Salzkörner

Mittwoch, 28. Februar 2018

Warum Profis?

Journalisten und Medien als wichtige Player in der demokratischen Gesellschaft

Pressefreiheit und Medienvielfalt sind Grundpfeiler unserer Demokratie. Das ist allgemeine Überzeugung. Aber brauchen wir dazu den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Sei cool – sei Programmdirektor. Einen solchen Schlüsselanhänger hatten mir frühere Mitarbeiter geschenkt. Heute ist das längst Wirklichkeit für alle: die Mediatheken der Sender, aber noch viel mehr Netflix und Spotify machen es möglich. 80 Millionen ganz individuelle Programmdirektoren in Deutschland. Und die Zeitung, das Fernsehprogramm und die Radionachrichten können dichtmachen. Sind sowas von 20. Jahrhundert ...

Raus aus der Komfortzone

Sind sie nicht. Im Gegenteil – sie sind notwendige Bestandteile des Miteinanders in unserer Gesellschaft. Wenn wir das, was um uns herum geschieht, nur noch in der Filterblase des eigenen Egos sehen, dann wird der Blick auf die Welt notgedrungen enger und enger. Und Medien aller Art können da ein probates Gegenmittel sein: mit überraschenden Themen, neuen Sichtweisen und Perspektiven. Wie sonst gibt es einen Ausweg aus dem Hamsterrad der ewigen Wiederkehr des Gleichen und des mir Genehmen? Wie schaffen wir es, unseren Horizont zu weiten? Die andere Seite zu entdecken? Auch hier gilt: raus aus der Komfortzone.

Wer eine Zeitung oder Zeitschrift durchblättert, eine Sendung von Anfang bis Ende hört oder sieht, der stößt auf Vorgänge, Ereignisse und Positionen, die nicht zum eigenen Erfahrungsbereich oder Meinungsspektrum gehören. Und kann sich damit auseinandersetzen. Horizonterweiterung und Erwerb von ungeahntem Knowhow sind so möglich – notwendige/bleibende Voraussetzungen für Teilhabe. Denn erst hinreichende Informationen, Hintergründe und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen des gleichen Themas ermöglichen eigene reflektierte Entscheidung und bewusste Gestaltung. Kann das aber ohne Medienvielfalt gehen?

Schweizer Diskussionsanstöße

Die Schweiz steht vor einer solchen Entscheidung. Am 4. März stimmen die Bürger dort ab, ob sie weiterhin gemeinsam und solidarisch ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunk über Gebühren (Billag) finanzieren wollen – oder eben nicht. Der Grundgedanke der Gegner des bestehenden Systems: Jeder soll nur für das bezahlen, was er auch nutzt. Das soll dann in der Schweiz nicht nur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten, sondern auch für viele andere Bereiche, von der Bahn und der Autobahn bis hin zum Schul- oder Gesundheitssystem. Das würde bedeuten: Die Medien sind dem freien Spiel des Marktes überlassen. Die Programme in der Schweiz senden in vier Sprachen – 17 Radio- und sieben TV-Programme. Gerade die Angebote für eine kleine Sprachgruppe jedoch ließen sich allein auf dem Markt kaum finanzieren.

Im Augenblick sehen die Demoskopen in der Schweiz einen Vorsprung für die Unterstützer des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Aber selbst wenn sie Recht behalten sollten – die Diskussion ist angestoßen. Und hat uns in Deutschland längst erreicht. In Zeiten des Internets, so die Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sei ein beitragsfinanzierter Journalismus überflüssig.

Recherchieren, erläutern, aufklären

Ein Trugschluss. Es ist selbstverständlich niemandem verwehrt, sich seine eigenen Informationen zu beschaffen und sich selbst ein Bild zu machen. Im Gegenteil: Er oder sie soll es sogar, soweit immer es möglich ist. Aber: der professionelle Journalismus leistet Hilfestellung. Seine Aufgabe: recherchieren, erläutern, aufklären. Und – im Zeitalter des Internets ganz besonders – falsifizieren und verifizieren. Das ist eine unverzichtbare Dienstleistung für die Gesellschaft. Journalisten sind Warum-Profis – ihre Aufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen und die passenden Antworten zu finden. Vor allem aber: hinzuschauen. Geduldig zu beobachten und zu erklären. All das tun sie für andere, auch wenn der Journalismus einer der wenigen Berufe ist, bei denen die Neugierde als Tugend gilt.

