Salzkörner

Mittwoch, 28. Februar 2018

Suche Frieden

Höhepunkte und Grundlinien des 101. Katholikentags in Münster

Am 9. Mai wird in Münster auf dem Domplatz der 101. Deutsche Katholikentag eröffnet. Es hat dann 88 Jahre gedauert, bis nach 1930 wieder ein Katholikentag in dieser Stadt zu Gast ist. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Vorbereitungen, ist zu erleben, wie groß die Erwartungen und die Vorfreude in Stadt und Region sind. Seit nunmehr 170 Jahren veranstaltet das ZdK Katholikentage, aber ungewöhnlich ist, dass er in der Heimatstadt seines Präsidenten stattfindet.

Einige Höhepunkte und Grundlinien dieses Katholikentags möchte ich vorstellen. Zu diesem Zeitpunkt sind noch nicht alle Planungen abgeschlossen. Aber vom 12. März an wird das Gesamtprogramm auf der Homepage des Katholikentags veröffentlicht,

Nach den jetzigen Planungen erwartet Sie ein Programmangebot von mehr als 1000 Veranstaltungen. Es wird eine Mischung aus Angeboten, wie Sie sie von einem Katholikentag kennen und erwarten: Diskussionen zu politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Themen, Vorträge, Workshops, Ausstellungen, Konzerte, große und kleine Gottesdienste und nicht zuletzt Feste und Orte der Begegnung..

Das Leitwort als Richtschnur und Botschaft

"Suche Frieden" lautet das Leitwort des Münsteraner Katholikentags. Bei der Wahl hat die Jahreszahl 2018 den Weg gewiesen: Vor 400 Jahren begann der verheerende 30-jährige Konfessionskrieg, den der Westfälische Friede, vor 370 Jahren in Münster und Osnabrück geschlossen, beendete. Und 100 Jahre sind es her, dass der bis dato grausamste Krieg der Geschichte sein Ende fand. Angesichts der Kriege und Brandherde unserer Zeit lag die Aktualität dieses Themas auf der Hand. Große Ausstellungen über "Frieden. Von der Antike bis heute" von fünf unterschiedlichen Trägern in der Stadt gehen zur Zeit des Katholikentages auf das Thema ein.

Aber nicht nur Frieden als Begriff für die Abwesenheit von Krieg und Gewalt ist gemeint. Viele Entwicklungen wie Globalisierung, Pluralisierung der Gesellschaft und Zusammentreffen von Kulturen und Religionen haben als Kehrseite die Suche nach Abschottung und Abgrenzung. Menschen suchen nach Identität und Leitbildern für die Gestaltung des Lebens. Darum wird es in Münster auch um die Suche nach dem Frieden zwischen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen gehen. Friede ist aber auch ein Thema des alltäglichen Zusammenlebens, die Suche nach gesellschaftlichem Frieden, nach Frieden mit dem Nachbarn und Nächsten und nicht zuletzt auch nach Frieden mit mir selbst, wie ihn die Menschen vieler Religionen sich wünschen: Pax, Schalom, Salam. Und es geht um den Frieden, der uns in der Bibel und im Gottesdienst zugesagt wird: "Meinen Frieden gebe ich euch".

Friede ist ein schwieriges Wort: es gehört zu denen, die jeder für gut und richtig hält. In alter biblischer Tradition wird es kombiniert mit der Gerechtigkeit; beide bedingen sich gegenseitig. Das kurze Zitat aus dem 34. Psalm könnte mit einem Rufzeichen geschrieben werden, so wie es im Zusammenhang, einer Regel für ein gutes Leben, heißt: "Suche den Frieden und jage ihm nach!". Für den Katholikentag ist uns auch die andere Lesart wichtig: Wie "Suche Arbeit", "Suche Wohnung" bringt es zum Ausdruck: Ich brauche etwas, ich sehne mich nach Frieden in der Welt, mit der Schöpfung, mit anderen, mit mir selbst und mit Gott.

Konzentration und Orientierung

Das Leitwort diente dieses Mal als Ausgangspunkt einer Exegese und der Reflexion über wichtige Entfaltungen des Themas in einer Arbeitsgruppe. Die dort gefundenen Kernthemen verschiedener Bereiche wurden potentiellen Veranstaltern angeboten, mit den Programmkommissionen erarbeitet und von der Katholikentagsleitung beschlossen. Sie finden sich nun als sogenannte "Große Podien" im Programm und sind besonders hervorgehoben. 

