Salzkörner

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Unerfüllter Kinderwunsch – psychosoziale Beratung.

Auseinandersetzung mit den Aspekten der medizinischen Machbarkeit

Eine Familie zu gründen, sich ein Kind zu wünschen ist ein natürliches und berechtigtes Anliegen vieler Menschen. Aufgrund privater oder beruflicher Gegebenheiten verschieben Frauen und Männer immer häufiger die Umsetzung ihres Kinderwunsches auf einen späteren Zeitpunkt. Der Wunsch nach einer guten Ausbildung oder einem Studium, dem Berufseinstieg und dem beruflichen Aufstieg, die Frage der Partnerwahl und die der Familiengründung, diese Fragen werden in erster Linie an die Frauen gerichtet. Der Lebensplan, der auch die Umsetzung des Kinderwunsches beinhaltet, verschiebt sich häufig angesichts dieser Fragen. So wird oft aus einer den Umständen geschuldeten gewollten Kinderlosigkeit eine ungewollte Kinderlosigkeit.

Ungewollte Kinderlosigkeit ist eine Tatsache, mit der immer mehr Paare in ihrem Leben konfrontiert werden. Paare werden von dieser Tatsache völlig überrascht. Das Ausbleiben einer gewünschten Schwangerschaft führt sie an Grenzen der individuellen Lebensgestaltung und der Umsetzung des scheinbar Selbstverständlichen. Wenn sich der Kinderwunsch nicht auf natürlichem Weg erfüllen lässt, kann das für die betroffenen Paare eine psychische und physische Belastung bedeuten. Fragen tun sich auf: "Warum ist mir das Selbstverständlichste nicht gegeben?", "Was ist medizinisch alles machbar und will ich das, was machbar ist, für mich realisieren?", "Welche ethischen Fragestellungen gehen für mich mit der Erfüllung meines Kinderwunsches einher?", "Was bedeutet für mich, was bedeutet für meine Partnerschaft eine vielfache Elternschaft?", "Was habe ich in meinem Leben verkehrt gemacht, dass sich mein Wunsch nach einem Kind nicht erfüllt?", "Wie kann ich mit den Konsequenzen dieser Lebenssituation umgehen?" "Wo liegen Alternativen in meinem Leben, wie kann ich es auch ohne eigenes Kind sinnvoll und erfüllend gestalten?". Fragen nach Abschied vom Kinderwunsch stellen die Betroffenen vor eine Herausforderung.

Und gleichzeitig gibt es da das Angebot der Reproduktionsmedizin in ihrer Vielfalt. Vieles scheint möglich und machbar. Die Reproduktionsmedizin hat sich rasant entwickelt. Im Juli 1978 wurde in England Louise Brown geboren, das erste Kind, das durch künstliche Befruchtung entstanden ist. Damals gab es intensive ethische Debatten über diese Option und über die Frage nach möglichen Gefahren für das Kind – aber auch ethische Fragestellungen bezogen auf das Menschenbild in unserer Gesellschaft.

Dennoch bedeutete diese medizinische Entwicklung auch, dass Paare, die ungewollt kinderlos waren und sind, Hoffnung schöpfen auf ein leibliches Kind. donum vitae als Beratungsverband steht begleitend an der Seite der Betroffenen und erkennt die Not an, die mit einem unerfüllten Kinderwunsch einhergehen kann, an.

Im Sinne des Kindeswohls

Wir sehen auch das Angebot der Reproduktionsmedizin mit der Machbarkeit des scheinbar Unmöglichen. Und auch da sind wir an der Seite der Betroffenen, gehen mit ihnen den beratenden Weg, der auch bedeuten kann, neue Perspektiven zu entwickeln, die Entscheidung auch gegen die scheinbare Machbarkeit zu treffen, einen Plan B zu entwickeln. Nur wer Raum findet, medizinisch Mögliches zu verstehen und gleichzeitig zu erspüren, was es für ihn selbst in der Nicht-Inanspruchnahme dieser Möglichkeiten bedeutet, kann entscheiden, welche Option für sie oder ihn passt.

Assistierte Reproduktion in Anspruch zu nehmen, ist eine Option bei ungewollter Kinderlosigkeit, die besondere ethische Fragestellungen für die Betroffenen mit sich bringt. Durch die Möglichkeiten der Gametenspende (Samen-, Embryonen- und Eizellspende) und die Option der Leihmutterschaft haben wir es mit gespaltenen Elternschaften zu tun. Das bedeutet, es kann genetische Eltern (Samen-, Eizell-, Embryonenspende), biologische Elternschaft (Leihmutterschaft) und soziale Elternschaft geben. Diese möglichen vielfältigen Formen von Elternschaft gilt es im Sinne des Kindeswohls im Blick zu halten. In Deutschland ist die Samenspende erlaubt und Embryonenspende/Embryonenadoption wird teilweise angeboten. Eizellspende und Leihmutterschaft sind in Deutschland verboten, im nahen europäischen Ausland teilweise erlaubt. Das Entstehen möglicher Mehrlingsschwangerschaften ist ebenfalls ein Aspekt, mit dem sich betroffene Paare auseinandersetzen müssen.

