Salzkörner

Mittwoch, 9. Mai 2012

Unsere Kirche, trotz allem

Kirchendialog in Belgien

Die katholische Kirche hat in Deutschland im vergangenen Jahr einen bundesweiten Dialogprozess zur Zukunft der Kirche angestoßen. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es vergleichbare Vorgänge.

"L’église quand même" laut der Titel der neuesten Veröffentlichung des belgischen französisch- und deutschsprachigen Laienverbandes CIL (Conseil interdiocésain des Laïcs de Belgique francophone et germanophone) vom September 2011. Es handelt sich hier nicht nur um einen Buchtitel. Nein, es geht um viel mehr. Es handelt sich um eine Bekräftigung, ein Bekenntnis all derer, die sich mit ihrer Kirche schwer tun: Wir bleiben trotz der unruhigen Zeiten in unserer Kirche, trotz aller Wellen, die zuletzt u. a. der Missbrauchsskandal und die Ernennung von Monseigneur Léonard zum Erzbischof von Mecheln-Brüssel geschlagen haben, wir halten ihr die Treue und bekräftigen: Dies ist unsere Kirche, trotz allem.

Die Wünsche der Gläubigen beherzigen

Die Mitglieder des CIL sind der Überzeugung, dass sich unsere Kirche dringend an die heutigen Lebensgegebenheiten anpassen muss. Es geht nicht darum, dem Zeitgeist nachzulaufen, aber darum, dass die Kirche – wie es auch im II. Vatikanischen Konzil betont wird – die Zeichen der Zeit erkennt und das persönlich Erlebte, die Meinungen und Wünsche ihrer Mitglieder beherzigt. Deshalb hat es sich der CIL zur Aufgabe gemacht, die 'Basis' zu befragen, den Menschen zuzuhören. Vor einigen Jahren wurde deshalb die Aktion "Begegnung mit dem Volk Gottes" ins Leben gerufen, die in der o. g. Veröffentlichung dokumentiert wird. Im Rahmen dieser Initiative wurden Treffen mit verschiedenen Personenkreisen organisiert: In einer ersten Phase wurden Interviews geführt mit Experten aus den Bereichen Theologie, Philosophie, Spiritualität/Geistliche Begleitung, mit Geistlichen, Laien, Frauen und Männern, die in der Kirche vor Ort in der Wallonie und in Brüssel Verantwortung tragen. In einer zweiten Phase fand ein Austausch mit ca. 30 Gruppen engagierter Christen statt, die ganz unterschiedliche neue Wege beschritten hatten, ihren Glauben in Gemeinschaft zu leben. Die dritte und umfassendste Phase bestand schließlich darin, zu 8 regionalen Treffen mit insgesamt ca. 400 Personen rund um die Themen einzuladen, die in den beiden ersten Phasen zur Sprache gekommen waren. Der Untertitel der Dokumentation "Dem Volk Gottes Gehör schenken" war also wirklich Programm.

Gemeinsame Verantwortung von Laien und Priestern

Aus den Interviews und Treffen resultierten "10 Vorschläge für Hoffnung und Weiterentwicklung in unserer Kirche" (www.cil.be/files/10 %20propo.pdf). Die Wochenzeitung Dimanche (Sonntag) resümiert sie wie folgt: Die 10 Vorschläge skizzieren eine Kirche, die die gemeinsame Verantwortung von Laien und Geistlichen fördert, Brüderlichkeit und ein solidarisches Miteinander praktiziert, jeden zu Wort kommen lässt und den Armen Vorrang einräumt. Diese Kirche lässt sich vom Evangelium inspirieren und lebt den Austausch, in dem "jeder seine Meinung äußern" kann, denn "Gott und die Wahrheit gehören niemandem".

"L´église quand même" war eine Folge des "Offenen Briefes [des CIL] an unsere christlichen Mitbrüder, Laien, Geistliche und Bischöfe" vom November 2010. Der CIL betont in diesem Brief: "Wir, Laien, Männer und Frauen, werden nicht resignieren angesichts der völligen Auseinanderentwicklung zwischen unserer Amtskirche und den heutigen Lebensrealitäten. Die Zeit ist gekommen, öffentlichen Protest zu wagen, Grenzen zu überschreiten, aufzuhören immer nur passiv zu gehorchen". In diesem Brief bieten die Laien jedoch den Bischöfen auch ihr Mitwirken an: "Selbst auf der Ebene der Belgischen Bischofskonferenz könnten die Laien zum Vorteil aller an den Überlegungen und Entscheidungsprozessen teilhaben […] Wie bereits zuvor, hofft der CIL, einen offenen Dialog mit der Bischofskonferenz fortführen zu können, in einer offenen und vom Evangelium inspirierten Sprache" (www.cil.be/files/Lettreouverte.pdf).

