Salzkörner

Donnerstag, 12. Mai 2011

Vom entscheidend Katholischen

Versuch einer Zustandsbeschreibung zwischen Memorandum, Petition und einer Dialoginitiative, die noch um ihre Themen ringt
Ein Riss geht durch die katholische Kirche in Deutschland. Der Streit um die Interpretationshoheit des Katholischen wird ebenso medienöffentlich wie medienwirksam ausgetragen.

Hierzulande wurde das Memorandum "Kirche 2011 – ein notwendiger Aufbruch" meist als Anhang der im selben Zeitraum erneut aufgebrochenen Zölibatsdebatte wahrgenommen. Daher fällt es nicht leicht, hinter den streitbaren und im Einzelnen sicher auch bestreitbaren Reformvorschlägen das eigentliche Profil des Memorandums sichtbar zu machen.

Memorandum: Ein seismisches Alarmsignal

Es ist ein seismisches Alarmsignal für jene tektonische Verwerfung, die sich seit längerem unter der Oberfläche der katholischen Kirche aufgebaut hat. Für viele Gläubigen in Deutschland äußert sie sich in einer spürbar wachsenden Diskrepanz von Lebenswelt, Glaube und Kirche. Diese ist zunächst dem geschuldet, was man als "Gotteskrise" bezeichnet.

In der Moderne ist der Raum für Gott eng geworden.
Denn Gott als "Lückenbüßer" ist heute zu Recht überflüssig geworden. Die hier deutlich werdende Fremdheits- und damit zugleich Freiheitserfahrung des Glaubens ist eine unaufhebbare; sie ist identisch mit der Grundsignatur des Glaubens in der Moderne, der durch die neuzeitliche Religionskritik hindurchgegangen ist. Auch für Glaubende gilt es, in der Welt zu leben "etsi deus non daretur" (Dietrich Bonhoeffer).

Das Memorandum kann und will daher sicher kein "Arbeitsprogramm" sein, mit dem man Kirchen wieder füllt, aber es ist ein Reformprogramm für den "harten Kern", der der Kirche vor Ort ein Gesicht gibt in ihrem Ringen um ein glaubwürdige Verkündigung gerade angesichts dieser Herausforderungen der Moderne. Damit zur metaphysischen Heimatlosigkeit der Gotteskrise nicht auch noch ein ekklesiales Exil hinzukommt. Dazu ist eine kritische Zeitgenossenschaft angebracht, sodass – so der Innsbrucker Theologe Roman Siebenrock – "unsere Gemeinden und unsere Kirche als Ort der Kultivierung von Wahrheit, Freiheit und Würde erkennbar werden." Daher müsste, so Siebenrock weiter, das Memorandum "nicht spalten, sondern [es] stellt eine Option von Katholizität dar, die wert ist, gehört und gewürdigt zu werden. […] Die Optionen sind weder radikal noch erstaunlich, sondern würden – wenn sie verwirklicht würden – die selbstverständlichen Strukturmerkmale einer wirklichen 'Communio-Ekklesiologie' darstellen. […] Auch sehe ich darin keine Unkirchlichkeit, sondern im Gegenteil, eine tiefe Sorge um die Kirche als entscheidende Motivation. […] Sachlich gesehen halte ich das Memorandum […] für ausgeglichen, moderat, in vielen Fragen für konkrete Ausgestaltung offen und von einer tiefen Sorge um die Zukunft der Kirche geprägt: Eine profilierte Position für den Dialog!"

Petition: Signatur der Exklusion

Dennoch hat diese Initiative ein sehr diskursives Echo ausgelöst, das insbesondere im Internet erscholl.
Fast augenblicklich haben hier unterschiedliche "konservative" Gruppierungen in ihrer Kritik am Memorandum kübelweise Häme über deren Verfasser ausgegossen. Über den Stil dieser Kommentare dürfte man eigentlich kein weiteres Wort verlieren. Indes entscheidet sich an scheinbaren "Stilfragen" doch Grundsätzliches. Wenn die "Petition pro Ecclesia" sich als explizite "Gegeninitiative" verortet, so starke Geschütze wie "Verzerrung", "Unredlichkeit", "Irreführung" und "Täuschung" zur Kennzeichnung ihrer Kontrahenten auffährt und mit einer Attitüde des Bekenntnishaften auftritt, wird sie sich am Ende genau daran messen lassen müssen.

Mich hat die Petition daher mit einer gewissen Ratlosigkeit zurückgelassen. Zum einen stellt sich die Frage: Kann nach zwei Jahren Krise der katholischen Kirche in Deutschland, die bisher ungekannte Ausmaße angenommen hat, die einzige Antwort lauten: "Weiter so wie bisher"? Zum andern sind es weniger die Inhalte der "Petition pro Ecclesia" als ihre Sprache, die mich aufhorchen lassen. So endet die Petition, auch wenn sie von – eher pflichtschuldig denn wirklich überzeugt anmutenden – Solidaritätsbekundungen an Bischöfe und Papst begleitet wird, in einer seltsam konturlosen, wenngleich emphatisch vorgetragenen Aufzählung von Selbstverständlichkeiten.

