Salzkörner

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Wege zu einer Kultur der Gerechtigkeit

Zum Themenbereich 2 des Mannheimer Katholikentags

Globalisierung gerecht gestalten: Kirchen, Zivilgesellschaft und Politik vertreten diese Forderung, von Ethikern und Wirtschaftswissenschaftlern wird sie immer wieder neu begründet, niemand widerspricht ihr. Dennoch treiben Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Ausbeutung von Mensch und Natur weltweit in eine gefährliche Sackgasse – immer tiefer, wie leider einige Indikatoren belegen.

Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, hat weltweit wieder zugenommen. Der Anstieg ist mit verursacht durch die Auswirkungen der globalen Finanzkrise, die Klimakrise, aber auch durch erhöhte Nahrungsmittelpreise, befördert durch Spekulation mit Nahrungsmitteln. Die Ungleichheit wächst und ist damit ein Haupthindernis für soziale und ökonomische Entwicklung. Sie wächst zwischen den und innerhalb der Länder des Nordens und des Südens – auch innerhalb Deutschlands, wie der jüngste OECD-Bericht belegt.

Abgestimmte Lösungen

Die neuesten Daten zum Klimawandel zeigen einen bedrohlich beschleunigten Abbau der Ozonschicht an. Die Symptome rücken uns auch in den Industrieländern näher auf den Leib: Die Zahl der Extremwetter weltweit wächst. Die UN-Weltkonferenzen hangeln sich von einem Klimagipfel zum nächsten, ohne dass es zu verbindlichen Vereinbarungen kommt, die die großen Industrienationen und Hauptklimasünder zu verbindlichen Reduktionen verpflichten und gleichzeitig den Entwicklungs- und Schwellenländern Rahmenbedingungen schaffen, sich aktiv am Klimaschutz zu beteiligen. Der notwendige "global deal", so etwas wie ein gerechter Lastenausgleich, erfordert eine Grundhaltung der Solidarität, eine "Globalisierung der Solidarität". Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Klima- und Energie- sowie die Hungerkrise müssen zusammengesehen werden und abgestimmte Lösungen gefunden werden.

Kultur der Gerechtigkeit

Aber es braucht nicht nur bei Regierungen Bereitschaft zu kooperativen und solidarischen Lösungen. Auch in der Bevölkerung, zunächst der Industrieländer, müssen solche Lösungen mehrheitsfähig werden. Dazu braucht es Einsicht, dass die aktuellen Wachstumsvorstellungen und Konsummuster nicht nachhaltig sind, braucht es soziale Fantasie und Bereitschaft, gerechte und nachhaltige Lebensstile zu entwickeln, Energie- und Ressourcenverbrauch entsprechend zu verändern, umweltverträglich mobil zu sein. Auch bei den Reichen und Eliten der Schwellen- und Entwicklungsländer braucht es solchen "change of mindset". Es gibt gute und tragfähige Analysen und Konzepte für Wege zur gerechten und nachhaltigen Entwicklung. Aber weltweit machen wir kaum Fortschritte in der politischen Umsetzung, kaum Fortschritte auf den notwendigen Wegen zu einer Kultur der Gerechtigkeit.

Wachstum neu denken

Im Themenbereich 2 des Katholikentages in Mannheim werden einige Schlüsselbegriffe auf diesem Weg thematisiert. Auf einer der Hauptveranstaltungen wird die Frage nach dem Wachstum und damit "die Gretchenfrage der globalen Entwicklung" gestellt. Immer mehr, immer höher, immer schneller, die Kategorien des quantitativen Wachstums haben wir alle verinnerlicht, sie prägen wirtschaftliche und gesellschaftliche Ziele und Dynamik, aber auch persönliche Lebensstile und Antriebsstrukturen. Der aktuelle globale Wachstumspfad aber ist nicht global nachhaltig. Wie sieht die notwendige Transformation zu ökologischer Nachhaltigkeit aus, die auch die globale Gerechtigkeit im Blick behält? Und was hindert uns eigentlich an dieser Transformation bzw. Veränderung?

Die entscheidenden Defizite liegen heute vielleicht nicht mehr im Bereich des Wissens um die Problematik, sondern im Bereich der Umsetzung dieses Wissens in individuelles und kollektives Handeln. Der Deutsche Bundestag hat eine Enquetekommission zu diesen Fragen eingerichtet, deren Vorsitzende ist zu dieser Katholikentagsveranstaltung eingeladen, sich mit dem Präsidenten des ZdK, Alois Glück, auszutauschen, aber auch mit Unternehmern, die in einer wachstumsorientierten Wirtschaft neue Schritte ausprobieren. Und das Publikum wird einbezogen: Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen für nachhaltig erzeugte und gerecht verteilte Energie?

