Salzkörner

Montag, 11. Juli 2011

Von Schafen und Hirten

Zum Verhältnis von Laien und Priestern

In diesen Tagen beginnt in Mannheim mit der Auftaktveranstaltung "Im Heute glauben – wo stehen wir?" der von der Deutschen Bischofskonferenz beschlossene Gesprächsprozess über den Glauben und die Zukunft der Kirche. Teil des weiteren Prozesses ist der in der Gemeinsamen Konferenz von ZdK und Deutscher Bischofskonferenz vereinbarte Dialog über das Verhältnis von Laien und Priestern in der Kirche. Stefan-B. Eirich, Rektor im ZdK und Mitglied in der diesen Dialogprozess vorbereitenden Arbeitsgruppe, legt hierzu einige grundsätzliche Überlegungen vor.

Längst hatte ich die freche Spruchkarte nach dem dritten Umzug innerhalb weniger Jahre für verloren geglaubt – nun ist sie mir wieder tägliche Mahnung. Freunde hatten sie mir zu meinem Dienstantritt als Geistlicher Leiter eines Bildungshauses am bayrischen Untermain geschenkt, und seither hat sie mich als Pfarrer, dann als Stadtdekan von Aschaffenburg und als Rektor des dortigen Martinushauses begleitet. Ihre Botschaft gilt auch dem Rektor im ZdK: "Bei Licht besehen sind Leithammel auch nur Schafe".

In unverschämter Direktheit fordert sie mich dazu auf, als "Hirte" meine Rolle immer wieder auf bequeme Einseitigkeiten hin zu überprüfen und darüber hinaus grundsätzlich über die vermeintlich ewige Aufgabenverteilung im Volk Gottes zwischen "Hirten" und "Schafen" nachzudenken. Stutzig sollte ich bereits bei einem Blick in die Heilige Schrift werden. Was dort mit "Herde" respektive "Schafen" gemeint ist, darüber herrscht kaum Dissens. Hinsichtlich des Hirten liegt eine erste Problemanzeige vor: Die Evangelien sprechen vom "Guten Hirten" nur in der Einzahl und beziehen dieses Bild auf Gott beziehungsweise auf Jesus Christus. Trotzdem hat sich mit dem Ende des ersten Jahrhunderts schon sehr früh für das kirchliche Leitungsamt das Bild des Hirten etabliert (vgl. Eph 4 und Joh 21).

Bildworte

Die richtigen Schwierigkeiten beginnen dort, wo in Vergessenheit gerät, dass es sich beim "Hirten" genauso wie bei den "Schafen" um Bildworte handelt. Hieraus resultiert dann beispielsweise das Problem, dass sich ein Kirchenhirte zu sehr über seinen Führungsanspruch definiert und das Wohl und Wehe der Herde seinem Herrschaftswissen unterliegt. Aber nachfolgend geht es vor allem um die Chancen für eine Weiterentwicklung des Hirtenverständnisses, die ein Abgleich von Bild und Realität bieten kann.

Hirtenarbeit

Ein guter Freund und römischer Studienkollege hatte auf seinen zahlreichen Reisen und Weitwanderungen durch entlegene Gebiete Südosteuropas und des Orients schon oft Gelegenheit, wirkliche Hirten bei ihrer Arbeit zu begleiten und mir vielfach darüber berichtet. Die wichtigste Erkenntnis, die ich hierbei gewonnen habe, ist die, dass der Hirte seiner Herde normalerweise nicht vorangeht, sondern immer hinterher.
Der Herde voranschreitende und ihre Richtung bestimmende Hirten gibt es nur zweimal: zum einen den göttlichen Hirten in der Heiligen Schrift; zum anderen im Extremfall Wüste, wo die Herde offenbar auf das überlieferte Orientierungswissen des Hirten angewiesen ist. Aber die Funktion des göttlichen Hirten ist einmalig und die Wüste nicht der Normalfall für eine Herde.
Hirten versichern jedenfalls auf laienhafte Fragen nach ihrer "Leitungsaufgabe" lachend, dass ihre Tiere in aller Regel schon selbst wüssten, wo sie das beste Futter fänden; zumindest gebe es in jeder Herde einige dafür besonders begabte Leittiere, denen die anderen dann folgen. Die Aufgabe der Hirten besteht also gerade nicht darin, Wege und Tempo der Herde zu bestimmen. Sie treten vielmehr erst gegen Abend in Aktion, wenn es gilt, die Herde vor dem Einbruch der Nacht rechtzeitig zu sammeln und in die sicheren Gehege heimzurufen. Ansonsten versuchen die Hirten lediglich, die Herde so zu koordinieren, dass sie sich nicht allzu weit verstreut. Denn es gibt immer ein paar Tiere, die für Irritation sorgen, weil sie beinahe notorisch andere Wege suchen als die erfahreneren Leittiere. Am schwierigsten ist der Umgang mit den langsamen Tieren: jene, die aus Krankheit oder Schwäche nicht mithalten können; sowie jene, die einfach faul und träge sind und nicht mit der Herde weiterziehen wollen, weil sie sich lieber mit den alten Futterplätzen begnügen – die brauchen ab und zu einen Tritt. Denn jeder gute Hirte weiß: Eine Herde darf nie zu lange am selben Platz weiden, weil sie sonst die eigenen Ausscheidungen mitfräße und davon krank würde.

