Salzkörner

Donnerstag, 28. April 2016

Veränderungen tun nicht nur not, sondern gut

Fragen rund um die Weiterentwicklung des Religionsunterrichtes

"Wir müssen zusammenarbeiten, sonst geht es nicht mehr weiter." Im April 2014 zierte diese markante Überschrift eine Pressemitteilung des Deutschen Katechetenvereins (dkv) und der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Erzieher in Deutschland (aeed). Zur Diskussion steht die konzeptionelle und organisatorische Weiterentwicklung des Religionsunterrichts (RU) in Deutschland. Woher rührt der anklingende Handlungsdruck?

An einer Grundschule in einer westdeutschen Großstadt werden zu Beginn dieses Schuljahres 19 katholische, 10 muslimische, 18 konfessionslose und 6 evangelische Kinder eingeschult. Die Schule beschließt angesichts dieser Verteilung, im Widerspruch zu geltenden Vorschriften, die Einrichtung des RU im Klassenverband. Bei den Eltern findet diese Regelung große Zustimmung. Unter anderen Vorzeichen findet RU oft in den östlichen Bundesländern statt, wo die verschwindend geringe Anzahl katholischer Kinder die Einrichtung konfessionellen katholischen RU’s nicht zulässt. Im Raum Köln sind bereits heute die christlichen Schülerinnen gegenüber der Anzahl der muslimischen und sog. konfessionslosen SchülerInnen in der Minderheit. Gleichzeitig werden katholische Kinder in deutlicher katholisch geprägten Regionen Bayerns noch wie selbstverständlich im RU auf die Erstkommunion vorbereitet. Auch auf evangelischer Seite gibt es durchaus Regionen, in denen evangelischer RU weiterhin unproblematisch organisierbar ist. In großen Teilen der gymnasialen Schullandschaft ist die Erteilung konfessionell gebundenen RU’s der Normalfall, während im Berufsschulbereich RU im Klassenverband fast der Regelfall zu sein scheint, wenn er überhaupt stattfindet. So weit einige Schlaglichter auf die aktuelle Wirklichkeit des RU.

Legt man die aus Art. 7 Abs.3 GG resultierenden Regelungen zugrunde, findet der RU häufig in einer juristischen Grauzone statt. So dürfte es ihn eigentlich gar nicht geben, aber es gibt ihn schon seit Jahrzehnten so, und nichts deutet darauf hin, dass die Heterogenität abnimmt – im Gegenteil. Die Landschaft ist vielgestaltig-bunt, aber es braucht Landschaftspflege, damit die Früchte des RU gesund und schmackhaft bleiben.

Einschneidende demografische Veränderungen

"2020" hat sich zu einer Symbolzahl entwickelt. Spätestens dann, so zeigen unmissverständliche demografische Prognosen, werden im bundesweiten Durchschnitt, also nicht überall und gleichzeitig, aber unumkehrbar, weniger als 50 Prozent der Grundschulkinder christlich getauft sein. Mehr als die Hälfte Kinder gehören 2020 anderen Religionsgemeinschaften an oder sind im rechtlichen Sinne ohne Bekenntnis. Dies wird auch für heute noch eher geschlossenere konfessionelle Regionen gelten. Dass schon allein deshalb nicht einfach von der Weiterexistenz eines konfessionell homogenen RU’s ausgegangen werden kann, liegt auf der Hand. Jedenfalls kann das nicht die einzig zulässige Organisationsform bleiben, wenn die sog. Grauzonen beseitigt werden sollen. Doch nicht allein die sich ändernde zahlenmäßige Oberflächenstruktur erfordert Neuorientierung für das Fach. Genau betrachtet folgen die Zahlen ja viel bedeutsameren Veränderungen, die auf die Binnenstruktur des RU’s gravierende Auswirkungen haben.

Individualisierung – Pluralisierung – Entkirchlichung

Welchen Stellenwert haben Religion und Religiosität heute? Stimmt die These vom "Megatrend Religion" gesamtgesellschaftlich eigentlich? Wenn sie zutrifft, dann diffundiert Religion gleichzeitig in eine große Vielfalt von Aggregatzuständen hinein, die auch esoterischen und in einem eher säkularen Sinne spirituellen Dimensionen zugehören, die auf einem anderen Megatrend fußen: Individualisierung und Pluralisierung, die durch die jüngeren und jüngsten Migrationsströme noch einmal verstärkt werden. Multireligiosität und Multikulturalität gehen hier ineinander. Auf jeden Fall gehen diese Trends einher mit Entkonfessionalisierung und Entkirchlichung. Selbst dort, wo konfessionelle Unterscheidungsmerkmale bekannt sind, wird ihnen immer weniger Relevanz zugebilligt, und das gilt nicht nur für SchülerInnen, sondern auch für ReligionslehrerInnen. Religion wird zunehmend selbstthematisch und selbstreferentiell gelebt und ausgestaltet, oft nur fallweise und anlassbezogen auch im Kontext der verfassten Kirchen/Konfessionen. Lebensanschauungen werden zunehmend autonomer "gelebt", Institutionen und Traditionen sind weniger maßgebend. Selbst intrakonfessionell wird man von großer Heterogenität ausgehen müssen: Was man als KatholikIn glaubt und wie dieser Glaube lebenswirksam werden kann, wird zunehmend persönlich-privat entschieden. Die Relevanz der Glaubensgemeinschaft sinkt, nicht zuletzt die Relevanz der hierarchischen Verfasstheit. Die aus ehemals volkskirchlichen Strukturen stammenden Konturen des Religionsunterrichts brauchen nicht nur neuen Schliff, sie werden ein neues Profil benötigen.

