Salzkörner

Montag, 28. Juni 1999

Sein ist die Zeit

Vom 31. Mai bis 4. Juni 2000 wird in Hamburg der 94. Deutsche Katholikentag stattfinden. Dieses größte zentrale Ereignis im Heiligen Jahr für die Kirche in Deutschland steht unter dem Leitwort "Sein ist die Zeit". Dieses Leitwort ist Programm: Christen unterwegs in ein neues Jahrtausend – Zeitansage und Zeitgenossenschaft – Weggemeinschaft unter der Herausforderung der Gottesfrage.

Das Phänomen der Zeit treibt Menschen um. Nicht nur in philosophischen Überlegungen, auch in den Sorgen und Ängsten ganz normaler Bürger und Bürgerinnen kommt sie vor, die Frage: Was mache ich mit meiner Zeit? Was macht die Zeit mit mir? Wie teile ich meine Zeit ein? Habe ich noch genug Zeit? Schlage ich Zeit tot? Was ist sinnvolle Zeit? Der Blick in den Terminkalender kann sagen: Du vergeudest deine Zeit. Er kann auch sagen: Was soll ich mit der ganzen Zeit anfangen? Sei es, daß Menschen keine Zeit haben, sei es, daß die Zeit über sie hinweggegangen ist, sei es, daß sie anscheinend "zeitlos" leben in Alten- und Behindertenheimen, in Gefängnissen – das Problem der Zeit trifft jeden. Sind Zeitprobleme für Christinnen und Christen auch Sendungsprobleme?

Geiselnahme Gottes

Es geht nicht um ein elitäres christliches Sendungsbewußtsein, das uns sagen ließe: Wir sind besser als die anderen; wir haben die Wahrheit gepachtet oder im Griff; Ihr müßt nur auf uns hören, und schon sind die Probleme der Zeit geregelt oder erträglicher gemacht. Es gilt bei der Sendung die schlichte Tatsache, daß unseren schwachen Kräften die Verkündigung des Evangeliums anvertraut ist. Wir sind Gesandte im Sinn von Geiseln! Gott hat uns gefangen und gefesselt in der Aufgabe, die uns mit der Taufe übertragen ist, das Evangelium zu verkünden, gelegen oder ungelegen, nicht dispensierbar, nicht delegierbar. Diese Sendung trifft die Getauften als Menschen in ihrer Zeit und als "Kinder ihrer Zeit". Die Horizonte, die sich dabei konzentrisch umeinanderlegen, sind vielfach. Da ist der Horizont der Lebenszeit, ausgespannt zwischen Geburt und Tod. Der eine hat ein ganzes Jahrhundert zur Verfügung, der eine nur ein paar Stunden. Da ist der Horizont der Jahre, die wir bewußt und aktiv erleben. Für manche nie erreichbar, weil sie schwerstbehindert sind, nie bis zur Oberfläche des Bewußtseins auftauchen, für andere ausgefüllt und fundiert durch eine reiche Begabungsbreite, durch ein gutes Elternhaus, eine anregende Schulzeit, eine gut abgeschlossene Lehre oder ein als sinnvoll erfahrenes Studium, aus erfüllender Familien-, Berufs- und ehrenamtlicher Arbeit. Da ist der Horizont der inneren, der geistigen Entwicklung. Der eine bleibt autoritätshörig sein Leben lang, gekettet an ein krankmachendes Gottes- und Menschenbild. Der andere entwickelt eine authentische, entwicklungsfähige und erfüllende geistliche Gestalt. Da ist der Horizont der sozialen Zeit, der sich ausspannt zwischen den Polen von Alleinsein und Miteinandersein, für den einen nie ins Gleichgewicht zu bringen und quälend einsam, für die andere gekennzeichnet durch liebevolle, gute, herausfordernde und förderliche Beziehungen. Da ist der Horizont der geistigen und leiblichen Verfaßtheit. Für den einen von Kindertagen an gefährdet und zerbrechlich, für den anderen stabil und annehmbar.

