Salzkörner

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Selbstbewusst in die Zukunft

Warum wir 50 Jahre Rätearbeit feiern sollten

Die Frage "Was würde der Pfarrgemeinde fehlen, wenn es keinen Pfarrgemeinderat gäbe?" führt bei Workshops regelmäßig zu seitenweise vollgeschriebenem Flipchartpapier. Offensichtlich wäre die Pfarrei ohne dieses Laiengremium arm dran. Aber Papier ist geduldig. Viel wichtiger ist diese Selbstvergewisserung, damit Frauen und Männer sich weiterhin mit Schwung für die Kirche Jesu Christi vor Ort engagieren. Im und mit dem PGR lässt sich etwas bewegen. Nur wer diese Erfahrung gemacht hat, kann sie an andere glaubwürdig weitergeben. Spätestens bei der Suche nach neuen KandidatInnen wird das relevant. Gerade stellen wir uns in Bayern wieder dieser Herausforderung. Am 25. Februar 2018 findet die nächste Wahl statt, bei der bereits 14-Jährige ihre Stimme abgeben können.

Frucht des Konzils

Analog könnte man freilich auch nach der Bedeutung des obersten Laiengremiums auf Diözesanebene fragen und käme zu dem Ergebnis, dass gewählte Laienräte in beinahe allen Bistümern Deutschlands seit mittlerweile fünf Jahrzehnten als unverzichtbar für eine lebendige Kirche angesehen werden. Es ist naheliegend, durch geeignete Veranstaltungen an die Rechtsgrundlagen der Rätearbeit zu erinnern, die für die unterschiedlichen Ebenen 1968 erstmals in Kraft getreten sind. Vielerorts wurden bestehende Gremien der Katholischen Aktion in Räte umgewandelt und Verbände in ihre Satzungen integriert. Das Jahr 1968 steht also nicht nur für gesellschaftliche Umbrüche, sondern ebenso für positive Veränderungen in den kirchlichen Strukturen unseres Landes. Die maßgeblichen Impulse dazu kamen vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965). Dort wurde unter anderem hervorgehoben, dass jede und jeder Gläubige kraft Taufe und Firmung vom Herrn selbst berufen ist und nicht nur als Lückenfüller oder Zuarbeiter des Klerus gesehen werden kann. Die Laien haben "ihren eigenen Anteil an der Sendung des ganzen Volkes Gottes" (AA, Nr. 2).

 

Die wesentliche Neuerung bei den Räten war, dass die mehrheitlich demokratisch legitimierten Mandatsträger auf Augenhöhe mit den Klerikern an Entscheidungsprozessen mitwirken. Bei der Frage, warum gerade in Deutschland Strukturen entstanden, die in weltweiter Hinsicht (fast) einzigartig sind, müssen wir nach Würzburg blicken, wo die Gemeinsame Synode der Bistümer in der BRD (1971 – 1975) die heute als selbstverständlich erlebten institutionalisierten Formen der kirchlichen Mitverantwortung vom PGR bis zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) beschlossen hat. Nicht was Laien nicht dürfen, vielmehr was sie können und zu was sie begabt sind, wurde in den Mittelpunkt gerückt.

Chancen begreifen

Wenn wir 2018 ein halbes Jahrhundert Rätestrukturen feiern, wollen wir uns dieser Grundlagen vergewissern. Wir schauen dabei aber nicht nur jubelnd, sondern durchaus auch nachdenklich zurück. Viele von uns kennen die lähmende Angst vor zu viel Kompetenzen für die Laien, die oft dazu führte, dass weniger die Chancen als vielmehr die Gefahren der Rätearbeit gesehen wurden. Als trauriger Höhepunkt kann die Abschaffung des Diözesanrats in einem deutschen Bistum verstanden werden. Dass es gegen diese Entwicklungen erhebliche Widerstände gab und gibt, zeigt: Viele im Volk Gottes lassen sich das gewachsene Selbstbewusstsein nicht mehr so einfach nehmen. Sie bleiben auf der Spur von Konzil und Synode. Es wäre wünschenswert, wenn das Jubiläumsjahr den Anstoß zu persönlicher Versöhnung und zur Begradigung struktureller Schieflagen liefern könnte. In den meisten deutschen Diözesen erfahren die Räte nämlich enorme Wertschätzung auf allen Ebenen. Längst hat die überwiegende Mehrheit der Bischöfe erkannt, dass nur "Gemeinsam Kirche sein" (DBK, Nr. 100) wirklich Sinn macht und dass kompetente Räte hierfür einen großen Gewinn darstellen.