Drängende Herausforderungen

Neben demografischen Veränderungen zwingen auch Probleme gesellschaftlicher und globaler Natur dazu, den RU zu profilieren: bedrückende Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche, ökonomische Ungerechtigkeit, die weiter aufklaffende Schere zwischen arm und reich selbst in einem prosperierenden Land wie Deutschland, unzureichende Bildungsteilhabe und -gerechtigkeit, umweltbedrohende und -zerstörende Aktivitäten, schwacher Wille und mangelnde Fähigkeit vieler Menschen, Andersartigkeit und Fremdheit zu akzeptieren und damit umzugehen, zunehmende Gewalt in "Wort und Werk". Diese Beobachtungen zwingen zu Fragen rund um die Weiterentwicklung des RU’s:

Was ist eigentlich sein Ziel? Hier scheint sich das Leitmotiv "Religiöse Bildung" in den Vordergrund zu schieben, aber was ist das? Muss es nicht ein Hauptziel des RU sein, SchülerInnen in die Lage zu versetzen, mit religiöser Pluralität und der eigenen Religionsfreiheit mündig umzugehen? Reicht es dann aus, sich um die Frage ökumenischer Zusammenarbeit im engeren Sinne, also evangelisch-katholisch, zu kümmern?

Wie soll sich der RU auf die Kinder und Jugendlichen einstellen, die keiner Bekenntnisgemeinschaft zugehörig sind? Wie muss ein RU als ein Angebot, das für alle offen wäre, aussehen? Zudem beschreibt in vielen Fällen die Konfession einer Schülerin, nicht selten auch der Lehrkraft lediglich die institutionelle Zugehörigkeit, aber nicht unbedingt auch innere Zustimmung.

Was hat es im RU mit der Konfessionalität auf sich? Bislang gilt für den katholischen RU grundsätzlich eine Dreierhomogenität (sog. Trias), der zufolge neben der Konfessionalität der Lehrperson und der Lerninhalte in der Regel auch die Zugehörigkeit der SchülerInnen zur katholischen Kirche gilt. Ist die Trias noch zukunftsweisend? Soll "Konfessionalität" eine didaktische Größe sein? Was wären dann bekenntnishafte Aspekte? Ist es nicht an der Zeit, konfessionelle Kooperation überall zum Prinzip zu machen? Geschieht Kooperation nur aus Not oder aus Tugend und Überzeugung? Welche Formen konfessioneller Kooperationen sollen ausgebaut werden? Wird es nicht notwendig sein, von der Vorstellung einer für den RU in ganz Deutschland geltenden Gestalt Abstand zu nehmen und regionale, kontextbezogene Lösungen zu ermöglichen?

Wie wichtig ist die Grenzziehung zwischen religionskundlichem und bekenntnisorientiertem RU? Die religionspädagogische Diskussion betont derzeit die Differenzsensibilität hinsichtlich eines konfessionell-kooperativen RU’s. Die Eigenarten der Konfessionen sollen nicht verwischt werden. Jedoch: Wie wichtig sind die konfessionellen Unterschiede für den schulischen RU, der dem Ziel religiöser Bildung dient? Wie gravierend werden diese Unterschiede eigentlich erlebt?

Wie kann zunehmende ökumenische Kooperation in Studium und Fortbildung der künftigen Religionslehrkräfte verbindlichen Platz gewinnen? Der RU befindet sich in einer der spannendsten Phasen seiner Geschichte. Ob er die Wertschätzung, die er in einem hohen Maße besitzt, behält, hängt davon ab, wie sehr sich diejenigen, die den RU, gleich auf welcher Ebene, gestalten und verantworten, mutig und in die Zukunft schauend den Erfordernissen stellen. Es ist gut, wenn diese Diskussion an vielen Orten geführt wird, wenn sich viele, quasi wie Salzkörner, einmischen.

 

 

 

 

 

 

Autor: Michael Wedding Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Katechetenvereins (dkv) – Fachverband für religiöse Bildung und Erziehung, Bischöfliches Generalvikariat Münster

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