Ein strukturierter Dialog

Dieser Aufruf zum Dialog, dieses Angebot zur gemeinsamen Verantwortung, wurde schließlich von den Bischöfen erhört. Das erste Treffen im Dezember 2010 war ein offener Austausch, aber man konnte nicht wirklich von einem Dialog sprechen. Vielleicht lag dies an den Themen: die 10 Vorschläge und der offene Brief des CIL, die keinen großen Enthusiasmus bei den Bischöfen ausgelöst hatten. Aber in Folge wurde vereinbart, einen strukturierten Dialog zu initiieren. Das folgende Treffen ein Jahr später im Dezember 2011 wurde als wirklicher Dialog, d. h. als ehrlicher Austausch und ein Zuhören, wahrgenommen.

Bei diesem Treffen äußerte Monseigneur Léonard, Erzbischof von Mecheln-Brüssel und Vorsitzender der Belgischen Bischofskonferenz, den Wunsch nach einer gemeinsamen Erklärung von Bischöfen und Laien zu den sozialen Folgen der Wirtschaftskrise. Nach einigen ertragreichen Treffen und unter Hinzuziehen des flämischen Laienverbandes IPB (Interdiocesaan Pastoraal Beraad) wurde der Aufruf "Für eine gerechte und lebenswerte Welt" gemeinsam verabschiedet (www.cil.be/images/stories/welt.pdf). Diese Einladung zur Solidarität drückte zunächst unsere Empörung angesichts der Mechanismen von Exklusion und Ausbeutung von immer mehr Menschen aus. Wir postulierten eine Ethik des Gemeinwohls und einen anderen Lebensstil. Jeder Einzelne persönlich, Zivilgesellschaft und Politik, jeder wird je nach seinen Möglichkeiten dringend zum Handeln aufgerufen.

Weitere Initiativen

Auch der IPB hatte in den vergangenen Jahren eigene Initiativen gestartet. Im Dezember 2011 lud der IPB an die Katholischen Universität Löwen (KUL) zu einem Treffen mit dem Titel "Kirche in Bewegung" ein. Mehr als 200 Personen, Bischof Léonard und alle flämischen Bischöfe nahmen teil. Während der Veranstaltung wurden zwei Studien vorgestellt: aus der einen resultierte, dass die Mehrheit der Gläubigen nur schwerlich die prekäre Lage der Kirche akzeptiert. Die zweite Studie – vom IPB in Auftrag gegeben und von der KUL realisiert – hatte das Miteinander in der Kirche heute und morgen zum Gegenstand. Die Studie offenbart die Schwierigkeiten der Kirche, intern Demokratie zu praktizieren – auch außerhalb der Orden gewisse demokratische Prinzipien anzuwenden – v. a. in ihren Beziehungen mit den Laien. Worte wie Mitverantwortung, Dialog, Teilhabe, gemeinsame Kommunikation, Transparenz, hinterlassen bei vielen Laien weiterhin einen bitteren Nachgeschmack. Einige Wortmeldungen von Bischöfen an diesem Tag geben jedoch Anlass zu einer gewissen Hoffnung. Wie Olivier Legendre schreibt: "Manchmal bedürfen wir der Krisen, um verlorengegangene Werte wiederzufinden."

Ermutigende Zeichen

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Beziehungen zwischen Amtskirche und Laienverbänden in Belgien bereits schwierigere Zeiten von Unverständnis und der Dialogverweigerung durchlebt haben. In beiden Laienverbänden besteht der Eindruck, dass heute wirklich der Wille, zuzuhören und Teilhabe zu ermöglichen, vorhanden ist. Hoffen wir, dass dies von Dauer ist!

Ein ermutigendes Zeichen in diese Richtung stellt auch die im Januar unter dem Titel "Das verborgene Leid" veröffentlichten Maßnahmen der Bischofskonferenz im Umgang mit Missbrauchsopfern dar. Es handelt sich hierbei um ein veritables Programm, das zum Handeln aufruft und als exemplarisch angesehen werden kann.

Nichtsdestotrotz plädiert der ehemalige geistliche Assistent des CIL, der Jesuit Paul Thion, für legitime Grenzüberschreitungen. Seiner Ansicht nach stellen diese keine neue Erscheinung innerhalb der Kirche dar und könnten vielmehr dazu beitragen, den Sinn des Evangeliums zu leben (s. Thions Buch "Das Evangelium befreien"). Er bestärkt damit das, was der CIL bereits in seinem offenen Brief gefordert hatte.

Das Schlusswort soll Monseigneur Rouet, Bischof em. von Poitiers, haben: "Das Nachdenken über die Kirche kommt allen gleichermaßen zu. Jedem muss es möglich sein können, zum Kirchenleben beizutragen, solange er auch bewusst wahrnimmt, was er wiederum von der Kirche erhält."

In diesem Sinne wird sich auch die Studienversammlung des Europäischen Laienforums Ende Juni in Wien mit der Frage beschäftigen: "50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil - Gläubige als Menschen der Kirche im Herzen der Welt und als Menschen der Welt im Herzen der Kirche".

 

 

 

 

Autor: Peter Annegarn, Präsident des französisch- und deutschsprachigen belgischen Laienverbands CIL, Präsident des Europäischen Laienforums (ELF)

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