Salzkörner

Mittwoch, 7. März 2012

Stärkung Europas – eine Christenpflicht

Rolle und Selbstverständnis der katholischen Kirche in Europa

Um Europa seine wahre Identität gewähren zu können, wird auch die katholische Kirche ihre wahre Identität erkennen und dazu stehen müssen, lautet die Kernthese des ungarischen Theologen und Publizisten János Wildmann.

Die katholische Kirche hat sich in den letzen hundert Jahren immer wieder für die europäische Einigung ausgesprochen. Bereits Papst Benedikt XV. rief nach dem Ersten Weltkrieg in seiner Enzyklika "Pacem, Dei munus pulcherimum" die europäischen Nationen dazu auf, statt zu rivalisieren und einander zu beleidigen sich in christlicher Liebe zu vereinen. Auch Pius XII. plädierte nach dem Zweiten Weltkrieg für ein friedlich geeintes Europa, zu dem auch die katholische Kirche einen aktiven Beitrag zu leisten habe. Er sah in der Kirche eine Institution, die die Nationen verbindet, und im Papsttum eine moralische Autorität, die dem Einigungsprozess behilflich sein kann. Vor Augen des Papstes schwebte natürlich keineswegs eine moderne pluralistische Demokratie, selbst die protestantischen Kirchen waren für ihn keine gleichrangigen Partner. Eher wollte er ein vereintes Europa, das auf katholischem Fundament aufgebaut ist.

Der Heilige Stuhl legte vor allem auf die Beachtung der Sozial- und Menschenrechte in der europäischen Politik einen großen Wert. So nahm er an der Erarbeitung und Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention 1950 und an der Europäischen Sozialcharta 1961 teil. Johannes XXIII. wies in seiner Enzyklika "Pacem in terris" darauf hin, dass der Friede und die Entwicklung, sowie die Bürger- und Menschenrechte untrennbar sind. Paul VI. sprach ausdrücklich von der Pflicht eines jeden Bürgers, den Prozess der europäischen Integration zu unterstützen. Der Papst betonte dabei zwar die Bedeutung des katholischen Glaubens, der nicht nur eine kulturelle Identität schafft, sondern dem Zusammenschluss auch eine spirituelle Dimension verleiht, aber das Gewicht legte er auf die moralischen Werte, wie Friede, gegenseitige Liebe und Gerechtigkeit. Die wirtschaftliche Entwicklung kann die Gewährung der Rechte der Arbeitnehmer, den Schutz der Gesundheit und des menschenwürdigen Lebens nicht entbehren. Unter dem Pontifikat Pauls VI. nahm der Heilige Stuhl zur Europäischen Gemeinschaft diplomatische Beziehungen auf.

Akzentverschiebungen bei Johannes Paul II.

Mit der Wahl des Krakauer Kardinals, Karol Wojtyla, zum Papst gewann Osteuropa für den Prozess der europäischen Einigung an zunehmender Bedeutung. Kurz vor seiner Wahl betonte er, dass "der Respekt vor der Würde und der wahren Freiheit des Menschen vor keiner Grenze Halt machen darf, vor allem nicht vor einer Grenze, die quer durch den europäischen Kontinent verläuft". In seiner Enzyklika "Centesimus annus" wies er auf die grundlegenden Werte hin, auf die das gemeinsame Haus Europa zu bauen ist: die Würde und Freiheit des Menschen, das Gemeinwohl, der Wert der Arbeit, Stärkung der Solidarität zwischen den Nationen, vor allem gegenüber den Entwicklungsländern, der Schutz der natürlichen und menschlichen Umwelt. Der Kerngedanke der Äußerungen des Papstes war, dass die europäische Integration kein wirtschaftlicher Selbstzweck sein darf, sondern eine Solidargemeinschaft von demokratischen Ländern. Daraus erwächst eine geschichtliche Verantwortung für die Christen.

Das Europa von Johannes Paul II. findet seine Identität im Christentum, darum betont er verstärkt die Notwendigkeit der Neuevangelisierung. Die erste Sonderversammlung der Bischöfe für Europa (1991) hebt hervor, dass es sich nicht genügt, "sich um die Verbreitung der "Werte des Evangeliums" wie Gerechtigkeit und Frieden zu bemühen. Wir kommen nur dann zu einer wirklich christlichen Evangelisierung, wenn die Person Jesu Christi verkündet wird". Die Neuevangelisierung Europas ist die spezielle Aufgabe der Kirche, wozu alle Christen aufgerufen sind. Die zweite Sonderversammlung der Bischöfe für Europa (1999) bekräftigte diese These.

