Salzkörner

Montag, 3. Mai 2010

Vorwärts – trotz Stolpersteinen!

Das Zentrum Juden und Christen im Dialog auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München
Noch nie stand ein so großartiges Raumangebot für das Zentrum Juden und Christen auf einem Kirchen- oder Katholikentag zur Verfügung wie dieses Mal. Ein prächtiger Saal mit Bühne und 1500 Sitzplätzen, dazu mehrere mittelgroße Räume sowie ein weites Foyer für Infostand, Ausstellungen und Begegnung. Und das mitten im Messegelände! Die im Dialog von Juden und Christen Engagierten werden richtig verwöhnt in München, aber das haben sie auch nötig. Denn bekanntlich hat sich das Klima der christlich-jüdischen Beziehungen in jüngster Zeit merklich eingetrübt.

Seit vier Jahrzehnten gehört die Begegnung zwischen Juden und Christen zum Standardprogramm der Kirchen- und Katholikentage. Das gebietet unsere geschichtliche Verantwortung als Christen und als Deutsche. Denn die Schoa, der Versuch der systematischen Vernichtung des Judentums in Europa, ist von unserem Land ausgegangen und durchgeführt worden. Daher sind wir wie keine andere Nation für das lebendige Gedenken an den Holocaust und für die Aussöhnung zwischen Christen und Juden sowie zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung im In- und Ausland von Gott in die Pflicht genommen.

So schwer es manchmal auch sein mag, die Vorkämpfer des christlich-jüdischen Dialogs haben immer wieder die überraschende Erfahrung gemacht, dass der mehreren Autoren zugeschriebene Weisheitsspruch tatsächlich stimmt: "Wo der Ort der Schuld ist, da ist auch der Ort der Gnade." Wenn solche Aussöhnung gerade in Deutschland glückt, ist das immer ein Wunder, das Dankbarkeit und auch Hoffnung zur Überwindung anderer schrecklicher Konflikte in der Welt freisetzt.

Stolpersteine auf dem gemeinsamen Weg

Wohl kein anderer Katholik hat nach der Schoa so viel für die Aussöhnung der Christen und Kirchen mit dem Judentum beigetragen wie Papst Johannes Paul II. in den 27 Jahren seines Pontifikats. Und er stand nicht allein auf weiter Flur. Seine Pionierarbeit wurde von Katholiken und den anderen christlichen Kirchen mitgetragen, ergänzt und verstärkt durch zukunftsweisende Erklärungen und glaubwürdige symbolische Handlungen, durch gemeinsame Studien, erneuerten Religionsunterricht und Programme der Erwachsenenbildung, durch zahllose Reisen und Begegnungen. Dennoch ist Judenfeindschaft in aller Welt nach wie vor ein bedrohliches Faktum. Und in unserem Land schmerzt das umso mehr.

Papst Benedikt XVI. hat sich mehrfach sehr pointiert gegen Judenfeindschaft ausgesprochen. Dennoch irritiert es Juden und Christen, dass er Initiativen ergriffen hat, die als theologische Stellungnahme gegen Juden verstanden werden konnten. Man denke etwa an die Karfreitagsfürbitte für die Bekehrung der Juden im außerordentlichen römischen Ritus oder an die Aufhebung der Exkommunikation für vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft, die lautstark judenfeindliche Pseudotheologie propagieren. In unserem Land ist die theologische Kontroverse über ein entschiedenes Nein zur Judenmission, die vor einem Jahr aufgrund einer Erklärung des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim ZdK aufbrach, ein weiterer Stolperstein, der weiterbearbeitet werden muss.

Doch Hindernisse hin oder her – unser Glaube als Christen und Juden sowie die 2000-jährige Entzweiungsgeschichte zwischen unseren Geschwisterreligionen lässt uns keine andere Wahl: Vorwärts auf dem Weg der Aussöhnung! So lautet der Auftrag des Gottes Israels, der auch der Gott Jesu Christi und unser Gott ist. Hierfür gibt es zurzeit keine bessere Chance in unserer Gesellschaft als den 2. Ökumenischen Kirchentag in München.

