielern und Pfarrern, gewichtige Rollen. Der Schauspieler Ulrich Matthes hat einmal formuliert, dass Darsteller mit großartiger Ausstrahlung das Paradox schaffen, von ihrer Rolle zu erzählen und gleichzeitig auch von sich selbst. Das macht die Faszination herausragender Schauspieler aus, dass bei ihnen beides gleichzeitig präsent ist: die Rolle und ihre Persönlichkeit. Der Pfarrer spielt im Gottesdienst gerade nicht eine Rolle. Aber er legt seine Überzeugungen auch nicht einfach in Schriftform nieder, sondern führt sie – in bestimmter Hinsicht – auf. Im Vollzug der Liturgie erfüllt er vorbereitete Gedanken mit Leben, gleich einem Schauspieler, der vorher getroffene inszenatorische Festlegungen nacherlebt. Hier könnte ein Berührungspunkt zwischen Schauspielern und Predigern zu finden sein: Der Priester kann seine Persönlichkeit einbringen, ohne sich damit selbst zur Schau zu stellen. Denn auch in der starren Form der Liturgie kann Persönlichkeit durchscheinen. Einigkeit herrschte darüber, dass es weder im Theater noch im Gottesdienst "theatern" soll, das heißt, dass eine Diskrepanz zwischen vorgegebener Handlung (Theater) bzw. tatsächlicher Handlung (Pfarrer) und der einhergehenden persönlichen Haltung im Moment des Handlungsvollzugs spürbar würde. Eine Ehrlichkeit nicht nur in der inneren Haltung zu erreichen, sondern auch im Ausdruck der Haltung ist sicherlich ein Themenfeld, in dem ein Austausch zwischen Kirche und Theater lohnt.

Vergegenwärtigung von Texten

Die Vergegenwärtigung tradierter Texte spielt in Kirche und Theater eine herausragende Rolle. Beiden stellt sich die Frage, wie dies unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen sinnvoll geschehen kann. Das Theater hat hierbei die Freiheit zum spielerischen Experiment und sollte diese nutzen. Im so genannten Regietheater wird z. B. zuweilen versucht, nicht den Text auf heutige Verhältnisse zu übertragen, sondern seine vom Autor intendierte Wirkung. Der Gedanke der Wirkungsäquivalenz wurde von den Kirchenvertretern interessiert aufgegriffen. Vielleicht kann dieser Zugang gerade auch bei an Traditionen orientierten Menschen Lust auf zeitgenössisches Theater machen. Hier lassen sich der spielerische Umgang mit überlieferten Konventionen und tradierten Texten in gelungenen und – genauso wichtig – ungelungenen Versuchsanordnungen erleben und vielleicht auch Impulse für das eigene Selbstverständnis entdecken.

Veranstaltungen wie im Kloster

Weingarten ermöglichen durch Diskussionen ohne Anbiederung, differenzierte Urteile zu bilden und einen konstruktiven Dialog zu fördern.

Autor: Veit Güssow, freischaffender Theaterregisseur u. a. am Bayerischen Staatsschauspiel und am Staatstheater Nürnberg  

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