Perspektivwechsel

Was könnte das für unsere Kirche in einer Krisenzeit, die von den ebenso zaghaften wie zerbrechlichen Hoffnungen auf den Dialog zwischen "Hirten" und "Schafen" geprägt ist, bedeuten? Was heißt dies für die katholische Kirche als ganze und ihr Bekenntnis zur eigenen Erneuerungsbedürftigkeit, was für die Katholiken in Deutschland, die 2012 in Mannheim "einen neuen Aufbruch wagen" wollen? Welche Auswirkungen hätte es auf das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der so genannten "Laien", wenn die "Hirten" wie im wirklichen Leben den besten "Riecher" für gute, Leben spendende Nahrung in aller Gelassenheit ihrer Herde zugestehen könnten?

Würde es kirchliche Amtsträger nicht enorm entlasten und ihr Hirtenamt "lebbarer" machen, wenn sie es vom Kerngeschäft der echten Hirten her verstünden: nämlich immer wieder auf die Weideplätze, d. h. in die verschiedenen Lebensumfelder der ihnen anvertrauten Menschen zu gehen und ihre Stimme hören zu lassen – aber nicht, um den Menschen voranzugehen und ihnen mit Exklusivität zu sagen, wo’s lang geht und was sie zu ihrem Glück brauchen, sondern einfach, um sie immer wieder zusammenzurufen und mit der Botschaft des Evangeliums daran zu erinnern, in welcher Richtung es ein Zuhause gibt? Könnten sie nicht auf der Grundlage eines gelassenen Leitungsverständnisses mit größerem Gottvertrauen darauf achten, dass sich wirklich alle Tiere der Herde nach einem individuell zuhöchst unterschiedlichen Tag am abendlichen Sammelplatz wiederfinden: die schnellen neben den langsameren, die wagemutigen neben den bodenständigen, die schwarzen Schafen neben den weißen. Ganz davon abgesehen, dass die "Hirten" nun mehr Zeit hätten, sich dem Teil der Herde zuzuwenden, der ihrem Blick schon lange entschwunden ist. Theologisch gesehen verbirgt sich hinter diesen Fragen nichts anderes als die Erkenntnis, dass, je ernster man den Laien, seine ureigene Berufung zur Heiligkeit und sein in der Taufe begründetes unverwechselbares Apostolat sowie seinen "Glaubensriecher" nimmt, sich desto problemloser die Identität der "Hirten" erschließt. Sie besteht im Kern in der lebendigen Vergegenwärtigung des einen wirklichen Hirten als dem elementaren Dienst an der Würde und Berufung der "Schafe".
Worin lägen die Konsequenzen für die "Schafe"? So viel sei stellvertretend für viele andere Überlegungen angedeutet: der in Teilen der Herde zu beobachtende Hang, Hirten zu lebensbestimmenden Kultfiguren mit umfassender Autorität zu stilisieren, bedürfte dringender denn je einer kritischen Überprüfung. Bedenklich scheint freilich genauso ein reines Versorgungsdenken nach dem Motto "der Hirte wird’s schon richten". Umgekehrt sind jedoch "Hirten" in den Blick zu nehmen, die diese Tendenz im Sinne der eigenen Selbststilisierung fördern bzw. ihr autoritatives Selbstverständnis den ihnen anvertrauten "Schafen" regelrecht aufnötigen.

Gemeinsamer Gestaltungsauftrag

Es geht um ein völlig neues Verhältnis von "Schafen" und "Hirten", von Getauften, Gefirmten, Gesendeten und Geweihten! Die (wieder)entdeckte Kompetenz der "Schafe" verstand und versteht sich bis heute nicht als Konkurrenz zum klassischen Hirtenverständnis. Anstatt eines Ringens um Machtverteilung mit der Gefahr klerikaler Fixierungen auf beiden Seiten muss endlich ein Bewusstsein für den gemeinsamen Gestaltungsauftrag in der Kirche um sich greifen! An die Stelle der überkommenen Bilder von "Hirten" und "Schafen" könnte dann die Vision einer katholischen Kirche als weltumspannende Gemeinschaft glaubender Menschen treten, die Ämter und Aufgaben in ihren Reihen als Aufträge füreinander begreifen, nach außen hin aber zusammen als Helfer für die Menschen handeln.

Autor: Stefan-B. Eirich Rektor im ZdK

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