Vorbild Katholikentag

Da passt es sehr gut, dass der Katholikentag selbst in Organisation, Abläufen und Angeboten Wege weisen will, wie "zukunftsfähig leben" aussehen kann mit einem nachhaltigen Mobilitätsverhalten in An- und Abreise, ökofairer Verpflegung und Reinigung, effizienter Energienutzung und Müllvermeidung u. a. Zeitwohlstand, Nachhaltigkeit und Lebenskunst sollen thematisiert und erfahren werden. Der Themenbereich 2 diskutiert politische Rahmenbedingungen eines solchen zukunftsfähigen Lebensstils. Der Katholikentag kann damit hoffentlich Kongruenz in Reden und Handeln zeigen – denn das überzeugt am stärksten!

Kampf gegen Armut

Warum bestehen Armut und Hunger fort in einer Welt, in der es so viel Reichtum gibt wie noch nie zuvor? Die Zahl der Armen wächst sogar. Die Grenzen zwischen den Kategorien "Erste Welt" und "Dritte Welt" verschwimmen: Armut und Marginalisierung gibt es in allen Gesellschaften und auch in den armen Ländern existieren Inseln unvorstellbaren Reichtums. Wir erkennen immer stärker unsere wechselseitige Abhängigkeit in den Krisen wie auch auf möglichen Entwicklungspfaden. Für keine der angesagten Krisen und Herausforderungen wird es in Zukunft nationalstaatliche Lösungen geben können. Wir müssen uns weltweit zu einer internationalen Kooperation zusammenraufen, die Menschen ein würdiges Leben ermöglicht, gleich ob sie in den Slums von Kalkutta, den Favelas von Rio, der Sahelzone oder in Chicago leben.

Darum geht es in einer Veranstaltung unter dem Titel "Tödliche Armut. Wir sind Teil des Problems – werden wir Teil der Lösung?" Die partnerschaftliche Zusammenarbeit der Industrie- und Entwicklungsländer, das achte Millenniums-Entwicklungsziel, gewinnt dabei immer größere Bedeutung, partnerschaftliche Zusammenarbeit auch zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren im Norden wie im Süden. Denn globale Gerechtigkeit ist mit weitreichenden Konsequenzen für die Lebens- und Verhaltensweisen auch in den Industrieländern verbunden. Wir brauchen international handlungsfähige Akteure, die in der Lage sind, eine gemeinwohlorientierte Politik gegen Neoliberalismus und Utilitarismus durchzusetzen. Wir brauchen neue Formen partnerschaftlicher und wirksamer Global Governance, die internationale Lösungen mit der lokalen Agenda vor Ort verbinden können.

Ordnung der Finanzmärkte

Eine brennende Frage internationaler Ordnung betrifft die ungeregelten Finanzmärkte. Viele weltkirchliche Stimmen, zuletzt der Päpstliche Rat "Justitia et Pax", haben für eine neue Finanzordnung plädiert. "Wider die organisierte Verantwortungslosigkeit", unter diesem Titel sind u. a. der frühere Bundespräsident und IWF-Chef Horst Köhler und Mario Draghi, der EZB-Präsident, eingeladen, die Grundzüge einer gerechteren und funktionierenden Ordnung der Finanzmärkte zu diskutieren, die Finanzdienstleistungen für die reale Wirtschaft anbieten können.

Aufgebrauchte Solidarität?

Angesichts enger werdender Ressourcen machen sich gerade in Europa, dem aus der jüdisch-christlichen Tradition geprägten Kontinent, anstatt neuer Aufbrüche zu einer Kultur der Gerechtigkeit neue Nationalismen breit, die der dringend notwendigen wirtschaftlichen und finanziellen Integration Europas diametral entgegenstehen. Ist der Vorrat an Solidarität in Europa aufgebraucht? Auch eine solche gefährliche Sackgasse gehört in das Themenspektrum dieses Themenbereichs.

"Einen neuen Aufbruch wagen", angesichts der globalen Krisen kommt das Motto des nächsten Katholikentages in Mannheim recht vollmundig daher. Aber wenn das Reich Gottes tatsächlich unter uns schon angebrochen ist, dann ist doch noch alles möglich. Hoffnung und Ermutigung, trotz dramatischer Fehlversuche neu aufzubrechen und Wege zu einer Kultur der Gerechtigkeit nicht nur zu suchen, sondern tatsächlich auch zu gehen – vielleicht sind dies die wichtigsten Beiträge, die christlicher Glaube in dieser weltweiten Krise und fehlenden politischen Steuerung einbringen kann!

 

 

 

Autor: Gertrud Casel Geschäftsführerin der deutschen Kommission Justitia et Pax, Vorsitzende des Katholikentags-Arbeitskreises zum Themenbereich 2

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