Salzkörner

Dienstag, 28. Februar 2017

Von Abba bis Zorn Gottes

Internationale Gruppe jüdischer und christlicher Wissenschaftler erklärt das Judentum

Im Auftrag des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) wurde ein Buch verfasst, von dem bei guter Verbreitung (Auflage 2500) aufklärerische Wirkung in der Kirche, bei in der Pastoral Tätigen, Katechetinnen, ReligionslehrerInnen und allen interessierten Katholiken zu erwarten ist. Von der Deutschen Bischofskonferenz, der Waldenfels-Born-Stiftung, der Buber-Rosenzweig-Stiftung und dem ZdK unterstützt, wurden von 34 AutorInnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich 58 Schlagwörter bearbeitet, die nach wie vor – unterschwellig – Judenfeindliches tradieren. "Von Abba bis Zorn Gottes, Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen" erscheint im Februar dieses Jahres.

Seit das Zweite Vatikanische Konzil 1965 nach dem Schrecken der Schoa die geistliche Verbundenheit "mit dem Stamme Abrahams" (Nostra aetate 4) erkannt und bekräftigt hat, hat sich im Verhältnis zwischen Christen und Juden vieles verändert. So kam es in vielen Teilen der Welt zu fruchtbaren Gesprächen und wissenschaftlichen Anstrengungen im Geist des Dialogs. Über Jahrhunderte falsch gelesene Bibelstellen erschienen in neuem Licht; Verzeichnungen der "Anderen" konnten geradegerückt werden; und die Einsicht, wie die Geschichte aus Macht, Gewalt und Verfolgung nicht nur das Miteinander zwischen Juden und Christen vergiftete, sondern auch zu irrigen theologischen Vorstellungen führte, eröffnete neue Wege der Verständigung. In kurzer Zeit füllten die neu gewonnenen Erkenntnisse ganze Fachbibliotheken.

Jüdisch-christliche Forschungserkenntnisse – knapp und verständlich

Allerdings blieb die Freude am gemeinsamen Entdecken und Lernen meist auf die direkt Beteiligten an solchen Dialogen begrenzt. Nur wenig von den Erträgen ist bislang an der christlichen Basis, in den Gemeinden angekommen. Sei es, weil Pfarrer, PastoralassistentInnen und ReligionslehrerInnen einfach nicht die Zeit haben, die umfangreiche Forschungsliteratur zum christlich-jüdischen Verhältnis zu studieren; sei es, weil interessierte Laien oft genug vor komplexen wissenschaftlichen Abhandlungen kapitulieren müssen. Und so bestehen zahlreiche Irrtümer über das Judentum unter Christen weiter fort. Nicht weil diese an den neuen Erkenntnissen kein Interesse hätten, sondern weil sie einfach keinen Zugang zu den nötigen Informationen haben. "Das wollen wir ändern!", sagten wir vor ungefähr drei Jahren im Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK.

Wir wollen einige der wichtigsten Erkenntnisse aus jüdisch-christlichen Forschungen auch für interessierte Nichtfachleute und vielbeschäftigte Gemeindemitarbeiter in knapper und verständlicher Form zugänglich machen. Für BibelleserInnen und Bibelkreise, die Hintergründe kennenlernen wollen, für KatechetInnen Katecheten, Pfarrer und LehrerInnen, die Predigten oder Unterricht vorzubereiten haben. So entstand dieses Buch: als eine Sammlung von kurz gefassten Stichwörtern aus Gebieten, in denen Judentum und Christentum einander berühren. Jedes Stichwort erläutert die Irrtümer, die sich oft hinter einem Begriff verbergen, analysiert, was wirklich dahinter steckt, und entfaltet Perspektiven für eine neue, respektvollere Lektüre. Wir hoffen, dass dieses Buch ein Begleiter für das Bibelstudium sein kann und dass es für alle, die im aufreibenden Alltag der Verkündigungspraxis und des Unterrichts stehen, einen festen Platz auf dem Schreibtisch bekommt. Damit sich etwas vom Befreienden der jüdisch-christlichen Verständigung weiter herumspricht.

Entstehungsprozess im Dialog

Die Texte haben alle einen längeren Prozess der Entstehung hinter sich. Anerkannte Fachleute – aus dem Gesprächskreis "Juden und Christen", aber auch aus anderen Zusammenhängen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – verfassten zunächst erste Versionen zu den verschiedenen Stichwörtern. Von den Herausgebern auf gute Verständlichkeit und Kürze überprüft und gegebenenfalls überarbeitet, wurden sie dann mehreren jüdischen und christlichen Mitgliedern des Gesprächskreises zur Durchsicht und Kommentierung vorgelegt. Die Kommentatoren trugen in die Texte ein, was ihnen fehlte, und merkten an, was aus ihrer Sicht anders gesagt oder anders gesehen werden müsste. Die Herausgeber versuchten dann, diese Anmerkungen in die Stichwörter aufzunehmen und so neue lesbare Versionen zu erstellen. Manchmal mussten auch zusätzliche Einschätzungen eingeholt werden, um bei Unklarheiten voranzukommen. Den ursprünglichen Plan, den Namen des Autors am Ende des Stichworts anzugeben, mussten wir fallen lassen: Kein Stichwort hat nur einen Autor, überall haben fünf oder mehr Personen mitgewirkt.

