Salzkörner

Montag, 11. Juli 2011

Soziale Lebenslaufpolitik

Die moderne Arbeitswelt als gesellschaftspolitische Herausforderung

Es ist unumstritten: Bei allem gesellschaftlichen Wandel, den wir derzeit erleben, stellt nach wie vor Arbeit einen ganz zentralen Bezugspunkt im Leben der Menschen dar. Gesellschaftliche Integration erfolgt maßgeblich über Teilhabe an der Arbeitswelt. Der Wandel der modernen Arbeitswelt stellt eine enorme gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar – für Arbeitgeber und Beschäftigte, junge und ältere Menschen, Frauen und Männer.

Während wir seit einigen Monaten ein "Jobwunder" erleben, befinden sich zeitgleich immer mehr Menschen – auch solche mit Qualifikationen – in atypischen, niedrigbezahlten Beschäftigungsverhältnissen. Diese zwiespältige Situation am Arbeitsmarkt muss uns als Christen ein Alarmsignal sein und immer wieder neu auf den Plan rufen. Das ZdK hat deshalb das Thema "Die Arbeitswelt von morgen" auf seine Agenda gesetzt, unter anderem in der Vollversammlung im Mai in Erfurt. Das Thema Arbeit ist einer der Hauptbezugspunkte der Katholischen Soziallehre und daher dem ZdK schon von jeher ein zentrales Anliegen. Auch die vielen Initiativen aus Verbänden und Räten zeigen, dass sich katholische Laien vor Ort ganz konkret den Herausforderungen der Arbeitswelt stellen.

Alle Potentiale nutzen

Es ist davon auszugehen, dass die Arbeitslosenzahlen konjunkturbedingt und vor allem wegen des prognostizierten Rückgangs des Erwerbspersonenpotentials (= Zahl derjenigen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen) weiter sinken wird. Doch den demographischen Wandel als Lösung aller Arbeitsmarktprobleme zu sehen, wäre zu kurz gegriffen. Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, machte in ihrem Vortrag vor der Vollversammlung des ZdK deutlich, dass auch genau hier der Schwachpunkt der aktuellen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik liegt. Sie stelle sich dem demographischen Wandel nicht in dem Maße, das nötig wäre, um die Folgen des schrumpfenden und alternden Erwerbspersonenpotenzials aufzufangen. Die Arbeitswelt von morgen müsse alle Potenziale nutzen. Als vorrangige Aufgaben sieht Allmendinger den Abbau von Bildungsarmut und eine stärkere Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsmarkt.

Das ZdK sieht eine große Chance in dem Ansatz, den Arbeitsmarkt von seinen Potenzialen aus zu betrachten. Vom christlichen Menschenbild ausgehend sollen gerade die Menschen in den Fokus rücken, die als die "Problemgruppen" am Arbeitsmarkt gelten: Geringqualifizierte, ältere Arbeitnehmer und Migranten. Durch die Krise habe sich der Blick verändert, so Ingrid Sehrbrock, stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende und Mitglied des ZdK, in der Vollversammlung. Während Arbeitnehmer vor der Krise nur als "Kostenfaktor" betrachtet worden seien, sähen Arbeitgeber nun zunehmend die Potenziale Integration in den Arbeitsmarkt. Damit könne es gelingen, die altbekannten Grundsätze der Katholischen Soziallehre "Kapital ist auf die Arbeit angewiesen" und "Die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen" wieder neue Geltung zu verschaffen.

Soziale Lebenslaufpolitik

Doch dieser Ansatz ist alles andere als einfach. Denn die Verknüpfungen von Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Sozial-, Familien- und Geschlechterpolitik wollen gut bedacht sein. Ziel ist eine konsistente Gesellschaftspolitik. Der Sachbereich 3 "Gesellschaftliche Grundfragen" des ZdK hat sich zum Ziel gesetzt, hierfür ein neues, sozialethisch fundiertes Gesamtkonzept vorzulegen. Dabei möchte er von dem Konzept der "Sozialen Lebenslaufpolitik" ausgehen, um der zunehmenden Pluralität von Lebensentwürfen und Lebensverläufen unter den Bedingungen des demographischen Wandels gerecht zu werden. Lebenslaufperspektive und christliche Sozialethik können sich dabei wechselseitig inspirieren und bieten damit eine gute Chance für eine zeitgemäße "Übersetzung" des Anspruchs, Gesellschaft nach den Prinzipien der Personalität, der Solidarität und der Subsidiarität sowie der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit zu gestalten.

Autor: Jutta Hinrichs Referentin im Generalsekretariat des ZdK

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