Salzkörner

Freitag, 28. Juni 2013

Selig, die Frieden stiften

Der gesellschaftliche Beitrag der katholischen Kirche im indischen Bundesstaat Assam

Von den Bundesstaaten in der nordöstlichsten Region Indiens, den "seven sisters of India", hat es im Westen nur Assam wegen des gleichnamigen Tees zu einiger Berühmtheit gebracht. Nachrichten über die aktuelle innenpolitische Lage aus diesem Teil des indischen Subkontinents finden jedoch nur extrem selten die Aufmerksamkeit der Medien. Dabei gibt die hochexplosive Mischung aus ethnischen Konflikten und religiösen Spannungen in dieser Region zu großer Sorge Anlass. Der Vermittlertätigkeit des katholischen Bischofs der im westlichen Assam gelegenen Diözese Bongaigaon ist die zeitweilige Eindämmung eines vor genau zwölf Monaten erneut eskalierten Konflikts zwischen muslimischen Armutsflüchtlingen aus Bangladesch und der einheimischen Stammesbevölkerung zu verdanken. Rektor Stefan-B. Eirich, der im vergangenen Januar die Region mit Dr. Ludger Kaulig, einem der beiden Islambeauftragten des Bistums Münster, bereiste, berichtet von diesem Musterbeispiel für die segensreiche gesamtgesellschaftliche Wirkung, die Katholiken selbst in der Rolle einer auf alle Bevölkerungsgruppen verteilten krassen Minderheit (1,4  Prozent der Gesamtbevölkerung) entfalten können.

In der Nacht vom 21. auf den 22. Juli 2012 kommt es in Assam zwischen Angehörigen des tibetobirmanischen Stamms der Bodo, der mit ca. 40 Prozent das größte der indigenen Völker im Staat bildet, und immigrierten Muslimen aus Bangladesch zu blutigen Zusammenstößen. Diese fordern in den folgenden Wochen über 90 Tote und lösen mit mehr als 400.000 Menschen eine der größten innerindischen Fluchtwellen der letzten Jahrzehnte aus. Betroffen sind beide Konfliktparteien. Zahlreiche der hastig eingerichteten 270 Flüchtlingscamps existieren noch Anfang 2013. Die Lage ist weiterhin sehr angespannt, da die Ursachen des Problems zu einem Großteil im Dauerkonflikt zwischen der indischen Bundesregierung und Bangladesch gründen, zugleich aber auch das Ergebnis einer unglücklichen Bevölkerungspolitik der Zentral- wie der Regionalregierung sind. Als reichster der sieben Bundesstaaten im Nordosten Indiens ist Assam von den Einwanderungswellen und späteren Flüchtlingswellen aus Ostpakistan, dem heutigen Bangladesch, über Jahrzehnte hinweg besonders betroffen.


Angst vor Verlust der Identität


Anfang der 1980er Jahre formiert sich die militante Bewegung zur Befreiung Assams, die United Liberation Front of Assam (ULFA), die der Unionsregierung in Neu-Delhi eine bewusste Siedlungspolitik zuungunsten der indoarianischen Mehrheitsbevölkerung (Assamesen) und die Ausplünderung der natürlichen Ressourcen, insbesondere der reichen Öl- und Gasvorkommen, vorwirft. Quergelagert zu dieser Auseinandersetzung und sie zusätzlich verschärfend sind die wiederholten Proteste der Bodos gegen die "Überfremdung" ihrer Gebiete nicht nur durch bengalische Muslime, sondern auch durch den intensiven Zuzug stammesfremder Bevölkerungsgruppen (vor allem Assamesen). Die aus diesem Zweifrontenkonflikt resultierende Fremdenfeindlichkeit der Bodo ist Ausdruck einer tief empfundenen Angst vor dem Verlust des bislang sicheren Zugriffs auf Land, Wasser, Wege und andere natürliche Ressourcen, vor allem aber vor dem Verlust der eigenen Identität.


Gewaltausbrüche


In der hier nur notdürftig skizzierten brisanten Gemengelage kommt es immer wieder zu großflächigen Gewaltausbrüchen. Im Jahr 2008 fliehen rund 80.000 Menschen vor den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der Bodos und den Immigranten. Anlass für die jüngste Welle der Gewalt im Sommer 2012 ist die geplante Errichtung einer Moschee mitten im an der Grenze zu Bhutan gelegenen Kernland der Bodos. Der Ermordung von vier muslimischen Aktivisten folgt der gewaltsame Tod von vier ehemaligen Freiheitskämpfern. Eine Welle von Gewalt und Gegenwalt überzieht daraufhin schnell fast die ganze Region und löst durch die gezielte Vernichtung von Häusern und Ernteerträgen die erwähnten Flüchtlingsströme aus.


