Salzkörner

Montag, 25. Oktober 1999

Sekte oder Volkskirche?

Zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland
An Aktionen und Bewegungen, Modellen und Unternehmungen, für die katholische Kirche in Deutschland Zukunft zu gewinnen, fehlt es nicht. Zu fragen ist, in welchem gesellschaftlichen Umfeld diese Bemühungen stattfinden und welche Konsequenzen auf dem Hintergrund künftiger Entwicklungen sich daraus ergeben. Die katholische Kirche in Deutschland ist heute in dem Sinn Volkskirche, dass sie ein flächendeckendes Netz von Pfarrgemeinden unterhält, ihr ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung angehört (allerdings nur in den "alten" Bundesländern) und sie Menschen aus allen sozialen Schichten und Berufsgruppen umfaßt. Sie ist Volkskirche auch in dem Sinn, dass sie immer wieder zu politischen und gesellschaftlichen Fragen öffentlich Stellung bezieht und dabei sowohl das Gemeinwohl als auch die Gesamtgesellschaft im Auge hat. In ihrem Bestand als Großkirche ist sie weder akut noch mittelfristig gefährdet. Es ist nicht damit zu rechnen, dass sie in einem überschaubaren Zeitraum auf das heutige Niveau kleinerer Religionsgemeinschaften in Deutschland abschmilzt oder dass andere Religionsgemeinschaften zu einer zahlenmäßigen Stärke heranwachsen, die der der katholischen oder auch der evangelischen Kirche entsprechen würde. Die Basis der engagierten Kirchenmitglieder wird kleiner Allerdings steht der katholischen Kirche in den nächsten beiden Jahrzehnten eine Zäsur bevor, die erhebliche Auswirkungen haben wird, auch wenn diese sich im einzelnen nur schwer abschätzen lassen. In der Kirche wird nämlich die Generation der heute 60- und 70-jährigen fehlen. Sie stellen derzeit den Großteil der regelmäßigen Gottesdienstbesucher; diese Generation ist für kirchliche Belange überdurchschnittlich ansprechbar, engagiert sich ehrenamtlich in Gemeinden und Verbänden und ist spendenfreudig. In den nachrückenden Generationen von katholischen Kirchenmitgliedern ist der Anteil der mit ihrer Kirche selbstverständlich verbundenen und in der katholischen Tradition verwurzelten Personen wesentlich geringer als in den heute noch aktiven Generationen; für die nachrückenden sind Zweites Vatikanum und Würzburger Synode zunächst einmal nur Daten aus dem Geschichtsbuch. Dementsprechend wird das Reservoir deutlich kleiner, aus dem die katholische Kirche in Deutschland zukünftig ihr Führungspersonal werben kann. Das gilt für Bischöfe, Priester und Ordensleute ebenso wie für Verantwortliche in den Verbänden und nicht zuletzt für das katholische Element in den verschiedenen gesellschaftlichen Eliten, von der Politik über die Medien bis zur Wissenschaft. Die Zahl der "Synkretisten" wird steigen In der katholischen Kirche Deutschlands besteht schon heute eine unübersehbare Spannung zwischen den offiziellen, kirchenamtlichen Vorgaben für Glauben und Kirchenbindung und dem faktischen Christ- und Kirchesein (Kirchengebote, Lebensführung, Glaubenswissen usw.). Diese Spannung wird in den kommenden Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach stärker und damit auch spürbarer werden. Das Teilnahmeverhalten vieler Katholiken wird sich noch mehr dem derzeitigen protestantischen angleichen: Festhalten an kirchlichen Ritualen zu den Lebenswenden, Gottesdienstbesuch nur zu besonderen Anlässen im Jahreskreis oder bei familiären oder repräsentativen Anlässen. Außerdem wird der Anteil der "Synkretisten" unter den katholischen Kirchenmitgliedern weiter steigen, also der Katholiken, die Bestandteile der eigenen christlich-kirchlichen Überlieferung mit anderen religiösen bzw. säkular-religiösen Deutungsmustern und Sinnangeboten verbinden, zu verbinden suchen. Dabei sind sehr verschiedene und überraschende Kombinationen möglich. Freude am Christ- und Kirchesein wird nicht sichtbar. Es gibt in der katholischen Kirche in Deutschland derzeit keine Aufbruchbewegung größeren Stils, der man zukunftsprägende Kraft zutrauen könnte. Die "Geistlichen Bewegungen" gewinnen zwar an Bedeutung, dürften aber auch auf absehbare Zeit Inseln im Ganzen des kirchlichen Lebens bleiben. Viele Pfarreien haben vor allem mit dem Strukturwandel beim hauptamtlichen Seelsorgepersonal wie in den Reihen ihrer Mitglieder zu kämpfen und strahlen wenig Freude am Christ- und Kirchesein