Salzkörner

Sonntag, 30. April 2000

Wehrdienst

Bei kaum einem Thema stellen sich so sehr Grundfragen der christlichen Existenz wie bei der Haltung für oder gegen die Wehrpflicht. Denn diese Entscheidung berührt unmittelbar das Gebot der Nächstenliebe, das in letzter Konsequenz das Gebot der Feindesliebe einschließt. Entspricht es nicht christlicher Glaubensüberzeugung, in keinem Fall zur Waffe zu greifen, sondern ganz der alles überwältigenden Kraft unzweideutigen Friedenswillens und unbedingter Gewaltlosigkeit zu vertrauen?

Das Zeitalter auf Gewalt setzender Ideologie warf jedoch die Frage auf, ob Christen zusehen dürfen, wenn Menschen der nationalistischen Herrschsucht, dem rassistischem Wahn oder sozialem Hass zum Opfer fallen und das Verderben bringende Unheil vor keiner Grenze Halt macht. Ob und wie wir unsere eigene Person verteidigen, ist unsere Sache. Aber retten wir dadurch unsere Seele, dass wir anderen wirkungsvolle Hilfe verweigern?

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts lehrt uns, wie viel Leid verhindert worden wäre, hätte man sich nur rechtzeitig aufgerafft, den Mördern und Aggressoren mit glaubwürdiger Entschlossenheit zum militärischen Einsatz entgegenzutreten. Diese Erkenntnis sollte uns Grund sein, in Ruhe und gegenseitiger Achtung darüber nachzudenken, welche Haltung Christen in dieser Zeit zur Wehrpflicht einnehmen können.

Das Ende des Kalten Krieges hat nicht nur weiten Teilen Europas die Freiheit gebracht. Das Aufbrechen der erstarrten Konfrontation hat auch bei manchen die Vorstellung geweckt, man könne seine Ziele wieder mit dem Mittel des Krieges durchsetzen. Der Friede, in dem wir leben, darf uns nicht die traurige Tatsache verdecken, dass in manchen Teilen Europas und in vielen Teilen der Welt Kriege oder zumindest Kriegsgefahr herrscht.

Der freiheitliche Charakter unserer Gesellschaft macht Politik zu einer Sache aller. Das gilt auch für die Existenz und den Einsatz der Bundeswehr. Dabei muss jedes militärische Handeln dem Ziel dienen, Frieden zu bewahren oder wieder herzustellen. Glaubhaft zum Handeln bereit und fähig zu sein, ist der beste Friedensdienst.

Autor: Hans Joachim Meyer

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