Salzkörner

Donnerstag, 31. August 2017

Transparenz schafft Glaubwürdigkeit

Anforderungen an kirchliche Finanzverwaltung

Wer sich in den vergangenen Jahren schon kritisch mit der Verwaltung von Kirchenfinanzen und Kirchenvermögen auseinandergesetzt hat, fängt inzwischen an, für den Bauskandal in der Diözese Limburg "dankbar" zu sein. Dessen Aufarbeitung hat in der katholischen Kirche Deutschlands bereits vorhandene Reformbemühungen verstärkt und den öffentlichen Diskurs über das Thema belebt. Die Deutsche Bischofskonferenz entschied sich im Herbst 2014 zu einer Transparenzoffensive, in der die einzelnen Diözesen nach und nach ihr Vermögen veröffentlichen. Ähnlich wie bei Kommunen muss dafür allerdings zuerst die Vermögenserfassung in Form von Bilanzierung erfolgen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken setzte im Frühjahr 2015 eine Arbeitsgruppe zum Thema "kirchliche Finanzen" ein, auf deren Anraten im Juni 2017 eine Fachtagung zur Frage der Beteiligung von Laien an den Entscheidungen über die Verwendung kirchlicher Finanzen stattfand. Kirchensteuerrätinnen, Generalvikare und interessierte VertreterInnen der Zivilgesellschaft holten sich Expertenwissen ein und traten in einen lebhaften Erfahrungsaustausch. Bei allen Beteiligten wachsen, wenn auch unterschiedlich geprägt, Einsicht und Bereitschaft, neue Formen der gemeinsamen Verantwortung für die kirchlichen Finanzen zu etablieren. Dafür kann es hilfreich sein, neben Anleihen aus der Praxis von Wirtschaft und öffentlichem Sektor, Grundbegriffe guter Verwaltung auch innerkirchlich noch einmal durchzubuchstabieren.

Eigentümerschaft der Gläubigen und kirchlicher Auftrag

müssen der Ausgangspunkt aller Überlegungen zum Umgang mit kirchlichen Finanzen sein. Das Kirchenvermögen mag rechtlich den Diözesen und zahlreichen anderen kirchlichen Rechtsträgern gehören, ideell gehört es der Gemeinschaft der Gläubigen. Entsprechend können sich die Entscheider – Entscheiderinnen sind noch selten – als Verwalter, nicht aber als Eigentümer verstehen. Mit dem Finanzmanagement leisten sie einen Dienst an der Gemeinschaft der Gläubigen. Der Verwendungszweck des Kirchenvermögens ergibt sich aus den Zielen kirchlichen Lebens und kann deshalb weder bloße Gewinnoptimierung noch persönliche oder institutionelle Selbstbereicherung sein. Die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Verkündigung lässt sich nicht loslösen vom Umgang der Kirche mit ihren Gütern. Eine Kirchenverwaltung, die versucht, den Maßstäben des Evangeliums gerecht zu werden kommt deshalb nicht ohne Transparenz, Partizipation und Kontrolle aus.

Transparenz, Partizipation und Kontrolle

Diese umfassen jedoch sehr viel mehr als die Veröffentlichung von Bilanzen. Es geht darum, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und ihre Umsetzung zu überprüfen. Nach welchen Kriterien wurde die zukünftige Verteilung von VDD-Mitteln vorgenommen, wie kam die Zusammensetzung der Fachgruppe zustande, die über die Kürzungen entschieden hat und von woher bezieht sie ihr Mandat? Rechenschaftslegung im Bereich von Finanzen ist keine Glaubensfrage, sondern geschieht mittels überprüfbarer Fakten. Was lange ein Tabu war, wird inzwischen in den Blick genommen. Theologen sind aufgrund ihres Status als Kleriker nicht automatisch geeignet, Leitungspositionen zu besetzen, die im Kern vor allem Managementkompetenzen und wirtschaftliches Fachwissen benötigen. Kirche und alle ihre Mitglieder haben Anteil an der Versuchbarkeit und Korrumpierbarkeit, die Macht bewirken kann. Deshalb gilt es, die Partizipation von Fachkundigen zu gewährleisten und Kontrollorgane so einzurichten, dass deren Unabhängigkeit und Fachkompetenz Fehlverhalten von Entscheidungsträgern tatsächlich begrenzen kann. Die bisherige Praxis, nach der die Mitglieder kirchlicher Aufsichtsgremien oft von den Amtsträgern berufen werden, die sie kontrollieren sollen, stellt eine strukturelle Schwachstelle dar. Eine von der Kirchenbasis aus erfolgende Wahl wäre sehr viel glaubwürdiger und könnte den Gremienmitgliedern persönliche Integrität erleichtern. Die Loyalität der Vertreter ist bei Wahl an die kirchliche Gemeinschaft und nicht an die Person des Amtsträgers gebunden. Angemessene Kritik gerät dann nicht mehr unter den Pauschalverdacht der Illoyalität, wie dies bisher oft geschah.

