Salzkörner

Mittwoch, 7. März 2012

Wege zu einer Kultur des Lebens

Zum Themenbereich 3 des Mannheimer Katholikentags

Damit das Leitwort "Einen neuen Aufbruch wagen"
des 98. Deutschen Katholikentags in Mannheim vom 16. bis 20. Mai auch konkret wird, wurden den vier Themenbereichen, in denen die großen Podien vorbereitet werden, entsprechende "Aufbruch"-Themen gegeben. So erhielt der Themenbereich 3 die Aufgabe, neun Podien an dem Leitwort "Wege zu einer Kultur des Lebens" auszurichten. Das Wort "Kultur" umfasst dabei die Herausforderungen zum Schutz des menschlichen Lebens und der uns bergenden Gesellschaft und Natur.

In der heutigen Zeit erscheint mir der konkrete Schutz des menschlichen Lebens als die größte Herausforderung. Das Psalmwort: "Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk" (Psalm 127,3) wird häufig nicht mehr bejaht. Laut statistischem Bundesamt finden seit 1996 jährlich zwischen 110.000 bis 135.000 Abtreibungen statt. Es geht hier nicht nur um die Entscheidung über das eigene Leben, sonder auch über das Leben eines unschuldigen Kindes, dem das Recht auf Leben verweigert wird.

Ein weiteres, zweites Themenfeld ist eng verbunden mit den Fortschritten in der Medizin. Seit 1960 hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern von 66,4 auf 77,7 Jahre im Jahr 2010 erhöht. Bei Frauen ist sie im gleichen Zeitraum von 71,7 auf 82,7 Jahre angestiegen. 1978 wurde das erste in der Retorte gezeugte Kind zur Welt gebracht. Mit der Entschlüsselung des genetischen Bauplans des Menschen wuchsen die Phantasien vom gentechnisch verbesserten Menschen und einem Leben ohne Behinderung und Krankheit. In der Folge entwickelte sich die Vorstellung oder auch Erwartung, dass die Medizin Leid bei Krankheit und insbesondere am Lebensende verhindern könne. Damit war der Weg nicht mehr weit zur aktiven Sterbehilfe bei schweren Krankheiten. Als Folge der künstlichen Befruchtung entstanden immer mehr "überzählige" Embryonen. Dies lieferte die für die Stammzellforschung bzw. für das Experimentieren mit dem menschlichen Erbgut benötigten Embryonen. Die Anwendungsfelder wie zum Beispiel das Klonen, und die Präimplantationsdiagnostik (PID) sind vielfältig und haben glücklicherweise eine Reihe von grundsätzlichen ethischen Diskussionen angestoßen. In manchen Ländern sind dies schon fast alltägliche Anwendungsgebiete der Biomedizin.

Eine dritte große Herausforderung für uns Christen und die Menschheit ist die Bewahrung von Gottes Schöpfung. Durch den Treibhauseffekt stiegen die Durchschnittstemperaturen der erdnahen Atmosphäre und der Meere in den letzten Jahrzehnten merklich an. Für die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, ist das Konsumverhalten der Staaten des Nordens mitverantwortlich für den Hunger in der Welt und sie fordert einen verantwortungsvolleren Umgang mit Nahrungsmitteln. Der kürzlich erschienene Film "Taste the Waste" schockiert mit der Botschaft, dass rund die Hälfte unserer Nahrungsmittel, bis zu 20 Millionen Tonnen pro Jahr allein in Deutschland, im Müll landet. Die Konkurrenz zwischen "Tank, Trog und Teller", also Wettbewerb um Ackerböden zwischen den Erzeugern von Biokraftstoff und Futtermitteln einerseits und der wachsenden Ernährungsunsicherheit der lokalen Bevölkerung wird insbesondere bei knapper werdender Energie immer größer.

Herausforderungen

Zu diesen Herausforderungen kommen weitere Felder, die deutlich machen, dass es bezüglich der "Kultur des Lebens" Handlungsbedarf gibt:

Die klassische Eltern-Kind-Familie gibt es immer weniger, viele Kinder leben zusammen mit einem alleinerziehenden Elternteil oder in Patchwork-Familien. Durch den Versuch, Familie und Beruf gerecht zu werden, wird die Belastung der Mütter und auch der Väter immer größer. Die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen steigt kontinuierlich an. Immer mehr Menschen sind den psychischen Belastungen unserer Gesellschaft nicht mehr gewachsen und brauchen ärztliche und seelische Unterstützung. Leider trifft das auch schon auf unsere Kinder zu, die den schulischen und außerschulischen Anforderungen nicht mehr standhalten zu können.