Oftmals ist es schon eine Frage der Zeit und der Bequemlichkeit: Wenn mir in 15 Minuten das präsentiert wird, was für den Tag wichtig ist, dann spart mir das im Zweifel Stunden oder gar Tage des eigenen Lesens, Suchens und Recherchierens. Einmal abgesehen von den Möglichkeiten, die sich für den einzelnen doch zunächst einmal auf Google und Co. beschränken. Echte Recherche sieht anders aus.

Und genau da setzt die Begründung für Journalismus an: bei der Qualität und Professionalität. Das gilt für Zeitungsjournalisten genau wie für Onliner wie für Radio- und Fernsehleute. Die Erwartungen und die Anforderungen sind gleich. Und dennoch gibt es Unterschiede – vor allem zwischen den Medien, die sich auf dem Markt behaupten und aus Werbeerlösen und Abonnements finanzieren und denen, die von der Allgemeinheit finanziert werden, den öffentlich-rechtlichen also.

Beitragsfinanziert, nicht durch Steuern

Ein kleiner Exkurs, um die Konfusion unterschiedlicher Ansätze zu vermeiden: Es ist entscheidend für das Selbstverständnis der Fernseh- und Radiomacher, dass ihre Sender eben durch einen Beitrag, eine Gebühr – und eben nicht durch Steuern – finanziert werden. Denn damit sind Etat und Möglichkeiten der Sender eben nicht vom Staat(shaushalt) und der Kassenlage abhängig. Sender, die von der Gesellschaft – die mit ihren Vertretern in den Rundfunkräten sitzt – kontrolliert werden, sind eben alles andere als Staatsfunk..

Auch für Minderheiten

Diese vergleichsweise komfortable Situation verpflichtet aber auch in hohem Maße: zu einem Programm, das informiert, das bildet, das unterhält – ja, auch die Unterhaltung gehört zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag. So hat es das Bundesverfassungsgericht 1986 in seinem Urteil zum Grundversorgungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks festgelegt. Das heißt: nicht nur ein Programm für die Nische, sondern Angebote für alle Alters- und Zielgruppen. Aber auch für Minderheiten, die ohne diesen Auftrag schnell außen vor bleiben würden. Ganz klar, die Einschaltquote kann dabei nicht der einzige Maßstab sein. Eine Kultursendung wird immer weniger Zuschauer als der Krimi haben, die Hauptnachrichten immer mehr Publikum als der anspruchsvolle Dokumentarfilm. All das aber ist Bestandteil des Programmauftrags, den die öffentlich-rechtlichen Sender erfüllen. Und mit dem sie eine unabhängige Programmvielfalt bieten, die allein marktfinanziert nicht denkbar wäre.

Heribert Prantl hat es Ende Januar dieses Jahres bei der Verleihung des Siebenpfeiffer-Preises auf den Punkt gebracht: Der Namensgeber des Preises kämpfte für die Pressefreiheit, schon auf der Kundgebung beim Hambacher Schloss. Und als eine seiner Druckerpressen vom König versiegelt wurde, klagte er dagegen. Seine Begründung: Das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von Backöfen. Ins 21. Jahrhundert übersetzt heißt das: "Pressefreiheit ist das tägliche Brot für die Demokratie." Und eine möglichst vielfältige Medienlandschaft ist die Voraussetzung dafür.

Gewachsenes Vertrauen 

Allen Lügenpresserufen zum Trotz ist das Ansehen der Medien in Deutschland in den vergangenen Monaten gestiegen: Eine Langzeitstudie des Instituts für Publizistik der Universität Mainz kommt zu dem Ergebnis, dass 13 Prozent der Deutschen der Auffassung zustimmen, von den Medien systematisch belogen zu werden. Vor einem Jahr waren es noch 19 Prozent. Dabei haben die Befragten vor allem die Tagespresse und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Blick. Das Vertrauen – sehr allgemein formuliert – in das Internet dagegen ist abgestürzt: Waren es vor einem Jahr noch 24 Prozent, sind es jetzt nur noch 10 Prozent, die dem Netz als Informationsquelle vertrauen.

Nun haben Journalisten selbst Skepsis zu ihrer Grundtugend erklärt. Eine Haltung, die sie ihren Lesern und Zuschauerinnern vermitteln, eine Haltung, die der Demokratie und der Gesellschaft guttut. Wer fragt, wer Zweifel hat, wer nicht gleich alles glaubt und nachbohrt – der kann etwas bewegen in der Gesellschaft. Nicht jede Recherche entwickelt sich zum Watergate Skandal, nicht hinter jedem Leak verbergen sich Panamapapers. Aber die vielen kleinen Schritte sind oftmals genauso entscheidend.

 

 

 

Autor: Dr. Claudia Nothelle Vertretungsprofessur Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal, ehemalige Programmdirektorin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Mitglied des ZdK

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