aus. Großereignisse wie die Katholikentage werden routiniert vorbereitet und abgehalten, ohne dass davon bei genauerem Hinsehen viele Anstöße ausgehen. Das "Kirchenvolksbegehren" hat zu einer gewissen spontanen Mobilisierung bis in die Kernschichten hinein geführt, die aber inzwischen längst wieder abgeebbt ist. Auch von der wissenschaftlichen Theologie kommen wenige zukunftsweisende Impulse. Es ist deshalb schwer vorauszusehen, wo in Zukunft innerkirchlich die "stärksten Bataillone" zu finden sein werden. In Dogmen, Autoritätsstrukturen und Tradition verkrampft. Sekte kann man entweder sein wollen oder man kann von außen als solche betrachtet werden. Ich sehe in der katholischen Kirche in Deutschland keine ernstzunehmende Gruppe oder Strömung, die einer Art "Versektung" der Kirche das Wort reden würde. Wohl aber spukt durch manche Köpfe die Vorstellung, Kirche könne, müsse sich dahingehend erneuern, dass sie (je nach ideologischem Denkmuster) auf die entschiedenen, bekehrten, papsttreuen und andere Katholiken setzt und den Rest links liegen läßt – mit den entsprechenden Konsequenzen für die Pastoral wie für das öffentliche Auftreten von Kirche. In der (west-)deutschen Öffentlichkeit betrachtet man die katholische Kirche zweifellos nicht als Sekte analog zu kleinen, aber aggressiv auftretenden christlichen oder nichtchristlichen Gruppen. Allerdings hat sie vielfach den Ruf, eine kulturell randständige, in ihre Dogmen, Autoritätsstrukturen und Traditionen verkrampfte Institution zu sein, der deswegen immer mehr Menschen den Rücken zukehren und sich religiös anders, nämlich nach ihren indiviudellen Vorlieben orientieren. Offen sein für die Zeit und ihre Menschen. Die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland ist eingebettet in gesellschaftliche und religiöse Entwicklungen, auf die sie als Institution wie als Kulturfaktor nur wenig Einfluß hat. Sie ist außerdem Teil der Universalkirche, mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Es hat also wenig Sinn, so etwas wie einen strategischen Gesamtplan für den Weg der Kirche in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu entwerfen. Wohl aber lassen sich grundlegende Handlungsperspektiven formulieren, die über die bloße Verwaltung des Mangels und das Klagen über die schlechten Zeiten hinausführen. Die Kirche sollte auch in Zukunft für alle Menschen und alle Schichten der Bevölkerung da sein, ohne der Illusion anzuhängen, sie könne die Menschen, mit denen sie auf die eine oder andere Weise in Kontakt kommt, mehrheitlich fest an sich und an ihre Botschaft binden. Das gilt für alle kirchlichen Grundvollzüge, für die diakonische Zuwendung zum Nächsten wie für die Verkündigung des Wortes Gottes und die Feier des Gottesdienstes. Klarheit darüber schaffen, wofür die Kirche steht Was hier Offenheit für die Zeitgenossen jeweils im einzelnen bedeutet, welche theologisch-pastoralen Verstehens- und Handlungsansätze und welche Abwägungen dabei notwendig sind – das ist ein weites Feld. Man denke nur an die Frage der Disposition für die Sakramentenspendung oder der angemessenen Form kirchlicher Stellungnahmen zu ethisch-kulturellen Themen. Die Kirche muß bei allem, was sie tut, den Menschen klaren Wein darüber einschenken, wofür sie steht. Sie ist eben nicht einfach ein religiöses Dienstleistungsunternehmen, eine Großagentur für Sinn und Lebenshilfe. Sie verweist die Menschen auf das Geheimnis Gottes, der sich in Jesus Christus offenbart hat und in seinem Geist weiterwirkt. Alles andere wäre Etikettenschwindel. Solche Klarheit ist ein gutes Mittel gegen institutionelle Selbstbezogenheit und Abschottung auf der einen wie gegen eine religiöse Allzweckmentalität auf der anderen Seite. Beide Versuchungen bedrohen die katholische Kirche in Deutschland schon jetzt und dürften in Zukunft unter dem Druck der genannten Entwicklungen noch stärker werden. (Der Beitrag basiert auf einem Kurzstatement während des Symposions "Kritische Zeitgenossenschaft – Standortbestimmung der katholischen Kirche in Deutschland". Dieses Symposion des ZdK und der Katholischen Akademie in Berlin zur Ehrung von Dr. Friedrich Kronenberg wird in Kürze vom Herderverlag dokumentiert.)

Autor: Dr. Ulrich Ruh, Chefredakteur der Herder- Korrespondenz

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