Programm des jüdisch-christlichen Dialogzentrums

• Mit vier dialogischen Bibelarbeiten durch bekannte Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland – einmal zu einem alttestamentlichen und einmal zu einem neutestamentlichen (!) Text – startet das Programm am Donnerstag- und Freitagmorgen. Es ist ein sehr schmerzlicher Verlust, dass drei international renommierte Redner des ÖKT 2003 in Berlin in jüngster Zeit verstorben sind: Prof. Ernst Ludwig Ehrlich aus der Schweiz und Prof. Michael Signer aus den USA, jüdische Brückenbauer des Dialogs über Jahrzehnte. Und zu Ostern verstarb der Münsteraner Alttestamentler Prof. Erich Zenger, einer der bahnbrechenden Vorkämpfer für eine christliche Theologie, die das Judentum gebührend ernst nimmt. Zenger, ein begnadeter Redner, steht noch im Programm des ÖKT für die dialogische Bibelarbeit mit Landesrabbiner Brandt zur Noachgeschichte.
• Fünf hochrangig besetzte Podiumsdiskussionen im großen Saal stehen auf dem Programm. Aus philosophischer, biblischer und religionswissenschaftlicher Perspektive mischen sich die Referentinnen und Referenten auf vier Podiumsveranstaltungen in die aktuelle Debatte um den Wahrheitsanspruch der Religionen ein, der in der Geschichte und bis heute so viel Blut gekostet hat. Kann die Verpflichtung auf die Wahrheit und auf das unerschrockene Zeugnis für sie auch die Hoffnung auf die Achtung Andersdenkender begründen? Muss sie gar so interpretiert werden? Ein fünftes Forum wird einen biblischen Impuls zur Rettung aus der Bankenkrise ins Spiel bringen. Ein Wagnis: Ob das auch die Vertreter der Wirtschaft im Podium und im Saal diskussionswürdig finden?

• Mehrzügig finden im Lehrhaus am Donnerstag und Freitag insgesamt 30 Veranstaltungen mit einer breiten Themenpalette statt: Frau im Judentum, Versöhnungsarbeit von palästinensischen und israelischen Jugendlichen in Bethlehem, ein nicht antijüdisches Passionsspiel, natürlich auch Judenmission und anderes mehr. Seit vielen Jahren ist das jüdische Lehrhaus für Christen auf Katholiken- und Kirchentagen ein von Jung und Alt stark nachgefragtes Angebot. Es bietet die Gelegenheit einer Einführung in jüdische Feste und Bräuche, in für uns Christen fremde Zugänge zur Bibel, in historische und aktuelle Probleme und Initiativen. Rabbiner aus dem In- und Ausland sowie andere jüdische und nichtjüdische Experten und Initiativgruppen stehen hier Rede und Antwort. Wo sonst bietet sich diese Chance?

• Der Respekt vor der Sabbatruhe gebietet, das jüdisch-christliche Arbeitsprogramm rechtzeitig vor Sabbatbeginn am Freitagabend zu beenden. Doch entsprechen dem Sabbat durchaus das Bibelstudium und die Feier von Gottesdiensten. Die Israelitische Kultusgemeinde lädt Besucher des 2. ÖKT (natürlich in begrenzter Zahl) zu ihren Gottesdiensten in die Synagoge ein, die Liberale Jüdische Gemeinde, die in München noch keine große Synagoge hat, aber eine solche plant, lädt zu ihren Gottesdiensten in den großen Saal des Messezentrums ein. Ein jüdisch-christliches Bibelstudium und das Konzert "Heart and Soul – Jewish Inspiration for the World" mit Danny Maseng aus Los Angeles am Ende des Sabbats sind besondere Attraktionen. Auf eine christlich-jüdische Gemeinschaftsfeier, wie sie bei Katholikentagen Brauch ist, konnte sich die Projektkommission diesmal zu meinem Bedauern nicht verständigen.

• "Jüdisches Leben in München heute" und zwei weitere Ausstellungen warten auf Besucher im Foyer unseres Zentrums. In der Stadt bietet die Israelitische Kultusgemeinde Donnerstag und Freitag unterschiedlich thematisch gestaltete Synagogenführungen an. Dieses architektonische Meisterwerk zeugt vom neuen Selbstbewusstsein der Juden in Deutschland: "Angekommen im Herzen der Stadt" lautet der Titel einer Führung.

Autor: Prof. Dr. Hanspeter Heinz, Vorsitzender des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim ZdK

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