Gesandte jetzt

Zeit der Sendung ist immer. Christliche Sendung greift die Horizonte menschlicher Existenz und Befindlichkeit auf. Sie geht nicht an dem vorbei, was und wie wir sind. Denn Christus selber war Kind seiner Zeit und ist doch derselbe gestern, heute und morgen. Er ist Interpretament christlicher Sendung, wenn es um ihre Zeitgemäßheit geht. Er ist derjenige, der in einem unüberbietbaren Sinn das "Heute" des Heiles darstellt, das Gott für alle Menschen will. Gott ist kein billiger Vertröster, der Menschen jetzt leiden läßt, um sie in einem ungewissen Dann, nach ihrer Zeit, zu einem von Leid ungestörten Leben zu führen. Reich Gottes ist jetzt, christliche Sendung ist jetzt. Christus ist in dem Leben, das die Menschen zur Zeit trifft und das für sie immer zur Unzeit kommt. Er ist der Aidskranke in Zaire, er ist die Vergewaltigte in Bosnien. Er ist die Gemordete in New York und er ist der Blinde, der um die Ecke wohnt. Er ist das verhungernde Kind in Ruanda, er ist die Obdachlose in Hamburg. Er ist als das Wort des Vaters in den Wörtern der Menschen, in ihrer Sprache, in ihrem Gesprochenen und Unausgesprochenen. Wir als Gesandte sind Gesandte jetzt. Wir sind Wort Gottes und verkünden das Wort Gottes als Menschen, die die Sprache ihrer Zeit sprechen oder aber an dieser Sprache scheitern und deshalb nicht verstanden werden. Zur Zeit gehört die Ungleichzeitigkeit. Die unterschiedlichsten Mentalitäten und Einstellungen existieren sowohl auf dem kleinsten Dorf als auch in der größten Großstadt neben- und miteinander. Der Manager mit dem vollen Terminkalender, der nicht weiß, wo er noch eine freie Minute hernehmen soll für seine Familie, für freundschaftliche Beziehungen, für Gott – und es vielleicht auch gar nicht mehr wissen will – kann in seinem Innersten völlig antiquiert zu den wichtigsten Fragen des Lebens stehen.Und die anscheinend von der Zeit überrollte alte Dame, die in ihrem ganzen Ambiente noch der Mitte dieses Jahrhunderts verhaftet ist, kann menschenfreundlich und aufgeschlossen den Finger am Puls der Zeit haben und ihren Enkeln eine exzellente Beraterin sein. Sendung erfüllt sich immer nur glaubwürdig, wenn sie aufmerksam in der Zeit sich bewegt und mit den Mitteln der Zeit ausgedrückt wird. Dabei ist nicht einem falschen Modernismus das Wort zu reden, denn wir sind Gesandte des ewig neuen alten Wortes, das keinen neuen Inhalt hat, sondern höchstens eine neue Aussageform braucht.

In der Sprache unserer Zeit

Zeit kann vertan werden, Sendung kann verhallen und vermodern. Christinnen und Christen haben kein Recht, sich ihrer Zeit zu verweigern und an dem festzuhalten, was komfortabel ist, weil es gewohnt ist. Die gute alte Zeit, auch die gute alte Zeit in unserem christlichen Leben, die für die meisten eine schlechte alte Zeit war, hat aus sich heraus allein keine Berechtigung, weitergegeben zu werden und gestaltend zu wirken auf unsere heutige Welt. Die Sendung der Christinnen und Christen in Hamburg ist die Aussprache des einen, immer gültigen Wortes, das als Zentralsatz des christlichen Glaubens in der Sprache unserer Zeit ausgedrückt werden will: "Der Herr ist auferstanden; er ist wahrhaft auferstanden." Der auferstandene Christus, Gott selber spricht in der Zeit. Er fordert durch die Zeichen der Zeit. Er bedient sich der Zeit, um seine zeitenlose Ewigkeit schon jetzt wirksam werden zu lassen. Christinnen und Christen sind Zeitgenossen. Damit ist eine Lebensweise gemeint, die sich nicht als parallel zu einer "weltlichen Welt" versteht, sondern eine Haltung, die das Ineinander von Kirche und Welt so sieht, wie es im ungenähten Gewand Christi symbolhaft dargestellt wird: Kirche und Welt sind untrennbar miteinander verbunden wie Kettfäden und Schußfäden. Dieses untrennbare Miteinander ergibt das Netzwerk, in dem Gott sich ausspricht, das Grundlage der Kommunikation von Menschen untereinander und der Kommunikation von Menschen mit Gott ist und auch jenen Austauschbereich konstituiert, in dem Menschen mit der Schöpfung verbunden sind. "Sein ist die Zeit", das bedeutet für Christinnen und Christen, das eine, geheimnisvolle Kontinuum von Zeit zu verstehen als den Ort der Begegnung von Gott und Menschen, einen Ort, in dem Christen identifizierbar sind als Nachfolgende des Jesus von Nazareth. In diesem Sinn sind sie Gesandte in der Zeit und für die Zeit.

Die Programmstudie des Katholikentags ist im Internet veröffentlicht.

Autor: Dr. Stefanie-Aurelia Spendel, Ordensfrau, Mitglied des ZdK

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