Zuversichtlich und selbstkritisch

Der neue programmatische Ansatz von Papst Franziskus bringt Rückenwind und Hoffnung. Es geht noch was in Sachen Partizipation und Demokratie in der Kirche. Denn sie ist ja nicht Selbstzweck. Sie ist Zeichen und Werkzeug für die innige Beziehung zu Gott und für die Einheit der ganzen Menschheitsfamilie (vgl. LG 1). In diesem Sinn sollten wir Räte ebenso zuversichtlich wie selbstkritisch nach vorne blicken und fragen: Wie können wir in einer veränderten gesellschaftlichen und kirchlichen Lebenswirklichkeit die Gremien unserer Kirche weiterentwickeln? Ist in unseren Zusammenkünften der Geist Gottes spürbar, wie er im Konzil und in der Synode beschrieben wurde? Verwalten wir uns nur selber oder beraten wir ernsthaft die entscheidenden Themen? Sind wir wohlmeinende und verlässliche, aber auch kritische Partner der geweihten Verantwortungsträger? Finden wir gemeinsam zukunftsfähige Antworten auf die Herausforderungen der Zeit – für die Kirche, aber nicht weniger für die Gesellschaft und letztlich für die Welt?

Nachahmenswerter Weg

Mit den Rätegremien haben wir in Deutschland einen nachahmenswerten Weg eingeschlagen. Mir wird dies besonders bewusst, wenn ich in Ecuador, dem Partnerland der Erzdiözese München und Freising, die Laienvertreter treffe. Der freundschaftliche Kontakt zu ihnen ist sehr wichtig. Ich gebe aber unumwunden zu: Der Klerikalismus, den Papst Franziskus immer wieder anprangert, macht die Laienarbeit in Südamerika mancherorts zu einem mühsamen Geschäft. Was dort u. a. fehlt, sind eben die demokratisch legitimierten Mandatsträger im Laienapostolat. Umso mehr freut mich, dass sich Weihbischof Castillo beim Besuch der ecuadorianischen Bischöfe in München sehr angetan von der Institution des Diözesanrats gezeigt hat. Wörtlich sagte er: "Solch eine gewählte Vertretung des Kirchenvolkes gibt es in der Kirche Ecuadors nicht. Doch wer weiß, ob die neue Partnerschaftsvereinbarung nicht einen Anstoß dazu geben kann" (SZ vom 4. Oktober 2017). Es wäre allerdings vermessen zu behaupten, bei uns wäre alles in Ordnung. Aus Pfarrgemeinden und Verbänden kommt nach wie vor die Rückmeldung, dass das Verhältnis von Laien und Klerikern bzw. von Haupt- und Ehrenamtlichen nicht überall so unproblematisch ist, wie es manchmal den Anschein hat. Darum gilt: Fertig sind wir noch lange nicht!

Kirche und Welt mitgestalten

Für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus bleibt noch einiges zu tun. Drei Punkte möchte ich herausgreifen:

  1. Die vielleicht wichtigste Aufgabe ist, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass jede und jeder vom Herrn selbst berufen ist. Daran ändert die Tatsache nichts, dass die Rätesatzungen vom Ortsbischof unterzeichnet werden. Alle ChristInnen werden gebraucht, alle sind wichtig, alle wertvoll. Nur zusammen bilden wir das Volk Gottes. Wenn wir den Begriff "Laie" (von gr. laos, Volk) ernst nehmen, dann sind natürlich auch die Kleriker als Teil des Volkes letztlich Laien. Weil aber der Terminus so missverständlich ist, wäre es zu überlegen, bei Veranstaltungen zu "50 Jahre Räte" nicht von einem "Tag der Laien", als vielmehr von einem "Tag des ganzen Volkes Gottes" zu sprechen. Es geht um die Befähigung aller zum gemeinsamen Engagement.
  2. Auf den unterschiedlichen Ebenen muss deutlich werden, dass Räte durchaus mitentscheiden können und dass dies kein Wagnis, sondern einen Mehrwert darstellt. In einigen Diözesen werden derzeit Gemeindeleitungsmodelle erprobt, in denen Ehrenamtliche eine zentrale Rolle spielen. Das ist gut so. Doch wer wählt die Personen aus? Ohne Einbeziehung der Räte wäre das innovative Modell wohl zum Scheitern verurteilt. Die Beauftragung zu diesem besonderen Dienst muss letztlich vom Bischof kommen, das Charisma zur Leitung jedoch aus der Mitte der Gemeinde.
  3. Dass die Rätegremien in gesellschaftspolitisch relevanten Fragen eigenverantwortlich und sachkundig agieren, bedeutet eine enorme Bereicherung für Staat, Gesellschaft und Kirche. Denn wir sind Laien, aber keine Amateure. Durch Papst Franziskus erhält unser Auftrag zum Apostolat erheblichen Aufwind: Hineingehen in die Orte und Lebenswelten der Menschen, hinausgehen an die Ränder, sich dem "Anderen" aussetzen, weil Jesus sein Leben für alle eingesetzt hat. An diesem Anspruch müssen wir uns messen lassen. Die Kirche Jesu Christi braucht uns – auch in Zukunft.

Herzlichen Glückwunsch an die Diözesen Deutschlands zu solchen Räten!

Autor: Prof. Dr. Hans Tremmel | Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising

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