Salzkörner

Montag, 25. Oktober 1999

Soziales Engagement in spannungsreichem Umfeld

Wenn Staat, Kirche, Profis und Laien sich sowohl ergänzend als auch konkurrierend oder gar kontrovers der hilfsbedürftigen Menschen annehmen In Deutschland ist mittlerweile wohl alles kompliziert. Auch und gerade das Streben nach sozialer Gerechtigkeit in einer pluralistischen Gesellschaft hat ein kaum zu durchschauendes Netz der Fürsorge aus staatlichen Vorgaben, Subventionen, Umlageverfahren, Zuweisungen, Dienstleistungen, Empfangsberechtigungen, haupt- und ehrenamtlicher Tätigkeit, Spezialbereichen, Definitionen von Not und Armut zuwege gebracht, in dem Experten, Sozialpolitiker, Profis und Laien, engagierte Bürger, Christen und andere ihre Hilfsleistungen zu erbringen suchen. Der Deutsche Caritasverband, sich seines diakonischen Auftrags stets bewußt, muss sich in diesem weltlich-kirchlichen Geflecht um sein Selbstverständnis und die Verdeutlichung seiner Position in der Öffentlichkeit ständig bemühen. Krankenhäuser, Altenheime, Pflegestationen, soziale Brennpunkte und andere Einrichtungen im caritativen Bereich sind schon lange nicht mehr nur mit Nächstenliebe und der Arbeit von Ordensschwestern für ein "Vergelt's Gott" zu erhalten. Manager werden gebraucht. Die Wirtschaftlichkeit und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit caritativen Handelns sind zu sichern. Die Träger der Freien Wohlfahrtspflege sind kein Oligopol mehr. Sie bekommen immer mehr Konkurrenz von gewerblichen Anbietern sozialer Leistungen. Pflegesätze und Standards für die Ausstattung und die Leistung bilden die Rahmenbedingungen, die oft einschnüren und kaum Raum lassen für eigene Intentionen. Vor allem im Pflegebereich wird immer wieder um Minuten und Pfennige gefeilscht. Die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen spielen eine untergeordnete Rolle. Das Angebot richtet sich an "Kunden", die nur eine geringe Chance haben, sich als Nachfrager am Marktgeschehen eigenständig und selbstbestimmt zu beteiligen. Objekte standardisierter Fürsorge nach staatlicher Maßgabe? Kann es überhaupt ein echtes Marktgeschehen in diesen Bereichen geben? Gibt es nicht vielmehr den Kampf der "sozialen Dienstleister" um politisch und dazu noch unterschiedlich nach Zielgruppen festgelegte Finanzierungen von Leistungen? Werden die Werke der Barmherzigkeit heute in "Gesundheitsprodukte" umdefiniert? Im Zusammenhang mit seinem Jahresthema "Menschenwürdig pflegen" fragt der Deutsche Caritasverband: Kommt es im Gefolge der Pflegegesetzgebung, der konkreten Ausgestaltung der Pflegeversicherung und der Etablierung eines "Pflegemarktes" dazu, dass die Bedürfnisse der pflege- und assistenzbedürftigen Menschen einem rein monetären Kosten-Nutzen- Denken nachgeordnet werden? Und weiter: Werden sie in ihrer Würde als ganzheitlich-einmalige Person noch wahr- und ernstgenommen oder zu Objekten standardisierter Funktionen degradiert? Wirtschaftlichkeit und kirchlichen Auftrag in Einklang bringen. Der kirchliche Auftrag in der Sorge um Alte, Kranke, Behinderte, Kinder, Frauen in Schwangerschaftskonflikten oder sozial Schwache soll im Alltag der Dienste und Einrichtungen deutlich sichtbar sein. Das ist der eigene Anspruch. Das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftlichkeit und kirchlichem Auftrag ist nicht neu. Es muss aber immer wieder austariert werden, vor allem zu Zeiten in denen sich hinter den Begriffen Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung häufig reine Rationalisierungstendenzen verbergen. Diakonische Kirche handelt in der Realität einer Gesellschaft. Sie versteht sich auch als Anwalt derer, für die sie sorgt, die sie pflegt oder berät. Begibt sie sich aus guten Gründen als "Mitspieler" in den Bereich der vom Staat geregelten Daseinsvorsorge, muss sie sich rechtfertigen, warum diese von Staat, Politik und Gesellschaft grundsätzlich gewollten Leistungen, wenn sie denn qualitativ gut sind, ihren Preis haben. Oft wird übersehen, dass sie nicht für sich, sondern für die handelt und verhandelt, die es aus eigener Kraft nicht können. Sie erbringt keine Leistungen für die Kostenträger, sondern für Kranke, Alte, Schwache und Hilfesuchende. Haupt- und ehrenamtliches Engamement müssen sich ergänzen Auf der anderen Seite werden die Caritas und ihre Fachverbände aus der Kirche heraus immer wieder gefragt, wie Caritas als Grundfunktion der Kirche und als verbandliches Engagement in Kirche und Gesellschaft sich stärker aufeinander zu bewegen