Die demografische Alters-Entwicklung hat trotz der vordergründigen Vorteile zur Folge, dass viele Menschen im Alter einer Pflege und Zuwendung bedürfen, die nur sehr schwer oder gar nicht zu leisten ist.

Die Sonntags-FAZ widmete der "Single-Gesellschaft" im September 2011 einen mehrseitigen Bericht. Danach ist die Zahl der Alleinstehenden (ledig, geschieden, getrennt lebend oder verwitwet) 1996 von 14,2 auf 17,4 Millionen Menschen 2010 angestiegen. Dort wird auch festgestellt: "In einer Welt, die politisch wie ökonomisch aus den Fugen zu geraten droht, betrachten Menschen das vermeintlich prekäre Lebensmodell der Alleinstehenden mit Furcht."

Viele Menschen leben mit einer Behinderung. Die seit 2009 auch in Deutschland geltende Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen spricht jedem Menschen das Recht auf "Inklusion" zu. Doch von dieser rechtlichen bis zur tatsächlichen Gleichstellung behinderter Menschen ist es noch ein weiter Weg.

Die steigende Bedeutung von Äußerlichkeit und Aussehen hat bei vielen Menschen zur Folge, dass sie sich vermehrt Schönheitsoperationen und -behandlungen unterziehen. Umfragen in den USA besagen, dass bereits 30 Prozent aller Jugendlichen einen schönheitschirurgischen Eingriff in Betracht ziehen. In Deutschland warnen Kinder- und Jugendärzte vor diesem Trend. Gesundheitspolitiker fordern jetzt sogar ein Verbot von Schönheitsoperationen an Minderjährigen.

Leben in Fülle

Das Leitwort des Katholikentags-Themenbereich 3 "Wege zu einer Kultur des Lebens" ist ganz nahe an der Kernbotschaft Jesu Christi: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Mit der Vorgabe, den Themenbereich 3 unter diesem Leitwort zu gestalten, wird versucht, Gottes Wort in dieser Zeit in Taten umzusetzen. Johannes Paul II. schreibt 1995 in seiner Enzyklika "Evangelium vitae": "Alle Mitglieder der Kirche, des Volkes des Lebens und für das Leben, lade ich ganz dringend ein, miteinander dieser unserer Welt neue Zeichen der Hoffnung zu geben, indem wir bewirken, dass Gerechtigkeit und Solidarität wachsen und sich durch den Aufbau einer echten Zivilisation der Wahrheit und der Liebe eine neue Kultur des menschlichen Lebens durchsetzt."

Der Glaube an Gott als unseren und den Schöpfer der Welt bedeutet für uns Christen, dass wir unserem Schöpfer gegenüber in dieser Verantwortung stehen. Wir sind ihm gegenüber verantwortlich und rechenschaftspflichtig. Die notwendige Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem natürlichen Leben wird sich nur einstellen, wenn wir zu einer neuen Hinwendung zu Gott gelangen, die ihn wieder ganz neu als Schöpfer und Herrn unseres Lebens ehrt. Erst wenn wir wieder ihn, die Quelle allen Lebens, "fürchten, lieben und vertrauen" (Luther), werden wir auch gegenüber der Schöpfung, dem geschöpflichen Leben und dem Menschen die rechte Grundhaltung gewinnen.

Programm

Die Veranstaltungen rund um "Wege zu einer Kultur des Lebens" wollen Aufbrüche, vorwärts gerichtete, vielfältige Möglichkeiten (Wege) aufzeigen und innovativ sein. Folgende Themen werden behandelt:

Wie bewahren wir das "Geschenk des Lebens", wenn alles planbar und machbar ist? – Schöpfungsverantwortung in der Einen Welt – Land- und Ernährungswirtschaft zwischen Überfluss und Welthunger – Wie viel Zeit braucht Familie? Herausforderungen an eine neue Zeitpolitik – Eltern, Schule, Erwachsenenbildung-Partner für gelingende Erziehung? – Die Rolle von Singles in Kirche und Gesellschaft – Strukturelle Veränderungen und Prävention von sexuellem Missbrauch in Institutionen – Wie Inklusion von Menschen mit Behinderung gelingen kann –

Häusliche Pflege und Karriere für Frau und Mann? – Sterben in einer Welt des Machens

Eine Kultur des Lebens ist der Traum, die Vision von einer besseren, menschenfreundlicheren Welt. Sie lässt sich nicht als Entwurf oder Programm formen, sondern ist eine Kultur vieler kleiner Schritte, die in eine Vielzahl von Veränderungen münden. Wie sie endgültig aussehen kann, ist offen.

 

 

 

Autor: Richard Pfeifer, Vorsitzender des Katholikenrates im Bistum Fulda, Vorsitzender des Arbeitskreises zum Themen- bereich 3, Mitglied des ZdK

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