Ökumenische Friedensinitiative


Das Konfliktgebiet liegt im Bereich der westassamesischen Diözese Bongaigaon, die gewissermaßen das Epizentrum der hochkomplexen Verwerfungslinien markiert. Angesichts des schnell eskalierenden Konflikts bricht Bischof Thomas Pulloppillil die jährlichen Exerzitien mit den Priestern seines Bistums ab und reist in das Konfliktgebiet, um sich zusammen mit den Vertretern anderer Kirchen persönlich ein Bild von der Flüchtlingskatastrophe zu machen und die ersten Hilfslieferungen für die notdürftigen Auffanglager zu organisieren. Es gelingt ihm als Vertreter der einzigen nicht an Stammes- und Verwaltungsgrenzen gebundenen Institution, über die religiösen und ethnischen Konfliktlinien hinweg eine dauerhafte Unterstützung für alle Betroffenen zu etablieren. Der größte Erfolg der bischöflichen Initiative ist jedoch die Einrichtung der ökumenischen Friedensorganisation "Inter
Church Peace Mission" (ICPM), der neben der katholischen Kirche die Northern Evangelical Lutheran Church, die Christian Revival Church, die Bodo Baptist Church und die Garo Baptist Church angehören. Allein das Zustandekommen dieses Bündnisses unter den bislang wenig aneinander interessierten, teilweise sogar offen konkurrierenden Glaubensgemeinschaften wird in der regionalen Medienöffentlichkeit als starkes Zeichen für die Glaubwürdigkeit der christlichen Friedensinitiative bewertet.

Am 4. September 2012 versammeln sich im Bischofshaus von Bongaigaon drei führende Vertreter muslimischer Organisationen und fünf Repräsentanten des Bodo-Stammesverbands, um nach Wochen der Gewalt und bürgerkriegsähnlichen Zuständen die Chancen für eine Beendigung des Konflikts auszuloten. Als Ergebnis dieses von Bischof Thomas moderierten Gesprächs ergeht noch am selben Tag ein gemeinsamer Appell an alle Menschen im Krisengebiet, sich um die Eindämmung des Konflikts zu bemühen. Den Worten folgen Taten: Durch ihr gemeinsames Auftreten werben Muslime und Bodos für den Frieden unter der Bevölkerung und sorgen für eine neutrale Verteilung der Hilfsgüter sowie eine medizinische Grundversorgung, Seit Oktober herrscht im betroffenen Gebiet nicht zuletzt durch die massive Präsenz des indischen Bundesheeres eine angespannte Ruhe, die jedoch immer wieder durch Straßenblockaden und Streiks gefährdet wird. Den Mitgliedern der ökumenischen Friedensinitiative ist klar, dass sie vorerst nur einen Teilerfolg erzielt haben. Die größte Gefahr für eine gedeihliche Koexistenz der Konfliktparteien liegt in der Furcht der Bodo, auch im eigenen Land in die Position einer Minderheit zu geraten. Mit großer Anspannung warten deshalb die Kontrahenten auf die Veröffentlichung des Wählerverzeichnisses für die Kongresswahl im Jahr 2014. Die entscheidende Frage lautet dann, wie realistisch die einzelnen Listen Auskunft über die Zusammensetzung der Bevölkerung geben und welche Gruppe mit Blick auf die Regionalwahlen ein Jahr später die besten Chancen hat, sich als beherrschende Mehrheit in Assam durchzusetzen.


Friedensstifter im Sinne der Bergpredigt


Neben dieser aktuellen Friedensinitiative leistet die Kirche in Assam auf einem anderen Feld seit Jahrzehnten einen Beitrag zum Frieden: dem der Erziehung und Bildung. Mit 28 großen Einrichtungen, die von der Elementarschule bis hin zur Universität reichen, bieten die Diözese Bongaigaon sowie die entsprechenden Ordensgemeinschaften vor allem Kindern und Jugendlichen in den strukturell benachteiligten Grenzgebieten zu Bhutan und Bangladesch die Chance, aus dem tödlichen Konflikt um Primärressourcen zu entkommen. Die Schulen in kirchlicher Trägerschaft stehen prinzipiell allen Bevölkerungsgruppen offen, so dass katholische Kinder sich auch hier in der Position einer Minderheit befinden. Bei unserer Rundreise durften wir erleben, mit welcher Aufmerksamkeit vor Ort die sozialen, sprachlichen, kulturellen und religiösen Differenzen zwischen den Kindern wahr- und ernstgenommen werden. Diese Vielfalt stellt den Ausgangspunkt für den eigentlichen Bildungsprozess dar, der die Kenntnis der eigenen Wurzeln, den Respekt vor dem Anderen und die Entwicklung einer fruchtbaren und fairen Streitkultur mit einschließt. Pointiert lässt sich sagen, dass in diesen Schulen die zukünftigen Friedensstifter und Friedensstifterinnen im Sinne der Bergpredigt heranwachsen.

 

Autor: Stefan-B. Eirich, Rektor im ZdK

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