Die Bischöfe überreichten dem Papst schließlich vierzig Vorschläge, die er überarbeitete und auf deren Grundlage mehr als drei Jahre später sein umfangreiches Apostolisches Schreiben "Ecclesia in Europa" veröffentlichte. Darin drückte Johannes Paul II. seine Besorgnis über "den Verlust des christlichen Gedächtnisses und Erbes" aus, und kritisierte u. a. das Bestreben vieler Verantwortlicher, das Grundgesetz der Europäischen Union "unter Ausschluss seines religiösen Erbes und besonders seiner tief christlichen Seele" zu formulieren. Er sprach dabei vom Niedergang des Menschen, vom tiefen moralischen und rechtlichen Relativismus und im Hinblick auf die Abtreibung und Euthanasie von der "Kultur des Todes". Hoffnung gaben dem Heiligen Vater die Versöhnung zwischen den Nationen, die wachsende Achtung der Menschenrechte und demokratischen Spielregeln im Prozess der europäischen Einigung Europas sowie des Rechtes und der Lebensqualität.

Mit oder ohne die Kirchen?

Auch andere Dokumente der christlichen Kirchen erkennen an, dass unser Kontinent beim Aufbau eines humanen und sozialen Europas beachtenswerte Fortschritte erzielt hat. Eines aber scheint nicht zu klappen: Europa will nicht wieder christlich sein, die Neuevangelisierung bringt nicht die erhofften Früchte. Die Gründe dafür sind sehr vielschichtig, so dass sie hier nicht ausführlich besprochen werden können. Die Begriffe Säkularisierung und Individualisierung deuten den langsam voranschreitenden Prozess nur an. Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass eine pluralistische Gesellschaft zwangsläufig zum Bedeutungsverlust vor allem der Kirchen, aber auch der Religionen führt. Dies entbindet aber die Kirchen nicht von ihrer primären Aufgabe der zeitgemäßen Verkündigung der Botschaft Jesu Christi. Es gibt diesbezüglich viele Hoffnungszeichen in Pfarrgemeinden, in Apostolatsgruppen, Laienverbänden und Jugendgemeinschaften, unter Klerikern und Laien gleichermaßen.

 

Genauso wichtig ist es aber, alles ehrlich aus dem Weg zu räumen, was der Glaubwürdigkeit der Kirche schadet oder die Wirkung des Heiligen Geistes einzuengen versucht. Bereits Johannes Paul II. machte in "Ecclesia in Europa" u. a. auf das Auseinanderklaffen des christlichen Lippenbekenntnisses und Alltagsverhaltens, auf die Entleerung religiöser Bräuche und Zeremonien, auf die Krise des Gewissens und der christlichen Moralpraxis aufmerksam. In den letzten Jahren wurden wir mit einer Flut von kirchlichen Missständen inner- und außerhalb Europas konfrontiert, und wir wissen wohl, dass dies alles nur die Spitze des Skandalberges ist. Bürger modernder Gesellschaften sind für solche Übel hellhöriger geworden. Aber in Osteuropa wird noch vieles aufs Eis gelegt, kirchliche Bürgerrechtler mundtot und existenziell kaputt gemacht, oft werden nicht einmal selbständige Laienverbände zugelassen – unter schüchternem Schweigen kirchlicher Kreise in Westeuropa, vor allem aber dem des Vatikans. Was ist aus den Intentionen des Zweiten Vatikanischen Konzils geworden, zum Beispiel dem Verzicht auf Privilegien der Kirche, die ihr von der staatlichen Autorität angeboten werden? Genügt es, wenn ein Regierungschef sich auf christliche Werte beruft, der katholischen Kirche neue Zuschüsse gewährt und ein neues, finanziell reizvolles Abkommen mit dem Vatikan in Aussicht stellt, in Wirklichkeit aber gelegentlich grundlegende Freiheits- und Sozialrechte verletzt, die Armen benachteiligt und ein autoritäres Regimes aufbaut? Drückt der Vatikan, drücken die Kirchen Westeuropas ein Auge zu, wenn in Osteuropa das Christliche ideologisch missbraucht wird und die Kirchen politisch instrumentalisiert, ja gekauft werden? Um Europa seine wahre Identität gewähren zu können, wird auch die katholische Kirche ihre wahre Identität erkennen und dazu stehen müssen.

 

 

 

Autor: János Wildmann, studierte Volkswirtschaft und katholische Theologie an der Universität Pécs; Religionssoziologe; Gründer der "Stiftung Kirchenforum"; war Mitarbeiter im "Pastoralen Forum zur Förderung der Kirchen in Ost- und Mittelleuropa" in Wien und ist

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