donum vitae sieht sich auch in der Verantwortung, die Anwaltschaft für das (ungeborene) Kind zu übernehmen. Wir halten es für unabdingbar, diesem Kind sein Recht auf das Wissen um die eigene Herkunft zuzugestehen. Aus der Adoptionsforschung wissen wir, dass das Nichtwissen um die eigene Herkunft eine große Belastung für die betroffenen Menschen darstellt. Die psychosoziale Beratung berücksichtigt dieses Recht und unterstützt Paare in der Beratungssituation, dieses Recht des Kindes anzuerkennen und wahrzunehmen.

Die ethischen Fragestellungen, die es bereits 1978 bei der ersten In-vitro-Fertilisation gegeben hat, stellen sich heute immer wieder auf das Neue. Den Blick auf das Kind zu behalten ist unabdingbar, ebenso auf das Menschenbild unserer Gesellschaft und die Frage "Müssen wir alles tun, was medizinisch machbar ist?" aus Sehnsucht nach einem Kind. Oder gilt es Grenzen des Seins zu akzeptieren?

Beratungssituation

Ein konkretes Beispiel: Paar M. wünscht vor einer Spendersamenbehandlung ein Beratungsgespräch. Frau M. ist 34 Jahre alt, Herr M. ist 38 Jahre alt. Beide sind bisher voll berufstätig. Wie sie berichten, besteht seit sieben Jahren ihr bislang unerfüllter Kinderwunsch. Es wurde ein Spermiogramm erstellt, welches eine sehr eingeschränkte Zeugungsfähigkeit bei dem Mann attestiert. Im Rahmen der assistierten Reproduktion wurden zwei Inseminationen durchgeführt und vier In-vitro-Fertilisationen (einschließlich ICSI), die jedoch ohne Erfolg geblieben sind. Die Partnerschaft beginnt zu leiden, da der unerfüllte Kinderwunsch im Alltag einen sehr großen Raum einnimmt. Frau M. hat das Gefühl, dass sie aufgrund ihres Alters, keine Zeit mehr hat. In der Beratungssituation zeigt sich das Paar gut informiert. Beratungsschwerpunkte sind der Blick auf die gemeinsame Beziehung, der Abschied von der Realität, dass sich der Kinderwunsch auf natürlichem Weg erfüllt und damit einhergehend, die Akzeptanz und der Abschied von der "Selbstverständlichkeit", ein Kind zeugen zu können. Des Weiteren nehmen Aspekte wie die Aufklärung des Kindes über seine Herkunft einen großen Raum ein. Hier zeigt sich das Paar sehr offen und es werden Ideen entwickelt, wie sich diese Aufklärung in einer selbstverständlichen Weise von Anfang an gestalten lässt. Weitere Schwerpunkte in der Beratung sind die Bedeutung von sozialer und genetischer Elternschaft – was macht das mit dem zukünftigen sozialen Vater, dass er nicht der genetische Vater ist? Ein weiterer Schwerpunkt der psychosozialen Beratung ist auch die Entwicklung eines sogenannten Plan B mit der Fragestellung: "Was machen wir, wenn wir zum Zeitpunkt X feststellen, dass wir doch kein Kind bekommen können?" Das Paar wurde auf eigenen Wunsch während der Kinderwunschbehandlung psychosozial begleitet, um so "eine Stärkung" zu erfahren.

Fazit

donum vitae kann und will sich nicht gegenüber den medizinischen und gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen und will doch auch Raum geben für die Auseinandersetzung mit den Aspekten der medizinischen Machbarkeit und der Wahl, diese nicht in Anspruch zu nehmen. donum vitae möchte von unerfülltem Kinderwunsch betroffenen Menschen in dieser Lebenssituation ein gutes psychosoziales Beratungsangebot unterbreiten. donum vitae macht sich stark für die Einbindung der psychosozialen Beratung im Rahmen der Kinderwunschbehandlung. donum vitae macht sich stark für das Recht des Kindes auf das Wissen um seine Herkunft.

Es gilt Optionen zu schaffen, Familiengründung, Familienphase und Berufsphasen zukünftig noch besser parallel verwirklichen zu können. Es gilt Rahmenbedingungen zu schaffen, dass Familiengründung auch in einer früheren Lebensphase möglich sein wird. Informationen über Ursachen, Gründe und Folgen von ungewollter Kinderlosigkeit müssen frühzeitig in das Bewusstsein der Menschen gebracht werden.

 

 

      

 

 

 

Autor: Ruth Fendler-Vieregg Referentin für den Bereich Fortbildung und Pränataldiagnostik beim donum vitae Bundesverband in Bonn

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