Salzkörner

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Suche Frieden

Ein Gestaltungsauftrag

"Suche Frieden" lautet das Leitwort für den 101. Deutschen Katholikentag, der vom 9. bis 13. Mai 2018 in Münster stattfinden wird. So hat es der Hauptausschuss des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in seiner Sitzung am 9. September einstimmig beschlossen. Er ist damit einem Vorschlag gefolgt, für den sich die Leitung des Katholikentags nach eingehender und konstruktiver Beratung einstimmig ausgesprochen hatte. In beiden Gremien hat gerade die Mehrdeutigkeit dieser kurzen Formulierung überzeugt: "Suche Frieden" erlaubt eine thematische Fokussierung und eröffnet zugleich die für einen Katholikentag notwendigen, unterschiedlichen Perspektiven.

Von Beginn an sind Katholikentage mit dem Anspruch verbunden, die "Zeichen der Zeit" zu erkennen. Katholiken wollten das, was sie sahen und erlebten, aber nicht nur aus "sicherer Distanz" kommentieren, sondern aus der Perspektive des Evangeliums heraus an der Suche nach Antworten und Lösungen für die damit verbundenen Herausforderungen mitmischen. Bis heute geschieht dies auf jedem Katholikentag in aller Öffentlichkeit und unter reger Beteiligung der Öffentlichkeit. Derzeit gibt es kein wichtigeres Thema im öffentlichen Diskurs über Religion als das Problem der Gewalt. Münster bietet sich hier wie keine andere deutsche Stadt an, eine Debatte zu führen, die um Lösungen ringt und Impulse für ein friedliches Miteinander geben kann.

Münster wurde – zusammen mit Osnabrück – zur Friedensstadt, nachdem im grausamsten Krieg der frühen Neuzeit über drei Jahrzehnte hinweg Millionen Menschen hingeschlachtet, ganze Länder Europas verwüstet worden waren und man 1648 hier Frieden schließen konnte. Dreißig Jahre zuvor, 1618 – im Katholikentagsjahr 2018 dann also vor genau 400 Jahren – war dieser Krieg entfacht worden. Daran werden wir beim Katholikentag 2018 denken. Und wir werden noch an einen weiteren grausamen Krieg erinnert werden: 2018 wird es 100 Jahre her sein, dass der 1. Weltkrieg zu Ende ging.

Die Sehnsucht nach Frieden

Krieg – ein Schreckenswort; es wird verbunden mit der Hoffnung, so etwas nie selbst erleben zu müssen! Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, dass seit Jahrtausenden und in vielen Kulturen die denkbar kürzeste Formel für einen Willkommensgruß der Friedensgruß ist: Pax – Schalom – Salam. In der Bibel begegnet einem keine Formulierung so oft wie "Der Friede sei mit dir!" oder "Der Friede sei mit euch!". Jeder Mensch sehnt sich nach Frieden. Gewiss: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts! Frieden ist weit mehr als die Abwesenheit von Krieg und Gewalt. Unsere tiefe Sehnsucht nach Frieden ist deshalb mehr als der Wunsch, von Krieg verschont zu bleiben. Frieden ist – das realisieren wir heute mehr denn je – zuerst ein Geschenk. Wer im Frieden leben kann, ist mit Kostbarem beschenkt, vielleicht mit dem Kostbarsten, das ein Menschenleben zu bieten hat. Dafür müssen wir uns aber auch einsetzen, daran müssen wir arbeiten und immer wieder neu nach Wegen zum Frieden suchen.

Im 34. Psalm heißt es: "Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach!" (Ps 34,15). Dieser Psalm wird David zugeschrieben, "als er sich vor Abimelech wahnsinnig stellte und dieser ihn wegtrieb und er ging" (1 Sam 21,11-16). Er spiegelt danach die Geschichte eines verfolgten Königsaspiranten, der sich listig tödlicher Gewalt entzieht, weil er auf Gott setzt, und daraus eine Friedensbotschaft ableitet, die sich alle Beter zu eigen machen sollen.

Zitiert wird das Friedenswort im Ersten Petrusbrief (1 Petr 3,11) zur Ermutigung einer Kirche die sich vielfacher Ablehnung ausgesetzt sieht. Es geht um eine Kirche, die nicht nur die Ungerechtigkeit beklagen, sondern an der Peripherie die Schnittstelle zwischen Gott und der Welt bilden soll: durch Menschen, die den Frieden suchen, weil sie an Gott glauben. Beide biblische Referenzen öffnen den Blick für die Geschichten derer, die sich auf die Suche nach Frieden gemacht haben.