Die Einsicht in die Notwendigkeit und die Wertschätzung von Kontrolle werden neben den pastoralen Innovationsbemühungen über die Glaubwürdigkeit der Kirche entscheiden. Dies gilt sowohl für den Bereich der Zuteilung von Mitteln wie auch bei deren Verausgabung.

Gerade weil das deutsche Staatskirchenrecht der Kirche ein hohes Maß an Selbstverwaltung zugesteht, braucht es die aktive Selbstverpflichtung der Kirche durch eine Kultur der Machtteilung und der Kontrolle, um Missbrauch des Kirchenvermögens so weit als möglich zu verhindern.

Freie Mitarbeiter statt Laien

Die katholische Kirche in Deutschland ist nicht arm. Ihr Vermögen ist auf viele unterschiedliche Rechtsträger verteilt und die Verwaltung entsprechend komplex. Deshalb empfiehlt es sich, Qualifikationsprofile für die Mitglieder von Entscheidungs- und Aufsichtsgremien einzurichten und sowohl haupt- wie ehrenamtlich Tätige weiterzubilden. Im Gegenzug sollte auf den Begriff des "Laien", der im allgemeinen Sprachgebrauch als "Nichtfachmann" verstanden wird, verzichtet werden. "Freier Mitarbeiter" erscheint als ein passenderer Begriff, um das freiwillige Engagement, die notwendige Unabhängigkeit und die erforderliche Kompetenz von Diözesan- und Kirchensteuerräten und anderen Ehrenämtern zu beschreiben. Die Veränderung der Begrifflichkeit weist dann schon die Spur dafür, dass die freien Mitarbeiter und die dienstlich eingebundenen Mitarbeiter sich zwar in ihrem Verhältnis zur Institution unterscheiden, jedoch nicht in ihren Fähigkeiten und Kompetenzen.

Kosten und Wirkung

Abgesehen vom Rottenburger Modell (s. Salzkörner 23. Jg., Nr. 3, S. 2-3) ist durch die Trennung der pastoralen von den finanziellen Gremien das "Zusammendenken" von inhaltlichen Zielen und Ressourceneinsatz in der Praxis noch wenig ausgeprägt. Aber diese Trennung entfremdet unterschiedliche Fachkompetenzen, die auf einander angewiesen sind, wenn Geld dem Glauben dienen soll. Gerade weil wir eine Kirche im Umbruch sind, kann es nicht mehr um die bloße Fortschreibung von Haushalten gehen. Benötigt wird vielmehr eine Budgetierung, die sowohl den innovativen Konzepten im pastoralen und sozialen Tun der Kirche wie auch den strukturellen Veränderungen Rechnung trägt.

Noch weiterreichend ist dann der Schritt zur wirkungsorientierten Haushaltsführung, an dem sich aktuell in einigen Bundesländern, u. a. in Nordrhein-Westfalen, die Kommunen versuchen. Es bedeutet für die kirchlichen Aufgabenfelder nicht nur Aktivitäten und Kosten, sondern die Erreichung von Zielen und Wirkungen in den Blick zu nehmen. Über die Budgeteinhaltung hinaus würde dann zum Jahresabschluss gefragt, ob mit Hilfe der eingesetzten Gelder wirklich mehr Jugendliche durch alternative Angebote Glaubenszugang gefunden haben, ob tatsächlich erfolgreich kirchliche Integrationsarbeit für zugewanderte Mitbürger stattgefunden hat und ob die Einführung von U3-Betreuung in kirchlichen Kindergärten den staatlichen Standards und den Erwartungen der Eltern gerecht wurde. Die Bilanzierung nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) müsste dafür um andere Instrumente von Evaluierung ergänzt werden. Diese Arbeitsweise ist in der Entwicklungszusammenarbeit schon länger Praxis, sie findet aber erst jetzt Einzug in den Gemeinwesenbereich hierzulande.

Ausblick

Wenn die Orientierung an Inhalten und Zielen und wenn fachlich-partizipative Formen des Miteinanders die Verwaltung der kirchlichen Finanzen zukünftig bestimmen, dann werden die anderen Bereiche kirchlichen Lebens von diesem Wandel nicht unberührt bleiben. Skeptiker verweisen schnell auf die Grenzen, die vom Kirchenrecht gesetzt sind. Aber Hand aufs Herz, erwarten wir wirklich vom Kirchenrecht die Zukunftsweisung für die Entwicklung unserer Kirche?

 

 

 

 

 

 

Autor: Sonja Grolig Mitbegründerin und Leiterin der AG kirchliche Entwicklungszusammenarbeit von Transparency Deutschland und Mitglied im Beirat für Gerechtigkeit, einer Initiative des Vatikan gegen Korruption und Ungerechtigkeit

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