Salzkörner

Montag, 2. März 2015

Stefan-Bernhard Eirich, Bonn


"Wer nicht streitet, will nichts vom Leben." Vor einigen Monaten brachte die ZEIT in ihrer Onlineausgabe auf den Punkt, was in besonderer Weise für den jüdischen-christlichen Dialog Geltung hat.1 Weiter heißt es dort: "Als richtig gilt, Streit zu vermeiden. Und so merken wir gar nicht, wie gerade eine unserer wichtigsten Kulturtechniken flöten geht. […] Wir müssen dringend wieder streiten. Denn ohne Konflikte gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität". Die Lebendigkeit des Gesprächskreises "Juden und Christen" im ZdK zeigt sich neben vielem Anderen an dessen Bereitschaft, sich Konfliktthemen zu stellen und diese mit Gewinn für den Kreis selbst und darüber hinaus für das Verhältnis von Juden und Christen zu bearbeiten. Das Gremium leistet so seit über 40 Jahren einen wichtigen Beitrag zu einer Schlüsselkulturtechnik im Zusammenleben der Religionen. Leider muss hier angesichts der gegenwärtigen Großkonflikte, in denen Religionen eine treibende Rolle spielen, nebenbei klargestellt werden, was Streit alles nicht ist: bloßes Moralisieren, weil es unzugänglich ist für andere Argumente; zynisches Daherreden oder der bloße Austausch von Beleidigungen, weil sich beides respektlos über das Gegenüber erhebt; auch die Lust daran, den anderen zu entmenschlichen; schließlich inhaltsleerer Kampf um Sieg oder Nieder- lage, im schlimmsten Fall mit dem Ziel, den Gegner zu vernichten. Das Verhältnis von Christen und Juden kannte und praktizierte über weite Strecken anstatt wirklichen Streitens den eskalierenden Konflikt.
Die Mitglieder des Kreises sind sich dessen bewusst, dass der Streit gewissermaßen konstitutiv zu unseren Religionen gehört. Das Judentum erwuchs aus unzähligen Auseinandersetzungen des Volkes Israel mit seinen Nachbarn, mit sich selbst und mit Gott; die jüdische Theologie ist bis heute ein nie endender Disput. Auch in der christlichen Lehre von der Trinität Gottes ist der Diskurs grundwesentlich angelegt; nicht von ungefähr haben sich daran diverse Kirchenstreite und Spaltungen entzündet. Als Christ lerne ich von der jüdischen Seite eine faszinierende Form, mit Streit umzugehen: Wenn Juden unterschiedliche Ansichten zu einer Frage vertreten, vor allem in religiösen Fragen, dann wird nicht vorrangig nach der einen, richtigen, wahren Antwort gesucht, der sich alle unterzuordnen haben. Im Suchen nach der Wahrheit geht es nicht um die Entscheidung über "richtig" oder "falsch". Die erste Meinung bleibt stehen, und der Diskussionspartner stellt seine Sicht der Dinge daneben. Weitere Diskussionsteilnehmer können die Argumente prüfen und abwägen, sich auf die eine oder andere Seite schlagen – sie können aber auch weitere Auslegungen, "ihre" Geschichten hinzufügen. Eine entscheidende Horizonterweiterung hat in diesem Kontext für mich die Münchener Fachtagung des Gesprächskreises im November 2011 "Biomedizinische Forschung und ihre ethische Herausforderung zwischen Judentum und Christentum" gebracht: wir durften gegenseitig Wesentliches über die "Streit-Hermeneutik" der Gegenseite erfahren. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich ein weiteres Mal, dass insbesondere das katholische Lehramt bis in die jüngste Vergangenheit nicht immer ethische bzw. moraltheologische Diskurse mit der wünschenswerten Geduld und dem nötigen Mut zur Vielfalt begleitete.

In zentralen Grundfragen des Dialogs hat der Gesprächskreis beispielhaft Konfliktbereitschaft nach außen gezeigt. Stellvertretend hierfür seien das dezidierte Nein zur Judenmission und die Stellungnahme zur "Karfreitagsfürbitte" genannt. In diesen, wie in vielen anderen Streitfragen haben die Gründlichkeit der Auseinandersetzung und der Respekt vor dem Andersdenkenden oberste Priorität. Dies belegt nicht zuletzt der Diskurs um interne Themen: mit Dankbarkeit erinnere ich mich an die kantigen Wortwechsel, als für den Katholikentag 2012 in Mannheim die Frage anstand, ob und wie die 2008 in Osnabrück praktizierte christlich-jüdische Gemeinschaftsfeier fortgesetzt werden kann. Am Ende stand die schließlich von allen mitgetragene Form der Gemeinsamen Feier, die sich 2014 erneut beim Katholikentag in Regensburg bewährt hat.

Die Versuchung ist nicht gering, angesichts des weltweiten Zusammenpralls religiöser Kulturen in West- und Mitteleuropa überharmonisierende wie "verharmlosende" Konzepte für das Zusammenleben der Religionen zu entwickeln. Dem setzt der Gesprächskreis ein belastbares Modell diskursbasierter Koexistenz entgegen.


1    Karsten Polke-Majewski, Streitet euch!, in: Zeit online vom 19.11.2012.

 

zurück zur Übersicht