Salzkörner

Montag, 28. Juni 1999

Was ist uns Europa wert?

Warum ist das Interesse am Europäischen Parlament so gering? Müßten wir nicht alle froh sein, daß nach vielen kriegerischen Jahrhunderten in einem großen Teil unseres Kontinents der Friede selbstverständlich geworden ist, weil in der Europäischen Union viele Gebiete unseres Lebens grenzüberschreitend miteinander verwoben sind? Und verlangt nicht das wachsende Maß von Gemeinsamkeit nach einer gemeinsamen politischen Autorität, wie sie in einer freiheitlichen Ordnung nur ein demokratisch gewähltes Parlament ausüben kann? Ein Parlament bedarf der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Es muß ein Zentrum des öffentlichen Diskurses sein. Noch existiert eine europäische Gesellschaft und eine europäische Öffentlichkeit nur in Ansätzen. Eine Gesellschaft konstituiert sich ganz wesentlich durch gemeinsame Werte, auf die sich die öffentliche Debatte über Positionen und Interessen ausdrücklich oder stillschweigend bezieht. Die bisherige europäische Integration wurde aber vor allem durch Interessen und Interessenausgleich motiviert. Für die Existenz und das Leben einer Gesellschaft ist das zu wenig. Ohne verbindende Wertvorstellungen gibt es kein gemeinsames Handeln, das den Eigennutz zurückstellt und auch zu Opfern bereit ist. Wertvorstellungen folgen aus Überzeugungen. Ob sich eine europäische Gesellschaft herausbildet, hängt also nicht zuletzt davon ab, ob Menschen gemeinsamer Überzeugung auf europäischer Ebene zusammenwirken, um ihren Wertvorstellungen Geltung zu verschaffen. Viel stärker als bisher muß es die Aufgabe europäischer Katholiken sein, gemeinsame Positionen zu formulieren und dafür öffentlich einzutreten. Nur auf diese Weise haben sie eine Chance, dazu beizutragen, daß die jüdisch-christliche Tradition Europas lebendig bleibt und einen Eckstein für die Wertegrundlagen einer künftigen europäischen Gesellschaft bildet.

Autor: Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Präsident des ZdK

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