Aufschlussreich mehrdeutig

Der Psalm macht Hoffnung, dass Frieden keine Illusion, sondern eine Möglichkeit, ein Versprechen, ein Geschenk, eine Aufgabe ist. Der Brief tritt dafür ein, dass die Kirche ihre Berufung erkennt, eine Friedenszone zu sein und eine Friedensmission zu starten. Der Friede als solcher hat dabei sowohl nach Psalm 34 wie nach 1 Petr 3 drei Dimensionen:

•     Frieden mit Gott: Der Krieg mit Gott muss beendet werden. Er besteht in dem Versuch von Menschen, Gott zu spielen. Er ist besonders grausam, wenn er im Namen Gottes geführt wird. Der Friede mit Gott wird nicht dadurch gestiftet, dass sich Gott mit den Menschen versöhnt, sondern dadurch, dass die Menschen mit Gott versöhnt werden (vgl. 2 Kor 5).

•     Frieden mit anderen: Der Krieg mit anderen Menschen muss beendet werden. Er besteht in der irrigen Überzeugung, auf Kosten anderer leben zu dürfen. Er ist besonders grausam, wenn er religiös motiviert ist und gerechtfertigt scheint. Die Initiative, Frieden zu stiften, liegt Ps 34 und 1 Petr 3 zufolge bei den Kriegsopfern, die mit Gottes Hilfe versuchen, die Kriegstreiber zu überwinden. Innerkirchlicher, ökumenischer, interreligiöser, gesellschaftlicher, politischer, interkultureller Frieden sind die heute zu unterscheidenden und zu verbindenden Ebenen.

•     Frieden mit sich selbst: Der Krieg mit sich selbst muss beendet werden. Er besteht im Zerwürfnis mit sich selbst. Er ist besonders grausam, wenn er als Krieg Gottes gegen das eigene Ich erlebt wird. Nach Ps 34 und 1 Petr 3 wächst der innere Friede dort, wo Gott die Ehre gegeben wird.

Imperativ und Hilferuf

Suche Frieden – das kann also auch bedeuten: Ich suche Frieden. Ich habe keinen Frieden. Ein sprachliches Vexierbild. Man stelle sich vor, an einem Schwarzen Brett in einem Institut der Universität Münster ist ein Zettel angepinnt, auf dem steht "Suche Frieden" – neben anderen Zetteln mit "Suche WG" oder "Suche Job während der Semesterferien". Wer könnte diesen Zettel "Suche Frieden" geschrieben haben? Ein Student, der nach 14 Semestern auch die letzte Chance für einen Studienabschluss vertan hat und deshalb verzweifelt auf verlorene Jahre seines Lebens zurückschaut? Eine aus Syrien geflüchtete Frau, die im Bürgerkrieg nicht nur ihren Ehemann und alles Hab und Gut, sondern auch jede Hoffnung auf eine Zukunft für sich und ihre Kinder verloren hat? Oder eine Frau aus meiner Nachbarschaft, die nicht die Kraft findet, aus einer zerrütteten Ehe auszubrechen? Ein aus dem Kongo stammender junger Mann, der die Traumata seiner Erlebnisse als Kindersoldat nicht überwinden kann? Vielleicht eine alte Frau, die seit Jahren im Streit mit ihren Kindern lebt? Oder jemand, der jeden Glauben an Gott und an das Gute in dieser Welt verloren hat?

Der Katholikentag muss Friedensstifter bestärken, aber die Friedensideale aus einer falschen Selbstverständlichkeit befreien:

•          Welche Kriege müssen beendet werden?

•          Welche Friedenspläne können geschmiedet werden?

•          Wer ist auf der Suche nach Frieden?

•          Welche Kriegstreiber müssen in die Schranken gewiesen werden? Welche Störer eines faulen Friedens müssen ermutigt werden?

•          Welche Wege öffnen sich denen, die nach Frieden suchen? Welche Wege verengen oder verschließen sich?

Der Bibel zufolge ist die Suche nach Frieden die Suche nach Gott (Ps 34,11) – und umgekehrt. Die Herausforderung heute ist es, die Suche stark zu machen, die desto intensiver wird, je tiefer der Friede Gottes gespürt wird. Es gibt keine Patentrezepte, aber reflektierte Erfahrungen und Enttäuschungen, zerstörte und immer wieder neu aufkeimende Hoffnungen, laute und stumme Gebete, große und kleine Feste, die Gottes Frieden ahnen lassen.

Indem er die Theozentrik konkretisiert, hat der Katholikentag die Chance, im Licht des Gottesglaubens das "Suche Frieden" als christliches Programmwort zu veranschaulichen.

 

        

 

Autor: Professor Dr. Thomas Söding Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum

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