Was aber verbirgt sich hinter der immer wieder durchscheinenden angestrengt-konfessorischen Rhetorik einer "unaufgebbaren Identität" des Katholischen, die nach Eindeutigkeit und Abgrenzung ruft? Identität gewinnt hier ihr Profil dadurch, dass sie andere ausschließt, sich abgrenzt: als das entscheidend Katholische wird nur das unterscheidend Katholische definiert. Was hier zu Identitäts-Marken stilisiert und mitunter metaphysisch aufgeladen wird, trägt von vornherein die Signatur der Exklusion in sich – sei es das Thema Zölibat oder die Exklusivität bestimmter Frömmigkeitsformen, sei es eine hierarchische Konturierung von kirchlichen Strukturfragen, die einen Hauch von Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies des Sakralen verbreitet.

Im Zeichen antimodernistischer Affekte

Der risikobesetzten Komplexität einer modernen, pluralen und säkularen Gesellschaft wird hier das Ideal einer abgeschotteten Sicherheit unter Gleichgesinnten entgegengesetzt und die dramatischen Veränderungsprozesse der Individualisierung und Pluralisierung werden durch Uniformisierung und eine exkludierende Profilierung zu "bewältigen" versucht. So wird aus der Tatsache, dass das in der Welt und mit der Welt Agieren der Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil auch zu einer "Schleifung der Bastionen des Katholischen" geführt hat, ein neuer antimodernistischen Affekt. Er richtet eine grundsätzliche Differenz von Kirche und Welt erneut zum Schibboleth des "wahrhaft Katholischen" auf. Man begreift sich daher als bewusste Opposition zu jener Option der Öffnung des Katholischen, für die das Memorandum steht, und die man als "Anbiederung an den Zeitgeist", Indifferenz und drohende Selbstsäkularisierung des Katholischen deutet.
An der Unversöhnlichkeit beider Ansätze wird kaum gezweifelt.

Räume schaffen, in denen gesprochen wird

Timothy Radcliffe, ehemaliger Ordensmeister der Dominikaner, hat beide Optionen einmal treffend als spiegelbildliche Reaktionen auf die gleiche Erfahrung der Entwurzelung in der späten Moderne beschrieben. In einem Anfall von Euphorie und Optimismus hatte sich die katholische Kirche während und nach dem Konzil der Moderne geöffnet und sie mit offenen Armen angenommen zu einem Zeitpunkt, an dem diese sich selbst nicht mehr über den Weg traute. Es kommt in der Folge zu einem doppelten Heimatverlust der Glaubenden, der bis heute nicht überwunden ist. An der Frage, wie darauf angemessen zu reagieren sei, scheiden sich die Geister und etablieren sich die gegensätzlichen Identitäten. Da Radcliffe politische Zuweisungen wie liberal und konservativ, progressiv und traditionalistisch für unangemessen hält, hat er beide Antwortversuche mit dem Programm zweier nachkonziliar entstandenen Zeitschriften – "Concilium" und "Communio"– identifiziert: "Kingdom Catholics" und "Communion Catholics". Ihre beiden Grundprinzipien "öffnende Integration" bzw. "abgrenzende Identität" stehen in einer unaufgebbaren und unaufhebbaren Dialektik zueinander.

Dennoch gehören, so Radcliffe, beide Optionen zur spannungsvollen Dynamik der einen Kirche. Ein entscheidender Fehler wäre es, hier die Differenzen verschweigen zu wollen. Im Nichtaussprechen steckt die eigentliche Gefahr für die Kirche, im Nichts-Sagen und Schweigend-etwas-anderes-Denken. Die Freiheit der Kinder Gottes sieht anders aus – so Radcliffe. Und daher verbindet er diese Feststellung mit der Forderung, Räume zu schaffen, in denen die unterschiedlichen Meinungen offen ausgesprochen und der darüber notwendige Streit ebenso offen ausgetragen werden kann. An dieser Fähigkeit zum Gespräch wird sich entscheiden, ob wir noch eine Kirche sind. Denn erst dort, wo der wohlwollende Streit, das sich gegenseitig Aneinanderreiben und Abarbeiten und damit auch die ständige Herausforderung des Eigenen durch das Andere zur Selbstverständlichkeit wird, ist eine umfassende, eben "katholische" Sicht der Dinge möglich. Das zu erkennen ist freilich eine Tugend, die in der katholischen Selbstwahrnehmung erst wieder zu erlernen wäre.

Autor: Prof. Dr. Johanna Rahner Institut für Katholische Theologie, Universität Kassel

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