Salzkörner

Donnerstag, 28. März 2013

Vor der Armut fliehen – in Europa

Eine Herausforderung auch für die Zivilgesellschaft

 

Dass Menschen fliehen, um extremer Armut zu entkommen, verbinden wir mit Bildern vom Horn von Afrika oder der Sahel-Zone. Aber europäische Armutsflüchtlinge bei uns? In einigen Großstädten wird zunehmend beobachtet, dass insbesondere aus den neuesten EU-Mitgliedsländern, Bulgarien und Rumänien, neben der – in der EU üblichen – Arbeitnehmer- und Studierendenmigration, der Zuzug armer Bevölkerungsgruppen, meistens Romafamilien, stark angestiegen ist.

 

Woran liegt das? Im Caritas-Magazin "Sozialcourage" wird berichtet, wie sich einige Mitarbeiter/-innen der Caritas, des Männerfürsorgevereins und der Malteser-Migranten-Medizin aus München im September 2012 auf den Weg nach Bulgarien gemacht haben. Sie wollten besser verstehen, warum die Menschen, die sie in München auf der Tagelöhnermeile, bettelnd oder in der Obdachlosenszene kennen gelernt hatten, ihre Heimat verließen. Besucht wurden die Städte, aus denen die meisten der nach München gekommenen Roma stammten. Die Kundschafter erlebten dort eine Arbeitslosigkeitsrate von 90 %, nachdem die Textil- und Schuhindustrien im letzten Jahrzehnt nach China weitergezogen und für einfache Arbeiter damit keine Verwendung mehr war. Sie erlebten Wohnsituationen, wo das Wasser rationiert war, die Kanalisation nicht funktionierte, kein Strom zur Verfügung stand. Die Perspektive vieler Menschen: "Im Winter erfrieren wir hier sicher, also werden wir versuchen, in München zu überleben."

(Über-)Leben in katastrophalen Verhältnissen

Im Unterschied zu Flüchtlingen aus den Roma-Minderheiten in Serbien oder Mazedonien, die in Westeuropa eine Lebensperspektive suchen, aber ganz oft wieder in die Herkunftsgebiete abgeschoben werden (einige Bundesländer haben dies angesichts der Elendssituation dort zumindest für die Wintermonate ausgesetzt), gilt für Bürger von EU-Ländern die Reisefreiheit. Das gilt natürlich auch für Roma als Angehörige der mit etwa 11 Millionen Menschen größten, transnationalen europäischen Minderheit. Da erst im Jahr 2014 für Menschen aus Bulgarien und Rumänien die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU eintritt, müssen diese heutigen Zuwanderer entweder von einem selbständigen Gewerbe oder aber mit Schwarzarbeit überleben – beides geht oft ineinander über. Die Wohnverhältnisse sind vielerorts katastrophal: mit mehrfach überbelegten Wohnblocks und Wuchermieten in die Taschen dubioser Hausbesitzer. Mangels Krankenversicherungen ist die Gesundheitsversorgung oft ungelöst und aufgrund fehlender Deutschkenntnisse die Verständigung – auch, was z. B. die hiesigen Selbstverständlichkeiten von Schulbesuch bis Müllabfuhr angeht – kompliziert. Schlepper, "Stellenvermittler"– mit falschen Versprechungen – und "Dolmetscher" – die sich das Ausfüllen von Formularen gut bezahlen lassen – profitieren kräftig von der Situation.

 

Der Deutsche Städtetag hat im Januar dieses Jahres eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er eine Überforderung der Kommunen beklagt und Unterstützung durch Länder und Bund einfordert, um zumindest den Schulbesuch der Kinder und Jugendlichen, tragbare Wohnverhältnisse und eine Basis-Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

Handlungsfelder

Wo könnten Handlungsmöglichkeiten für uns in unseren zivilgesellschaftlichen Bezügen bestehen? Antiziganismus, also Vorurteile und Ablehnung gegenüber Sinti und Roma, sind in den europäischen Gesellschaften noch deutlich feststellbar. In Deutschland haben wir mit dem Antiziganismus besonders schreckliche Erfahrungen und sollten eigentlich ein Gespür dafür entwickelt haben, wenn trotz aller Erfahrungen eines selbstverständlichen gemeinsamen Lebens sich alte Vorurteile wieder bemerkbar machen. Dass Roma insbesondere in Südosteuropa oft gleichzeitig aus den Mehrheitsgesellschaften heraus abgelehnt werden und sich selbst abschottend nach vormodernen Mustern leben, verschärft die soziale Problematik. Um diese Marginalisierung aufzubrechen, braucht es also nicht nur wirtschaftlich-soziale, sondern auch interkulturelle Anstrengungen. Die Fähigkeit und Bereitschaft, kulturelle Unterschiedlichkeit wahrzunehmen, auszuhalten und vermittelnd damit umzugehen, ist daher besonders notwendig.