Neben der Ausrichtung am Leitwort war uns bei der Entwicklung des Programms ein Anliegen das, was wir mit den Stichworten "Konzentration und Orientierung" bezeichnet haben. So werden langjährige Besucher von Katholikentagen bemerken, dass wir alle diskursiven Veranstaltungen des Katholikentags in zwei große Themenbereiche "Gesellschaft und Politik" und "Kirche, Theologie, Religionen" gefasst haben. Die Fülle der früheren Zentren wird in größeren Einheiten konzentriert – zum Beispiel im neuen Bereich "Lebenswelten", in dem die Angebote für Kinder, junge Menschen, Frauen, Männer, Familien, ältere Menschen zusammengefasst sind.

Programmatische Schwerpunkte

Das Stichwort "Frieden" war die Richtschnur für die vielen einzelnen Veranstaltungen, von denen ich Ihnen einige exemplarisch nennen möchte. Unter den Themen der 32 "Großen Podien" finden sich aus dem Bereich "Gesellschaft und Politik": Syrien und die Schwierigkeiten der Friedenspolitik; Migration, Integration, Einwanderung; Fluchtursachenbekämpfung und Frieden durch Entwicklung; Suche nach einem gerechten Welthandel; Frieden durch soziale Gerechtigkeit; Chancen und Bedrohungen der Digitalisierung; Konflikt oder Frieden in Familien und zwischen den Generationen; Populismus und Missbrauch in den neuen Medien;  Die Landwirtschaft und der Klimawandel

Erinnern werden wir an das Ende des Ersten Weltkriegs vor nun 100 Jahren in einem Großen Podium "Gott mit uns?", konzipiert und verantwortet in Kooperation vom ZdK und dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT). Ergänzt werden die Podien zum Beispiel in einer Vorlesungsreihe im Open-Air-Hörsaal des Excellenzclusters "Religion und Politik" der Universität Münster. Ein Schwerpunkt des Programms werden die Auseinandersetzung mit neuen Nationalismen und die besondere Rolle Europas mit einem eigenen Europatag sein.

Innerkirchlicher Dialog

Kernbestandteil jedes Katholikentags ist nicht zuletzt seit dem revolutionären Essener Katholikentag von 1968, vor 50 Jahren, der innerkirchliche Dialog. Auch hier war das Stichwort "Frieden" zentrale Orientierung. Das zeigen die Themen der Großen Podien des Bereichs "Kirche, Theologie, Religionen", in denen sich politische, persönliche und kirchliche Anliegen mischen: Biblische Friedensvisionen – Anstöße zu Leben, Wirtschaften, Regieren ;  Dauerzoff oder Grabesruh – Großraumpfarrei oder Kirche im Dorf?; Beteiligung schafft Frieden – auf dem Weg zu einer synodalen Kirche; Schuld – Vergebung – Versöhnung. Impulse für eine glaubwürdige Kirche; Religionen – Fluch oder Segen? – Friedenspotentiale der Religionen wecken; Religionsfreiheit – ein weltweit verletztes Menschenrecht; Störfaktor Religion – Wieviel Glaube verträgt die Öffentlichkeit; Meinen Frieden finden – Glauben und zweifeln nach persönlichen Krisen.

Veranstaltungen werden brennende Themen unserer Kirche aufgreifen, von der Zukunft der Pfarreien über die Frage nach dem Amtsverständnis, der Stellung der Frauen, der Mitverantwortung aller Gläubigen bis zu der nach der Form einer synodalen Struktur unserer Kirche.

Seit vielen Jahren sind Katholikentage ein Ort der Ökumene geworden. Beispielhaft für viele Veranstaltungen wird das Große Podium "Ökumene nach 2017 – Aufbruch oder Katerstimmung?" die Einheit in Verschiedenheit zum Thema machen. Auch in Münster wird das ökumenische Gespräch mit den Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) eine wichtige Rolle spielen.

Immer wichtiger wird der Dialog unter den Religionen. Hier leistet der Katholikentag einen Beitrag zum innergesellschaftlichen Frieden mit Orten und Räumen für Begegnung und Kennenlernen, die er insbesondere mit Juden und Muslimen eröffnet. Das geschieht auch durch das Aufgreifen von Themen wie "Antisemitismus in der Schule - jüdische, christliche und muslimische Sondierungen" oder "Gemeinsam Gesellschaft gestalten - Christen und Muslime in der pluralen Gesellschaft". Erstmalig findet im Rahmen des Katholikentags ein Biblischer Impuls mit Beteiligten der drei Religionen statt, die sich auf den biblischen Stammvater Abraham berufen.