Alle Texte veränderten sich in diesem Prozess – ausnahmslos. Die unterschiedlichen kritischen Blicke von Christen und Juden hinterließen Spuren, die die Texte reichhaltiger und genauer machten. Ein Konsens entstand dabei aber nicht. Das liegt in der Natur der Sache: Die Auseinandersetzung mit der Bibel und den Traditionen, die daraus entstanden sind, ist nicht einfach auf dem Weg der Diskussion oder des Beschlusses zu einem Abschluss zu bringen. Immer wieder tauchen neue Aspekte auf; immer wieder werfen Entwicklungen der Gegenwart ein anderes Licht auf jahrtausendealte Schriften. Und niemand – nicht im Gesprächskreis "Juden und Christen" noch anderswo – hätte die Autorität, den definitiven Sinn eines biblischen Textes festzulegen. Die Auseinandersetzung mit den heiligen Schriften ist ein offener Prozess; er wird niemals abschließbar sein. In diesem Buch sind also keine autoritativen Stellungnahmen eines offiziellen jüdisch-christlichen Gremiums zu finden – es handelt sich vielmehr um Zwischenergebnisse aus Dialogen von Juden und Christen. Nach dem Erscheinen dieses Buches geht die Diskussion weiter. Neugier auf andere Auffassungen ist allemal vielversprechender als der Drang zur Einmütigkeit.

Aktuelle Situation

Wir stehen bis heute im Wirkungsfeld der etwa 17 Jahrhunderte währenden christlichen Judenfeindschaft, und oft genug wiederholen wir Christen selbst ihre Versatzstücke, meist ohne es zu ahnen und zu wollen! Wenn das Buch hier einigen Lesern Aha-Effekte beschert und zu genauerem Hinsehen anregt, sind wir schon glücklich. Nicht alle Leser haben genügend Zeit und Energie, allen Differenzierungen der wissenschaftlichen Diskussion nachzugehen; sie wollen aber trotzdem etwas lernen und mehr verstehen. Ihnen fühlten wir uns in besonderem Maße verpflichtet. Wir hoffen darum, dass die Lektüre dieses Buches nicht nur eine Zumutung neuer und ungewohnter Sichtweisen ist, sondern auch das Vergnügen des Lernens und der Horizonterweiterung bereitet.

Für viele der an den christlich-jüdischen Gesprächen Beteiligten war nach dem Entsetzen über die Schoa, dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden, die Motivation ausschlaggebend, dass mit aller Kraft an einer neuen Ära des Respekts und der Verständigung zwischen Christen und Juden gearbeitet werden müsse. Dabei bleibt es auch in Zukunft. Dennoch gilt es einem Missverständnis vorzubeugen: Nicht wegen des nationalsozialistischen Massenmordprogramms sollen oder dürfen heute bestimmte Dinge über das Judentum nicht mehr gesagt werden – sondern einfach, weil sie falsch sind. Gottesmordvorwürfe und Rachegottphantasien sind nicht erst heute Unsinn, sondern waren es immer. Die Schoa verpflichtet uns alle zur Achtung vor den Ermordeten und zur Solidarität mit ihren Angehörigen und Nachkommen. Aber Redlichkeit und intellektuelle Aufrichtigkeit verpflichten Christen – nicht erst heute – zu einer ehrlichen Lektüre ihrer heiligen Schriften und zum Widerspruch gegen Verzerrungen und Verleumdungen des Judentums.

Veränderungen sind möglich! Vor Jahrhunderten machte sich die christliche Theologie noch ernsthaft Gedanken darüber, ob Frauen eine Seele hätten oder ob die Ureinwohner der europäischen Kolonien wirklich Menschen seien. Solche Erwägungen erscheinen uns heute völlig absurd. Unser Traum geht dahin, dass die Verachtung, die Ressentiments und der Hass gegenüber Juden uns in nicht allzu ferner Zukunft ebenso fremd vorkommen mögen. Wir wünschen anregende Lesestunden.

 

 

Autor: Dr.Paul Petzel Gymnasiallehrer für Religion und Kunst Dr. Norbert Reck freiberuflicher Publizist und Übersetzer Mitglieder im Gesprächskreis "Juden und Christen" beim ZdK und Herausgeber des Buches

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