 

Natürlich gilt es immer an erster Stelle, Fluchtursachen zu bekämpfen. Die Münchener Kundschafter haben auch eine Stadt kennen gelernt, wo ein junger Bürgermeister, selbst ein Rom, Investoren fand und so für neue Arbeitsplätze, Bildungsmöglichkeiten und damit Perspektiven vor Ort sorgte.

 

Der Diskriminierung der Roma entgegenzuwirken, ist im Europäischen Parlament ein Thema, es gibt auch einsetzbare Fördermittel – aber vielleicht denken wir in Europa zu wenig daran, die Erfahrungen aus der weltweiten Entwicklungsarbeit auch in unserem Kontinent anzuwenden und nicht Entwicklung für andere zu konzipieren, sondern Bedingungen zu fördern, in denen Menschen ihre eigene Entwicklung vorantreiben können. Dafür sind staatliche Strukturen oft nicht die geeignetsten Akteure. Gibt es zivilgesellschaftliche Ansätze vor Ort, die hier weiterhelfen? Gibt es gute Beispiele, von denen etwas gelernt werden kann? Was für eine Rolle übernehmen die christlichen Kirchen, gibt es hier einen Austausch? Auf alle Fälle ist es notwendig, die öffentliche Aufmerksamkeit für Probleme und Lösungsmöglichkeiten in den Herkunftsgebieten der Roma auch in den Gesellschaften Westeuropas wachzuhalten.

 

In einigen Städten bei uns gibt es Runde Tische, wo verschiedene Akteure versuchen, ihre jeweiligen Möglichkeiten im Interesse der neuen und alten Einwohner zusammenzuführen. Es geht ja darum, Zuwanderern dabei zu helfen, sich in einer neuen Umwelt zurechtzufinden, deren Codes, übliche Verhaltensweisen und Kommunikationssignale, aber auch deren rechtliche Regeln, Institutionen, Umgang mit staatlichen Behörden zuerst einmal unbekannt sind. Viele der alltäglichen Selbstverständlichkeiten unterscheiden sich – ein bezeichnendes kleines Beispiel war, als Altansässige sich deutlich missbilligend beschwerten, dass die Kinder ihrer neuen Nachbarn noch im Dunkeln draußen spielten – anderswo ist das selbstverständliche Normalität, hier schien es ein Grund, nach dem Jugendamt zu rufen. Je mehr Kontakte Neuzuwanderer und Einheimische untereinander haben, desto leichter kann mit kulturellen Unterschieden umgegangen und Reibungsfläche vermindert werden.

 

Kontaktaufnahme und Kommunikation

Dabei sind Gemeinsamkeiten äußerst hilfreich. Vielleicht gibt es in unserem Umfeld längst etablierte Sinti- oder Roma-Familien, die Verbindungen aufzubauen helfen können? Welcher Konfession gehören die Zuwanderer an; können wir sie zum Gottesdienst, vielleicht zu einem Gemeinde-Café einladen? Was können uns Mitarbeiter/ -innen der Caritas, die schon lange mit hiesigen, nicht fest ansässigen Roma in Kontakt sind, raten? Lässt sich Kontakt über die Kinder finden; gibt es in Schulen oder Kindertagesstätten dazu Ansprechpartner? Auf alle Fälle brauchen wir interessierte Menschen, die Fremden nicht von vornherein mit Angst begegnen, es braucht Ansprecher/-innen und Hingeher/-innen, die Kontakte herstellen und "Selbstverständlichkeiten" erläutern.

 

Einen guten Anfang kann man in Berlin-Neukölln beobachten: Dort sorgte vor knapp zwei Jahren ein Häuserblock für Schlagzeilen, wo all die vom Städtetag angesprochenen Probleme vorkamen: verwahrloste Mietshäuser, Müllberge und Ratten, illegaler Handel mit Untervermietungen, Überbelegung. Die meisten der Bewohner waren Roma aus Osteuropa, darunter viele Kinder. Vor gut einem Jahr konnte die katholische Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft die Gebäude kaufen, sanierte sie und sorgte für Kinderbetreuung, Deutschstunden und kulturelle Angebote. Der Caritasverband richtete eine Beratungsstelle ein, die für die Bewohner ebenso wie für die Nachbarschaft offensteht. Die früheren Probleme mit Müll und Ratten kann man sich nicht mehr vorstellen, heute sorgen die Bewohner für Sauberkeit in ihrem Hof. Damit sind die Bedenken und Ängste gegenüber dieser geballten Gruppe von Neuzuwanderern in der Nachbarschaft nicht einfach verschwunden, aber es gibt erste Brücken, Kommunikationskanäle, Informationen und Kontakte. Daran kann angeknüpft werden.

 

Autor: Prof. Dr. phil. Barbara Krause, emeritierte Politikwissenschaftlerin der Katholischen Hochschule NRW, Aachen, Mitglied des ZdK

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