Neue Akzente

Der Münsteraner Katholikentag wird auch eine Reihe von neuen Formaten und besonderen Akzenten zeigen. Nur einige seien exemplarisch genannt: Unter #Frieden – Off Church 2.0 suchen wir Orte in der Stadt auf, die zur Auseinandersetzung und persönlichen Erfahrung von Frieden und Unfrieden einladen. Die Performance #FriedensFinderinnen, getragen von einem interreligiösen Frauennetzwerk, das sich bei einem früheren Katholikentag zusammengefunden hat, wird Friedensinitiativen sichtbar machen und neue Netzwerke anregen. In einem Konzert mit klassischer, traditionell arabischer und jüdischer Musik werden junge Menschen aus allen Teilen Israels – jüdischer und arabischer Herkunft – ihre Vision eines friedlichen Miteinanders leben, indem sie gemeinsam musizieren. Ein großes Ereignis werden 4300 Mitglieder aus 138 kirchlichen Chören sein, die auf dem Domplatz ein Begegnungskonzert gestalten. Im KLJB-Dorf "Dorf findet Stadt" der Katholischen Landjugendbewegung steht das Thema der Entwicklung des Verhältnisses von Land und Stadt im Mittelpunkt. Die Licht-Performance "Glaubensfeuer" in der Lambertikirche eröffnet neue ästhetische und spirituelle Erfahrungen. Im "Gespräch unter den Täuferkäfigen", angestoßen durch die Zusammenarbeit mit mennonitischen Partnern, geht es in der Lambertikirche auch um die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Täufer in Münster. Eine andere Landmarke von Münster stand für einen besonderen Gottesdienst Pate: Auf dem Aasee wird es unter dem Titel "Auf zu neuen Ufern" einen im Jugendbereich angesiedelten Tretbootgottesdienst geben. Überhaupt spielt die Jugend auf dem Katholikentag wieder eine große Rolle: Es wird viele Angebote für junge Menschen geben. Hohe Attraktivität ist bei der "Nacht der Lichter" in der Halle Münsterland mit den Brüdern der Gemeinschaft von Taizé sicher. Für die "Erzählkirche" laden Mitglieder des ZdK-Präsidiums in die barocke Clemenskirche ein und werden mit prominenten Gesprächspartnern in der Reihe "Eine Stunde mit … Erfahrungen prominenter Zeitgenossen mit Frieden und Unfrieden" sprechen.

Zentrale Veranstaltungen

Das thematische Programm ist in die großen zentralen Veranstaltungen und Gottesdienste eingebettet. Am Mittwoch wird der Katholikentag auf dem Domplatz mit prominenten Gästen eröffnet. Daran schließt sich der Abend der Begegnung an, vorbereitet vom Bistum Münster mit seinen Gemeinden, Verbänden und Initiativen in Stadt und Regionen. Der Donnerstag beginnt mit einer Eucharistiefeier zum Hochfest Christi Himmelfahrt auf dem Schlossplatz mit Bischof Genn als Bischof der gastgebenden Diözese. Parallel hierzu findet auf dem Domplatz eine Eucharistiefeier als eigenes Angebot für Kinder und ihre Eltern statt. Einen Höhepunkt am Freitag bildet der Zentrale Ökumenische Gottesdienst im Dom. Bevor der Katholikentag am Sonntag auf dem Schlossplatz mit dem Hauptgottesdienst unter Leitung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zu Ende geht, laden wir am Samstagabend zu einem Fest in der Innenstadt.

Open-Air

Fünf Tage lang werden wir das Gesicht der Stadt Münster mit dem Katholikentag prägen. Dafür sorgt unter anderem das "Programm unter freiem Himmel", das den Katholikentag für alle erfahrbar macht, die nach Münster kommen oder in Münster leben, ganz ohne Zugangsvoraussetzungen. Oder anders gesagt: Der Katholikentag ist mit viel Open-Air-Programm in der Stadt zu erleben, unter anderem mit der  Caritas-Bühne, der Eine-Welt-Bühne der kirchlichen Werke, zwei Musik-Bühnen und dem Straßenmusik-Projekt "Katholikentag unplugged".

Zu den frei zugänglichen Angeboten des Katholikentags gehört die Kirchenmeile. Mehr als 330 Verbände, Gruppen, Initiativen und Gemeinschaften werden ihr Engagement in Gesellschaft und Kirche auf dem Parkplatz am Schlossplatz, wo traditionell der "Send", eine Großkirmes, stattfindet, präsentieren. Übrigens bedeutet das für den Katholikentag Rekordbeteiligung. Die katholische Kirche in Deutschland ist in all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt hier zu erleben.

Der Katholikentag freut sich auf Münster und Münster freut sich auf den Katholikentag! Er wendet sich nicht nur an katholische Menschen, sondern lädt alle ein. – Kommen Sie und überzeugen sich von der Vitalität des Katholikentags als Ort des politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Dialogs, aber auch als Ort des lebendigen Glaubens.

 

 

 

 

 

Autor: Prof. Dr. Thomas Sternberg Präsident des ZdK

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