können. Oder anders gefragt: Haben Gemeindecaritas und verbandliche Caritas überhaupt Verbindungen miteinander? Wie muss das Verhältnis ausgestaltet werden? Wie kann das Zusammenspiel gestärkt werden? Die Caritas muss in der Kirche leben und gleichzeitig mit ihren Diensten in der gesamten Gesellschaft tätig sein. Ohne die Verankerung in den Gemeinden fehlte ein konstitutives Element; Caritas wäre nicht mehr Caritas. Trotz durchaus eigenem Engagement vor Ort fühlen sich viele Gemeindemitglieder nicht mehr für die von der Caritas und ihren Fachverbänden ausgeführten Aufgaben zuständig. Häufig werden sie als ein Angebot unter vielen, durchaus konkurrierenden angesehen. Oft sind die in der Region vorhandenen sozialen Dienste in kirchlicher Trägerschaft in den Gemeinden nicht einmal bekannt. Hier liegt eine ständige Aufgabe, der gegenseitigen Information und des Dialoges vor Ort. Nur das Wissen um das je eigene Engagement, die Bedürfnisse und die Möglichkeiten der Unterstützung können zu einem fruchtbaren Miteinander und zur Stärkung des Dienstes von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern führen. Denn nur durch die Nutzung der vorhandenen Organisationsstrukturen der Kirche können unmittelbar die Menschen erreicht werden, die Hilfe brauchen, neue Notsituationen frühzeitig erkannt und rechtzeitig Lösungen dafür gefunden werden. Im Spannungsfeld von Staat-Caritas-Kirche kann es zu Konflikten kommen Caritas hat immer bedeutet, den Aufbau, Aus- und Umbau des staatlich und gesetzlich geregelten Sozialsystems, des Gesundheitswesens oder der Hilfen in sozialen Notlagen aktiv zu begleiten und im Sinne der Hilfsbedürftigen mit zu steuern. Caritas erfüllt ihren Auftrag, indem sie innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen arbeitet. Das kann zu Konflikten führen. Aktuelles Beispiel ist die Arbeit der Beraterinnen in den 246 anerkannten katholischen Beratungsstellen für werdende Mütter in Not- und Konfliktsituationen. Römische Anordnung und eine unbefriedigende rechtliche Regelung in Deutschland, die dennoch jährlich vieltausendfache Hilfe und Lebensrettung ermöglicht, stehen sich entgegen. So dramatisch wie in diesem Fall – vatikanische Weisung versus Gewissensüberzeugung vieler katholischer Christen – stellen sich die Konflikte nicht immer dar. Latente Konfliktsituationen sind auch in all den Bereichen zu finden, in denen verbandliche Caritas unternehmerisch als soziales Dienstleistungsunternehmen arbeitet, um die selbst gesetzten Ziele und Aufgaben zu verfolgen, nämlich das menschliche Leben von Anfang bis Ende, von der Empfängnis bis zum Tod, zu achten, zu schützen und, wo Not ist, helfend zu begleiten. Caritative Leistungen sind wirksam, wirtschaftlich und sparsam zu erbringen Die Leistungen müssen nach den Grundsätzen der Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit erbracht werden. Das ist eine klare und selbstverständliche Verpflichtung der Caritas. Dort aber, wo beispielsweise bei der Pflege rechtliche Vorgaben die Wirtschaftlichkeit bestimmen und die eigenen Ziele und Aufgaben zu Teilen unerreichbar machen, wird es konfliktträchtig. Die Caritas nutzt hier die Möglichkeit, nicht zweckgebundene Mittel für Aufgaben einzusetzen, denen sie selbst Priorität einräumt und die eben nicht durch andere Angebote hinreichend gesichert sind. Nicht zweckgebundene Mittel fallen nicht vom Himmel. Sie müssen eingeworben werden. Das kann nur erfolgreich sein, wenn es in Kirche und Gesellschaft ein weit verbreitetes Vertrauen in die Qualität, die Wirksamkeit und die Notwendigkeit des haupt- und ehrenamtlichen Engagements caritativen Handelns auf allen Ebenen gibt. Der Deutsche Caritasverband ist der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche in der Bundesrepublik. Er stellt die von den deutschen Bischöfen anerkannte institutionelle Zusammenfassung und Vertretung der katholischen Caritas dar. Die Caritas unterhält in Deutschland fast 25 000 Einrichtungen mit gut 1,2 Millionen Plätzen. Die Arbeit leisten 460 000 hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – darunter fast 15 000 Ordensangehörige und 26000 Zivildienstleistende – sowie etwa eine halbe Million Katholiken, die ehrenamtlich tätig sind. Die nicht ganz eine Million Menschen helfen täglich in der Pflege, Betreuung, Erziehung und Beratung von weit über einer Million Menschen.

Autor: Gabriele Erpenbeck, Ausländerbeauftragte des Landes Niedersachsen, Mitglied des ZdK

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